{"id":1873,"date":"2019-05-08T11:24:20","date_gmt":"2019-05-08T09:24:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=1873"},"modified":"2019-09-14T10:36:53","modified_gmt":"2019-09-14T08:36:53","slug":"verschenkt-nicht-euer-recht-am-eigenen-bild","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/harfenduo\/unser-alltag\/verschenkt-nicht-euer-recht-am-eigenen-bild\/","title":{"rendered":"Verschenkt nicht Euer Recht am eigenen Bild!"},"content":{"rendered":"\n<p>Teile der Musikszene feiern die k\u00fcrzlich beschlossene Urheberrechtsreform als Meilenstein. Endlich k\u00f6nnen MusikerInnen angemessen finanziell an der Verwertung ihrer Werke \u2013 besonders im Internet \u2013 beteiligt werden! KritikerInnen \u00e4u\u00dfern Zweifel: Eventuell profitieren nur die Verwertungsgesellschaften. <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/harfenduo\/die-eu-urheberrechtsreform-eine-analyse-in-vier-teilen-teil-3\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Und auch wir hatten auf diesem Blog gemutma\u00dft, dass am Ende die \u201ekleinen\u201c MusikerInnen vielleicht nichts bekommen (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Und auch wir hatten auf diesem Blog gemutma\u00dft, dass am Ende die \u201ekleinen\u201c MusikerInnen vielleicht nichts bekommen<\/a>, weil sie nicht in der Verhandlungsposition sind, um ihre Rechte einzufordern. Und zuf\u00e4llig haben wir in der vergangenen Woche etwas erlebt, was uns in diesem Glauben best\u00e4rkt hat. Es ist die perfekte Geschichte dar\u00fcber, was in der klassischen Musik mit der Rechteverwertung schief l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine\nganz normale Anfrage<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor\neinigen Wochen wurde Daniel von einem Orchester als Aushilfe f\u00fcr ein Projekt\nangefragt. Per SMS \u2013 in unserer Branche ganz normal. Ebenso normal: Es wurde\nnicht \u00fcber die genauen Konditionen gesprochen. Im gegenseitigen Vertrauensverh\u00e4ltnis\ngeht man davon aus, dass die Vertragsbedingungen bekannt sind. Oder im\nKlartext: Die Aushilfe ist in einer so schwachen Verhandlungsposition, dass sie\nalle Bedingungen zu akzeptieren hat. Und zwar ohne, dass diese ihr mitgeteilt\nwerden und egal, ob es am Ende einen Vertrag gibt oder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nhatte Daniel noch Gl\u00fcck: Bei diesem Orchester ist es immerhin \u00fcblich, dass die\nAushilfen tats\u00e4chlich einen Vertrag unterschreiben m\u00fcssen\/d\u00fcrfen. Dieser wird\neinem in der ersten Probe ausgeh\u00e4ndigt. F\u00fcr Erg\u00e4nzungen ist es dann nat\u00fcrlich\nzu sp\u00e4t. In anderen Orchestern ist es allerdings noch schlimmer, dort f\u00fcllt man\nlediglich einen \u201eAushilfszettel\u201c aus. Wie es dort mit Versicherungsschutz oder\nK\u00fcndigungsfristen aussieht, mag man sich gar nicht vorstellen&#8230; Aber das nur\nam Rande.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00dcberraschung\nin der Hauptprobe<\/h3>\n\n\n\n<p>In\neiner der Proben wurde dann pl\u00f6tzlich mitgeteilt, die Hauptprobe sei in\nKonzertkleidung zu spielen. Es w\u00fcrden Aufnahmen gemacht. Nicht nur bei den\nAushilfen sorgte diese Ank\u00fcndigung f\u00fcr Stirnrunzeln. Davon war weder die Rede\ngewesen, noch gab es im Vertrag eine entsprechende Klausel. Um was f\u00fcr\nAufnahmen es sich handeln sollte, war ebenfalls unklar. Vielleicht\nFotoaufnahmen f\u00fcr ein Jahresheft?<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Hauptprobe stellte sich heraus, dass es sich um aufw\u00e4ndige Filmaufnahmen\nhandelte. Es war ein ganzes Kamerateam anwesend, das nicht nur das Orchester in\nseiner Gesamtheit filmte. Es gingen auch zwei Kameram\u00e4nner durch die Reihen des\nOrchesters und filmten die MusikerInnen \u2013 auch Daniel \u2013 in Nahaufnahme. Das Ganze\nsollte f\u00fcr einen Image- bzw. Werbefilm verwendet werden, hie\u00df es.