Die Horror-Mucke

(Vor-)Weihnachtszeit ist ja bekanntlich Muckenzeit, und wer hat nicht schon mal eine Mucke gehabt, die der absolute Horror war? Hier möchte ich von einer berichten, die ich vor einiger Zeit erlebt habe.

Eine typische Mucken-Anfrage

Es begann ganz harmlos: Ich bekam einen Anruf, ob ich am Wochenende Zeit für ein Orchesterprojekt habe. Morgens Probe, abends Konzert, Harfe nur bei wenigen Stücken besetzt. Die Gage war nicht üppig, aber in Ordnung. Einziger Nachteil: Probe und Konzert würden Open-Air stattfinden und ich müsste meine eigene Harfe mitbringen. Klar, kein Problem, solange es nicht zu kalt wird. Für die Harfe müsste ich natürlich etwas extra berechnen, wie üblich. Bis hierhin wirkte alles ganz normal. Vielleicht ein bisschen chaotisch, aber alles im Rahmen.

Die Noten wurden mir nicht zugeschickt, ich bekam nur einen Cloud-Link, bei dem ich mir die Noten selbst herunterladen und ausdrucken sollte. Eigentlich keine schlechte Sache, so konnte ich zumindest sichergehen, dass ich wirklich alle Noten hatte. Dachte ich. Einen Ablaufplan sollte ich noch bekommen. Sollte ich.

Am nächsten Tag bekam ich eine Mail. Es würden jetzt doch noch mehr Stücke mit Harfe sein, ob ich nicht doch schon am Tag vorher zur Probe kommen könnte. Nun ja, an und für sich kein Problem, ich hatte Zeit und würde natürlich mehr Gage dafür berechnen.

Immer wieder spannend: Was steht in der Probe auf dem Notenpult?

Aus meiner langjährigen Erfahrung war mir schon klar, dass ich nicht alle Noten bekommen hatte. Doch als ich zur ersten Probe kam, lagen auf meinem Pult nicht wie gedacht sechs Stücke, sondern 13! Ich machte meinem Unmut gegenüber dem Dirigenten Luft. Sein Kommentar: Ja, er wüsste, dass die Harfenisten das nicht so gerne hätten, aber die Noten würden immer erst so spät geliefert. Hektisch versuchte ich, die unbekannten Stücke noch vor Probenbeginn einzurichten. Und das waren bei weitem nicht nur welche, die man vom Blatt spielen konnte! Mein Blutdruck stieg.

Während der Probe sah ich immer wieder skeptisch auf die Uhr. Das Programm zog und zog sich, keine Chance, dass wir in einer Probe damit durchkommen würden. Und ich sollte recht behalten: Nach drei Stunden hatten wir grade mal die Hälfte der Stücke geschafft. Ich wollte schon meine Harfe einpacken und wieder nach Hause fahren, da hörte ich zufällig, wie sich andere Musiker über die zweite, am Abend stattfindende Probe unterhielten. Dass hatte man wohl auch vergessen, mir zu sagen…

Um ca. 11 Uhr abends war ich wieder zu Hause. Immerhin hatte ich noch herausbekommen, dass die Probe am nächsten Tag schon um neun beginnen würde. Nach einer kurzen Nacht (die ich auch, wenn ich alle Termine gekannt hätte, bequem in einem Hotel hätte verbringen können) machte ich mich auf den Weg.

Die Probe war auf vier Stunden angesetzt, die wir auch voll ausschöpften. Sie fand bereits auf der Open-Air-Bühne statt. Es war kühl, aber noch erträglich. Die anderen Musiker hatten kein Problem mit den Witterungsbedingungen, da wollte ich nicht den Buhmann spielen. Leider war das Konzert erst für 21 Uhr angesetzt (wieder so eine wichtige Info…), sodass ich die Wahl zwischen drei zusätzlichen Autostunden oder acht Stunden Zeit totschlagen hatte. Die späte Uhrzeit machte mir zunehmend Sorge, weil es den Tag über merklich kühler wurde und außerdem zu regnen begonnen hatte. Nach meiner Einschätzung würde das Konzert bis mindestens halb zwölf dauern.

Die Saiten lösen sich langsam auf

Pünktlich zum Konzert hörte es auf zu regnen, was eine von mir zu diesem Zeitpunkt herbeigesehnte Absage des Konzerts leider verhinderte. Schon beim Stimmen merkte ich, dass meine Harfe in keinem guten Zustand mehr war. Von der Kälte und der Feuchtigkeit klangen viele Saiten ganz stumpf und ich hatte Schwierigkeiten, eine einigermaßen saubere Stimmung hinzubekommen. Zeit, um noch Saiten auszutauschen, war leider keine mehr. Ich hoffte, dass die Stimmung wenigstens bis zur Pause halten würde.

Während des Konzerts konnte ich beobachten, wie manche Saiten anfingen, sich regelrecht aufzulösen. Überall ragten kleine Fasern aus der Saite heraus und klirrten bei jedem Ton. Der Klang wurde immer schrecklicher und es war mir richtig peinlich. Ich versuchte, die schlimmsten Saiten nur ganz leise zu spielen oder da, wo es ging, enharmonisch zu verwechseln. Ich sehnte die Pause herbei.

Doch die kam nicht. Wer kommt bitteschön auf die Idee, ein dreistündiges Open-Air-Konzert um 21 Uhr ohne Pause zu machen??? Eine Geige kann man ja zwischendurch schnell nachstimmen, aber an mich hatte natürlich niemand gedacht. Ich versuchte, zwischen den Stücken die schlimmsten Saiten nachzustimmen, doch da war mittlerweile kaum noch etwas zu machen.

Irgendwie schaffte ich es bis zum Ende des Konzerts. Anschließend packte ich so schnell wie möglich meine Harfe ein und fuhr totmüde nach Hause, wo ich gegen zwei Uhr nachts ankam.

Und immer wieder Ärger mit dem Geld…

Das dicke Ende kam ein paar Tage später, als ich dem Veranstalter meine Rechnung schicken wollte. Ich hatte die Gage an die zusätzlichen Termine angepasst und auch einen gewissen Betrag als Harfenmiete deklariert. Zurück bekam ich eine wütende Mail, was denn das mit der Miete solle, wo kämen wir denn da hin, wenn auf einmal alle Musiker Geld dafür verlangen würden, dass sie ihre Instrumente mitbringen, das sei doch selbstverständlich. Ich wies darauf hin, dass das nun mal unsere Abmachung gewesen sei, und ich merkte auch an, dass ich schon bezüglich der ganzen zusätzlichen Stücke und Proben sehr entgegenkommend gewesen sei. Ja, die Kommunikation sei nicht optimal gewesen, das gebe man ja gerne zu, und bei der Harfenmiete habe man halt nicht schnell genug nein gesagt, erhielt ich als Antwort.

Ich erhielt letztendlich tatsächlich den von mir verlangten Betrag. Allerdings bezweifle ich, dass von dieser Seite aus noch einmal eine Muckenanfrage kommen wird. Ist vielleicht auch ganz gut so…

Daniel

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