{"id":1384,"date":"2018-10-12T14:34:00","date_gmt":"2018-10-12T12:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=1384"},"modified":"2019-09-14T10:45:34","modified_gmt":"2019-09-14T08:45:34","slug":"missbrauchsvorwuerfe-bei-den-tiroler-festspielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/missbrauchsvorwuerfe-bei-den-tiroler-festspielen\/","title":{"rendered":"Missbrauchsvorw\u00fcrfe bei den Tiroler Festspielen"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a3\/Gustav_Kuhn_Master_Class_%288189720811%29.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/a\/a3\/Gustav_Kuhn_Master_Class_%288189720811%29.jpg\" width=\"248\" height=\"165\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Gustav Kuhn (2012)<\/p><\/div>\n<p>In der klassischen Musik bahnt sich der n\u00e4chste Skandal rund um einen \u201egro\u00dfen Namen\u201c an: Mehrere ZeugInnen beschuldigen den langj\u00e4hrigen Dirigenten der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tiroler_Festspiele_Erl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Tiroler Festspiele Erl<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gustav_Kuhn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gustav Kuhn<\/a>, \u00fcber viele Jahre S\u00e4ngerInnen und MusikerInnen schikaniert und sexuell missbraucht zu haben. Dar\u00fcber berichten verschiedene Medien in \u00d6sterreich und im Ausland. In der Folge wurde Kuhn in Erl beurlaubt, bis die Vorw\u00fcrfe restlos aufgekl\u00e4rt sind.<!--more--><\/p>\n<h3>Erste Vorw\u00fcrfe im Februar 2018<\/h3>\n<p>Der Blogger Markus Wilhelm ver\u00f6ffentlichte im Februar 2018 auf seinem Blog <a href=\"http:\/\/www.dietiwag.org\/index.php?id=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">dietiwag.org<\/a> <a href=\"http:\/\/www.dietiwag.org\/index.php?id=5180&amp;highlighted=gustav%20kuhn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">erstmals Vorw\u00fcrfe<\/a> von \u2013 damals noch anonymen \u2013 S\u00e4ngerInnen, MusikerInnen und MitarbeiterInnen der Tiroler Festspiele. Die Erfahrungsberichte zeichneten das Bild eines \u201eMannes [&#8230;], der \u2013 gest\u00fctzt von wirtschaftlicher und politischer Macht \u2013 uneingeschr\u00e4nkt waltete. Ohne Rechenschaft. Ohne Kontrolle.\u201c So formulierte es die Autorin Edith Meinhart sp\u00e4ter in ihrer Reportage f\u00fcr das Nachrichten-Magazin \u201eProfil\u201c. Der Fokus des Blog-Beitrags von Markus Wilhelm hatte noch nicht auf sexuellen \u00dcbergriffen gelegen, sondern berichtete vor allem \u00fcber die, laut Augenzeugen, unzumutbaren Arbeitsbedingungen und den Umgang Kuhns mit seinen MitarbeiterInnen. <a href=\"https:\/\/www.kleinezeitung.at\/kultur\/5380448\/Festspiele-Erl_Verein-art-but-fair-hat-Anzeige-eingebracht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kurze Zeit sp\u00e4ter<\/a> k\u00fcndigte die Initiative \u201e<a href=\"https:\/\/artbutfair.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Art but fair<\/a>\u201c an, gegen Kuhn Anzeige erstatten zu wollen. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ta7lp_T0KME\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Auf YouTube rief die \u00f6sterreichische S\u00e4ngerin Elisabeth Kulman ZeugInnen dazu auf, sich zu melden<\/a>.<\/p>\n<h3>Kuhn und die Festspiele reagieren<\/h3>\n<p>Die Reaktion der Beschuldigten fiel heftig aus: Gustav Kuhn und die Tiroler Festspiele wiesen alle Anschuldigungen zur\u00fcck; dar\u00fcber hinaus \u00fcberzogen sie den Blogger mit einer Flut aus Klagen (<a href=\"http:\/\/www.dietiwag.org\/index.php?id=5380\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">insgesamt zw\u00f6lf, Stand heute<\/a>). Kuhn nahm sich daf\u00fcr den ehemaligen \u00f6sterreichischen Justizminister <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Kr%C3%BCger_(Politiker)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Michael Kr\u00fcger<\/a> (fr\u00fcher FP\u00d6) zum Anwalt, was eindr\u00fccklich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse in dem Fall zeigt. Die juristischen Gesch\u00fctze, die die Anw\u00e4lte auffahren, sind ein bunter Mix aus Widerrufsforderungen und Unterlassungsklagen, aber auch Forderungen nach L\u00f6schung von angeblich irref\u00fchrend betitelten Bildern.<\/p>\n<h3>Die Vorw\u00fcrfe werden konkret<\/h3>\n<p>Am 25. Juli ver\u00f6ffentlichten schlie\u00dflich f\u00fcnf ehemalige Musikerinnen der Festspiele einen <a href=\"https:\/\/files.orf.at\/vietnam2\/files\/tir\/201830\/offener_brief_613751.