Gustav Kuhn (2012)

In der klassischen Musik bahnt sich der nächste Skandal rund um einen „großen Namen“ an: Mehrere ZeugInnen beschuldigen den langjährigen Dirigenten der Tiroler Festspiele Erl, Gustav Kuhn, über viele Jahre SängerInnen und MusikerInnen schikaniert und sexuell missbraucht zu haben. Darüber berichten verschiedene Medien in Österreich und im Ausland. In der Folge wurde Kuhn in Erl beurlaubt, bis die Vorwürfe restlos aufgeklärt sind.

Erste Vorwürfe im Februar 2018

Der Blogger Markus Wilhelm veröffentlichte im Februar 2018 auf seinem Blog dietiwag.org erstmals Vorwürfe von – damals noch anonymen – SängerInnen, MusikerInnen und MitarbeiterInnen der Tiroler Festspiele. Die Erfahrungsberichte zeichneten das Bild eines „Mannes […], der – gestützt von wirtschaftlicher und politischer Macht – uneingeschränkt waltete. Ohne Rechenschaft. Ohne Kontrolle.“ So formulierte es die Autorin Edith Meinhart später in ihrer Reportage für das Nachrichten-Magazin „Profil“. Der Fokus des Blog-Beitrags von Markus Wilhelm hatte noch nicht auf sexuellen Übergriffen gelegen, sondern berichtete vor allem über die, laut Augenzeugen, unzumutbaren Arbeitsbedingungen und den Umgang Kuhns mit seinen MitarbeiterInnen. Kurze Zeit später kündigte die Initiative „Art but fair“ an, gegen Kuhn Anzeige erstatten zu wollen. Auf YouTube rief die österreichische Sängerin Elisabeth Kulman ZeugInnen dazu auf, sich zu melden.

Kuhn und die Festspiele reagieren

Die Reaktion der Beschuldigten fiel heftig aus: Gustav Kuhn und die Tiroler Festspiele wiesen alle Anschuldigungen zurück; darüber hinaus überzogen sie den Blogger mit einer Flut aus Klagen (insgesamt zwölf, Stand heute). Kuhn nahm sich dafür den ehemaligen österreichischen Justizminister Michael Krüger (früher FPÖ) zum Anwalt, was eindrücklich die Kräfteverhältnisse in dem Fall zeigt. Die juristischen Geschütze, die die Anwälte auffahren, sind ein bunter Mix aus Widerrufsforderungen und Unterlassungsklagen, aber auch Forderungen nach Löschung von angeblich irreführend betitelten Bildern.

Die Vorwürfe werden konkret

Am 25. Juli veröffentlichten schließlich fünf ehemalige Musikerinnen der Festspiele einen offenen Brief, in dem sie Kuhn „Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe“ vorwarfen. Der Brief war mit den Klarnamen der Künstlerinnen unterschrieben. Auch diese Vorwürfe wurden von den Anwälten umgehend zurückgewiesen. Letztendlich wurde der Druck auf Kuhn und die Tiroler Festspiele aber so groß, dass er zunächst am 31. Juli seine Funktion als künstlerischer Leiter ruhen ließ und im September auch von seiner Position als Dirigent beurlaubt wurde.

 



Manche solidarisieren sich – andere nicht

Am 28. September solidarisierten sich acht männliche Mitarbeiter der Festspiele mit den fünf Musikerinnen in einem Brief, ebenfalls unter ihren Klarnamen. Sie gaben an, „übergriffiges Verhalten“ und „strukturelle Gewalt gegenüber Frauen und Männern“ erlebt zu haben. Der Brief wurde unter anderem in einer ausführlichen Reportage des Magazins „Profil“ veröffentlicht. Diese Reportage kann unter profil.at nachgelesen werden und ist sehr empfehlenswert. Allerdings möchten wir ehemalige Opfer von (sexueller) Gewalt warnen: Die Schilderungen sind teils sehr drastisch und können eigene Erinnerungen triggern und zu Retraumatisierungen führen.
Andere MitarbeiterInnen sprachen sich dagegen für Kuhn aus. Der jetzige künstlerische Leiter Andreas Leisner mutmaßte bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion, hinter den Vorwürfen könnten Erpressungsversuche stecken. Den manchmal „rauen Ton“ während der Proben begründete die Klarinettistin Karin Mischl bei der gleichen Veranstaltung mit „Emotionalität“; dies sei „absolut menschlich“. Das Video dieser Podiumsdiskussion findet sich ganz am Ende des „Profil“-Artikels.

Fatale Signale an Betroffene

Die juristische Aufarbeitung der Vorgänge in Erl hat gerade erst begonnen. Der Ausgang ist völlig offen und wir werden hier nicht über Schuld und Unschuld der Beteiligten spekulieren. Daher wenden wir uns nun von der Person Kuhn ab und allgemeinen Beobachtungen zu.

Es fallen uns in den Schilderungenen von mutmaßlichen Opfern und in der Reaktion von Beschuldigten in anderen Fällen Muster auf: Ein Mensch (meistens – aber nicht immer! – ein Mann) wird mit nahezu grenzenloser Macht ausgestattet. Irgendwann fängt er an, diese für seine Zwecke zu nutzen und überschreitet Grenzen, wenn er merkt, dass sein Handeln keinerlei Konsequenzen hat. Dies geht vermutlich über viele Jahre hinweg gut, bis so viele Menschen – auch ursprünglich unbeteiligte – in einem Netz von Lügen und Wegsehen gefangen sind, sodass eine unkomplizierte Aufklärung unmöglich geworden ist. Dann kommt es zum großen Knall, bei dem wechselseitig mit Klagen, Anschuldigungen und Unschuldsbeteuerungen um sich geworfen wird.
Besonders hart ist dies für die Opfer, die nach dem Übergriff so ein zweites Mal einem Martyrium ausgesetzt sind. Denn egal, wie aussichtslos die Lage der Beschuldigten ist, sie werden alles daran setzen, ihre Unschuld zu beweisen und dafür alle ihnen zur Verfügung stehenden juristischen und finanziellen Mittel nutzen. Dazu zählt vor allem, die Glaubwürdigkeit der Opfer zu erschüttern. Sollte es dann irgendwann zum Prozess kommen, kann sich dieser über Jahre in die Länge ziehen.

Das alles dient bestenfalls am Rande der Wahrheitsfindung. Natürlich steht es jedem frei, die Rechtsmittel auszuschöpfen und es ist mehr als begrüßenswert, dass wir in einem Staat leben, der das garantiert. Doch bei vielen Juristen zählen Verzögerungs- und Hinhaltetaktiken mittlerweile zum Standardrepertoire. Ein Angeklagter muss sich zwar nicht selbst belasten und kann sogar vor Gericht die Unwahrheit sagen; das Opfer bis zum Äußersten zu diskreditieren muss aber auch nicht sein. Ein Beschuldigter sollte sich klar machen, dass er das Opfer durch einen über die Maßen unangenehmen Prozess noch weiter traumatisieren kann. Man kann sich wohl vorstellen, wie groß die Bereitschaft eines Opfers ist, auszusagen, wenn damit unter Umständen ein jahrelanger juristischer Marathon verbunden ist.
Doch es gibt auch positive Signale, die weiteren Betroffenen den Mut geben sollten, ihr Schweigen zu brechen. Das Klima in der Gesellschaft hat sich geändert: Vor nicht allzu langer Zeit wären Anschuldigungen wie in Erl noch mit einem Schulterzucken abgetan worden. Heute aber laufen die Verteidiger der Beschuldigten immer öfter mit ihren Strategien ins Leere. Die Taktik, Opfer durch „gute Beziehungen“ zum Täter oder sogar schriftlich belegte Zuneigung als LügnerInnen zu enttarnen, führte beispielsweise noch vor zehn Jahren fast sicher zum Erfolg. Heute wissen aber viele Gerichte um die Problematik einer Opfer-Täter-Beziehung und können dies richtig einordnen. Auf lange Sicht werden die Verteidiger wahrscheinlich nicht mehr auf diese Karte setzen, wenn sich deren Unwirksamkeit herumspricht. Jede(r) Betroffene, die/der zur Polizei geht und Anzeige erstattet, hilft also, das gesellschaftliche und juristische Bild eines „Opfers“ zu verändern.

Laura & Daniel

 

Bildquelle:

„Gustav Kuhn (2012)“: Quelle, Autor: Judit für NEUE STIMMEN, Lizenz: Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung 2.0 generisch“

2 Kommentare

  1. k. sagt:

    Das Klima ändert sich, das ist begrüßenswert!

    Es gibt aber noch einen großen Aufklärungsbedarf. Gerade wo Erl Thema ist, finde ich z.B. die Aufmachung dieser Sendung ziemlich daneben (auch wenn man dem Sender zugute halten muss, dass überhaupt eine mutmaßliche Betroffene eingeladen wurde, alleine das ist ein großer Fortschritt!):

    https://www.zdf.de/kultur/aspekte/aspekte-vom-5-oktober-2018-100.html

    03:20 Die Hintergrundmusik zum Trailer schafft die Stimmung einer “Sensation”, eines “Skandals”.

    06:50 Was ist das für eine Frage?

    Künstlerinnen und Künstler – selbst wenn sie von Übergriffen betroffen sind – haben Verständnis dafür, dass ein Dirigent am Tag einer “Ring” Aufführung sich darauf konzentrieren muss. Eine Aufführung ist eine Aufführung. Die “kleine Verzögerung” ist also gar nicht das Thema. Wenn man schon fragt, ob die Antwort des Präsidenten sensibel genug gewesen wäre, hätte man besser den Ton des Briefes thematisieren sollen. (z.B. die Stelle: “Ich bitte allerdings zur Kenntnis zu nehmen, dass wir eine Vorverurteilung von Maestro Kuhn über das Internet für im höchsten Maße unfair halten und hoffe sehr, dass Sie diesen Standpunkt teilen. Auch die letztlich von Ihnen kundgemachte Empörung über das Ausbleiben “notwendiger Konsequenzen” aus einer “allseits bekannten Faktenlage” kann ich daher nicht teilen.”)