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">offenen Brief<\/a>, in dem sie Kuhn \u201eMachtmissbrauch und sexuelle \u00dcbergriffe\u201c vorwarfen. Der Brief war mit den Klarnamen der K\u00fcnstlerinnen unterschrieben. Auch diese Vorw\u00fcrfe wurden von den Anw\u00e4lten umgehend zur\u00fcckgewiesen. Letztendlich wurde der Druck auf Kuhn und die Tiroler Festspiele aber so gro\u00df, dass er zun\u00e4chst am 31. Juli seine Funktion als k\u00fcnstlerischer Leiter <a href=\"https:\/\/tirol.orf.at\/news\/stories\/2927551\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ruhen lie\u00df<\/a> und im September auch von seiner Position als Dirigent <a href=\"https:\/\/www.sn.at\/kultur\/allgemein\/gustav-kuhn-auch-als-dirigent-der-festspiele-erl-beurlaubt-40348288\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">beurlaubt<\/a> wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr class=\" hr_color\" style=\"margin:0 auto 30px;\"\/>\n\n<div class=\"column one-third mobile-one\"><div class=\"mcb-column-inner\"><div class=\"responsive-video\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"\" height=\"\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/ta7lp_T0KME\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/div><a href=\"https:\/\/www.elisabethkulman.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Elisabeth Kulman<\/a> ruft ZeugInnen dazu auf, sich zu melden<\/div><\/div>\n\n<div class=\"column one-third mobile-one\"><div class=\"mcb-column-inner\"><div class=\"responsive-video\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"\" height=\"\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/2DarwKRyWQ4\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>Die Sopranistin <a href=\"http:\/\/www.monasomm.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Mona Somm<\/a> ist eine der f\u00fcnf Unterzeichnerinnen des Briefs<\/div><\/div>\n\n<div class=\"column one-third mobile-one\"><div class=\"mcb-column-inner\"><div class=\"responsive-video\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"\" height=\"\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/mhfxx95ofl4\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>Ein Vorgeschmack auf die Strategie der Verteidigung: Michael Kr\u00fcger im ORF<\/div><\/div>\n\n<hr class=\" hr_color\" style=\"margin:0 auto 30px;\"\/>\n\n<h3>Manche solidarisieren sich \u2013 andere nicht<\/h3>\n<p>Am 28. September solidarisierten sich acht m\u00e4nnliche Mitarbeiter der Festspiele mit den f\u00fcnf Musikerinnen <a href=\"https:\/\/www.profil.at\/_storage\/asset\/10377218\/storage\/vgnat:twocolumn_930:x\/file\/137901862\/67951815.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">in einem Brief<\/a>, ebenfalls unter ihren Klarnamen. Sie gaben an, \u201e\u00fcbergriffiges Verhalten\u201c und \u201estrukturelle Gewalt gegen\u00fcber Frauen und M\u00e4nnern\u201c erlebt zu haben. Der Brief wurde unter anderem in einer ausf\u00fchrlichen Reportage des Magazins \u201eProfil\u201c ver\u00f6ffentlicht. Diese Reportage kann unter <a href=\"https:\/\/www.profil.at\/gesellschaft\/umfassende-anschuldigungen-erl-intendant-kuhn-10375827\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">profil.at<\/a> nachgelesen werden und ist sehr empfehlenswert. Allerdings m\u00f6chten wir ehemalige Opfer von (sexueller) Gewalt warnen: Die Schilderungen sind teils sehr drastisch und k\u00f6nnen eigene Erinnerungen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Triggerwarnung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">triggern<\/a> und zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Retraumatisierung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Retraumatisierungen<\/a> f\u00fchren.<br \/>\nAndere MitarbeiterInnen sprachen sich dagegen f\u00fcr Kuhn aus. Der jetzige k\u00fcnstlerische Leiter Andreas Leisner mutma\u00dfte bei einer \u00f6ffentlichen Podiumsdiskussion, hinter den Vorw\u00fcrfen k\u00f6nnten Erpressungsversuche stecken. Den manchmal \u201erauen Ton\u201c w\u00e4hrend der Proben begr\u00fcndete die Klarinettistin Karin Mischl bei der gleichen Veranstaltung mit \u201eEmotionalit\u00e4t\u201c; dies sei \u201eabsolut menschlich\u201c. Das Video dieser Podiumsdiskussion findet sich ganz am Ende des \u201eProfil\u201c-Artikels.<\/p>\n<h3>Fatale Signale an Betroffene<\/h3>\n<p>Die juristische Aufarbeitung der Vorg\u00e4nge in Erl hat gerade erst begonnen. Der Ausgang ist v\u00f6llig offen und wir werden hier nicht \u00fcber Schuld und Unschuld der Beteiligten spekulieren. Daher wenden wir uns nun von der Person Kuhn ab und allgemeinen Beobachtungen zu.