    07:30 Die Frage finde ich sehr merkwürdig. “Wenn Sie als Involvierte, als Betroffene auf #metoo blicken dieses Jahr, hat das das Verhältnis der Geschlechter verändert?”

    Es ist nicht so, als ob Mann und Frau bei einer Opernproduktion seit #metoo plötzlich ganz anders miteinander umgehen – normalerweise geschieht der Umgang ohne Übergrifflichkeiten, das war bisher auch so. Es ist auch nicht so, als ob man jetzt in Opernproduktionen laute Transgender-Rollen sieht. Zielführender gewesen zu fragen, ob das Klima für Betroffene seit #metoo besser geworden ist, z.B. ob man weniger angefeindet wird, ob man mehr Unterstützung bekommt, ob man den Eindruck hat, dass man gehört wird, ob man den Eindruck hat, dass was unternommen wird.

    08:30 Fazit und Schlusswort der Moderatorin: es steht Aussage gegen Aussage.

    Das ist wirklich nichts Neues….

    13:00 Eine Philosophin kommt zu Wort. An #metoo stört Sie, dass nicht differenziert werden würde, zwischen Situationen, wo eine Frau Handlungsoptionen hat und Situationen, wo sie keine Handlungsoption hat. Genanntes Beispiel für eine Situation mit Handlungsposition: eine Frau könnte doch sagen “ich möchte nicht das Bewerbungsgespräch im Hotelzimmer führen”.

    Warum muss die Frau in dem Beispiel Nein zum Bewerbungsgespräch sagen? Ein Bewerbungsgespräch, auch wenn dies im Hotelzimmer stattfindet, sollte ein Bewerbungsgespräch bleiben. Mit der Zustimmung zum Bewerbungsgespräch hat sie noch nicht in Sex eingewilligt? Das ist doch genau das Thema bei Musikern. Wenn eine Studentin zum Unterricht zum Professor geht, sollte es beim Unterricht bleiben. Unterricht ist Unterricht. Probe ist Probe. Die Studentin sollte nicht als “Handlungsoption” Nein zum Unterricht sagen müssen, weil “Unterricht” gleich “Sex” bedeuten könnte. Wenn man schon ahnt oder sogar weiß, dass der Professor mit Unterricht “Sex” meint, weil er als Lustmolch bekannt ist, dann kann man sich ggf. dafür entscheiden, sich vorzusorgen und gar nicht zum Unterricht zu gehen. Das muss man aber wissen und vor allem auch glauben.

    Da fragt aber der Moderator nicht nach.

    15:15 Stattdessen fragt der Morator die mutmaßliche Betroffene, wie sie drauf antworten würde. Ist es dem Moderator nicht bewußt, dass genau solche Fragen für eine Betroffene ganz schwierig ist? Weil dies sehr schnell zu einer Schuldzuweisung und zur Täterentlastung führen kann, nach dem Mott, sie hätte sich doch besser abgrenzen können, sie hätte sich besser wehren können.

    16:30 Die These der Philosophin, dass Autonomie und Widerstand auch Nachteile bringen, und dass man also auch von Frauen abverlangen muss, sich zu wehren und dann auch Nachteile in Kauf zu nehmen, im Job oder in einer Beziehung, weil die Gesellschaft nur so voran kommt, klingt zwar theoretisch nachvollziehbar. Praktischerweise bedeutet das aber, dass die Gesellschaft von den Betroffenen verlangt, sich zu wehren, und dann lässt sie mit den erlittenen Nachteilen fallen. So werden Betroffene ein zweites Mal geopfert. Das ist nicht fair. Deshalb muss Solidarität her.

    • Laura & Daniel sagt:

      Eine in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreicher Bericht, den Du verlinkst, und ein interessanter Kommentar, vielen Dank fürs Posten! In unserem letzten Beitrag “Ein Jahr #metoo” haben wir auch auf einen Artikel verlinkt, der sich mit Präventionsprogrammen beschäftigt. Eines dieser Programme hat als ersten Grundsatz “Es ist immer der Täter schuld.” Es ist also nie die/der StudentIn schuld, die/der zum Lehrer in den Unterricht geht oder auch zu ihm aufs Hotelzimmer. Wenn er/sie keinen Sex will, ist das eben so. Dass viele Männer (und ein paar wenige Frauen) damit nicht klarkommen, ist ein Problem, was nur durch konstante Erinnerung daran in den Griff zu bekommen ist. Ebenfalls interessant ist übrigerns folgender Artikel in der SZ über Falschbeschuldigungen bzw. die statistische Häufigkeit: Der Mythos der falschen Beschuldigung. Nur 2-8% der Beschuldigungen im Bereich Sexualdelikte sind unzutreffend, bei einer Dunkelziffer von rund 85% nicht-angezeigter Übergriffe. Daher ist das reflexhaftige Bestreiten von Anschuldigungen für uns wenig nachvollziehbar.

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