<\/p>\n<p>Es fallen uns in den Schilderungenen von mutma\u00dflichen Opfern und in der Reaktion von Beschuldigten in anderen F\u00e4llen Muster auf: Ein Mensch (meistens \u2013 aber nicht immer! \u2013 ein Mann) wird mit nahezu grenzenloser Macht ausgestattet. Irgendwann f\u00e4ngt er an, diese f\u00fcr seine Zwecke zu nutzen und \u00fcberschreitet Grenzen, wenn er merkt, dass sein Handeln keinerlei Konsequenzen hat. Dies geht vermutlich \u00fcber viele Jahre hinweg gut, bis so viele Menschen \u2013 auch urspr\u00fcnglich unbeteiligte \u2013 in einem Netz von L\u00fcgen und Wegsehen gefangen sind, sodass eine unkomplizierte Aufkl\u00e4rung unm\u00f6glich geworden ist. Dann kommt es zum gro\u00dfen Knall, bei dem wechselseitig mit Klagen, Anschuldigungen und Unschuldsbeteuerungen um sich geworfen wird.<br \/>\nBesonders hart ist dies f\u00fcr die Opfer, die nach dem \u00dcbergriff so ein zweites Mal einem Martyrium ausgesetzt sind. Denn egal, wie aussichtslos die Lage der Beschuldigten ist, sie werden alles daran setzen, ihre Unschuld zu beweisen und daf\u00fcr alle ihnen zur Verf\u00fcgung stehenden juristischen und finanziellen Mittel nutzen. Dazu z\u00e4hlt vor allem, die Glaubw\u00fcrdigkeit der Opfer zu ersch\u00fcttern. Sollte es dann irgendwann zum Prozess kommen, kann sich dieser \u00fcber Jahre in die L\u00e4nge ziehen.<\/p>\n<p>Das alles dient bestenfalls am Rande der Wahrheitsfindung. Nat\u00fcrlich steht es jedem frei, die Rechtsmittel auszusch\u00f6pfen und es ist mehr als begr\u00fc\u00dfenswert, dass wir in einem Staat leben, der das garantiert. Doch bei vielen Juristen z\u00e4hlen Verz\u00f6gerungs- und Hinhaltetaktiken mittlerweile zum Standardrepertoire. Ein Angeklagter muss sich zwar nicht selbst belasten und kann sogar vor Gericht die Unwahrheit sagen; das Opfer bis zum \u00c4u\u00dfersten zu diskreditieren muss aber auch nicht sein. Ein Beschuldigter sollte sich klar machen, dass er das Opfer durch einen \u00fcber die Ma\u00dfen unangenehmen Prozess noch weiter traumatisieren kann. Man kann sich wohl vorstellen, wie gro\u00df die Bereitschaft eines Opfers ist, auszusagen, wenn damit unter Umst\u00e4nden ein jahrelanger juristischer Marathon verbunden ist.<br \/>\nDoch es gibt auch positive Signale, die weiteren Betroffenen den Mut geben sollten, ihr Schweigen zu brechen. Das Klima in der Gesellschaft hat sich ge\u00e4ndert: Vor nicht allzu langer Zeit w\u00e4ren Anschuldigungen wie in Erl noch mit einem Schulterzucken abgetan worden. Heute aber laufen die Verteidiger der Beschuldigten immer \u00f6fter mit ihren Strategien ins Leere. Die Taktik, Opfer durch \u201egute Beziehungen\u201c zum T\u00e4ter oder sogar schriftlich belegte Zuneigung als L\u00fcgnerInnen zu enttarnen, f\u00fchrte beispielsweise noch vor zehn Jahren fast sicher zum Erfolg. Heute wissen aber viele Gerichte um die Problematik einer Opfer-T\u00e4ter-Beziehung und k\u00f6nnen dies richtig einordnen. Auf lange Sicht werden die Verteidiger wahrscheinlich nicht mehr auf diese Karte setzen, wenn sich deren Unwirksamkeit herumspricht. Jede(r) Betroffene, die\/der zur Polizei geht und Anzeige erstattet, hilft also, das gesellschaftliche und juristische Bild eines \u201eOpfers\u201c zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h3>Laura &amp; Daniel<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bildquelle:<\/p>\n<p>\u201eGustav Kuhn (2012)\u201c: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Gustav_Kuhn_Master_Class_(8189720811).jpg\">Quelle<\/a>, Autor: <a class=\"external text\" href=\"https:\/\/www.flickr.com\/people\/89821678@N03\" rel=\"nofollow\">Judit f\u00fcr NEUE STIMMEN<\/a>, Lizenz: <a class=\"extiw\" title=\"w:de:Creative Commons\" href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/de:Creative_Commons\">Creative-Commons<\/a>-Lizenz <a class=\"external text\" href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/2.0\/deed.de\" rel=\"nofollow\">\u201eNamensnennung 2.0 generisch\u201c<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der klassischen Musik bahnt sich der n\u00e4chste Skandal rund um einen \u201egro\u00dfen Namen\u201c an: Mehrere ZeugInnen beschuldigen den langj\u00e4hrigen Dirigenten der Tiroler Festspiele Erl, Gustav Kuhn, \u00fcber viele Jahre S\u00e4ngerInnen und MusikerInnen schikaniert und sexuell missbraucht zu haben. 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