\nSelbstverst\u00e4ndlich lag weder dem Filmteam noch der Orchesterleitung eine\nEinverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung der Aushilfen (ca. 8 Personen) vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor\nder n\u00e4chsten Probe ging Daniel zur Orchesterleitung und sprach die Situation\nan. Er erntete zun\u00e4chst nur verst\u00e4ndnislose Blicke. Recht am eigenen Bild?\nEinverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung? Gar eine Verg\u00fctung f\u00fcr die Aufnahmen? Davon hatte man\nnoch nie geh\u00f6rt. Und wie so oft kam anschlie\u00dfend der ber\u00fchmte Satz: Das k\u00e4me nun\nwirklich zum allerersten Mal vor! Das \u00fcberraschte uns doch sehr; aus anderen\nOrchestern kannten wir sehr wohl solche Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rungen. Wer schon\neinmal bei CD-Aufnahmen mitgewirkt hat, wei\u00df, dass man daf\u00fcr hinterher sogar\nTantiemen bekommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zeit\nf\u00fcr einen kleinen juristischen Exkurs:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das\nRecht am eigenen Bild<\/h3>\n\n\n\n<p>In Deutschland regeln das Recht am eigenen Bild die Paragraphen <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"22 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/kunsturhg\/__22.html\" target=\"_blank\">22<\/a>, <a aria-label=\"23 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/kunsturhg\/__23.html\" target=\"_blank\">23<\/a>, <a aria-label=\"24  (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/kunsturhg\/__24.html\" target=\"_blank\">24<\/a> und <a aria-label=\"33  (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/kunsturhg\/__33.html\" target=\"_blank\">33<\/a> des <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Kunsturheberrechtsgesetzes (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesetz_betreffend_das_Urheberrecht_an_Werken_der_bildenden_K%C3%BCnste_und_der_Photographie\" target=\"_blank\">Kunsturheberrechtsgesetzes<\/a>. Ohne uns zu sehr in die Details zu verstricken, kann man das Ganze so zusammenfassen: Jede Anfertigung und Ver\u00f6ffentlichung einer Aufnahme darf nur mit Zustimmung der abgebildeten Person erfolgen. Es gibt zwar Ausnahmen, aber grunds\u00e4tzlich muss keine Person es hinnehmen, dass ihr Bild einfach so verwendet wird. Es spielt auch keine Rolle, ob die Person aktiv widersprochen hat. Wenn keine Einwilligung vorliegt, macht diejenige oder derjenige, der die Aufnahme anfertigt und\/oder ver\u00f6ffentlicht, sich strafbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Verst\u00f6\u00dfe\ngegen dieses Gesetz m\u00fcssen allerdings von den Betroffenen angezeigt werden,\nsonst kann die Polizei nicht ermitteln. Die Konsequenzen f\u00fcr den oder die\nT\u00e4terInnen k\u00f6nnen je nach Fall und Gerichtsbarkeit von Unterlassungserkl\u00e4rungen\nbis hin zu Geld- oder Freiheitsstrafen reichen. Au\u00dferdem kann man\nSchadensersatz fordern. Es handelt sich also keineswegs um eine Lappalie, auch\nwenn die millionenfach hochgeladenen Bilder im Internet etwas anderes vermuten\nlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders\neindeutig ist der Fall, wenn die Aufnahmen kommerziell genutzt werden sollen.\nDer Begriff \u201ekommerziell\u201c ist dabei sehr weit gefasst: Alles, was nicht privat\nist, gilt als kommerziell. Darunter f\u00e4llt also nicht nur der Verkauf der\nAufnahmen, sondern auch die Nutzung zu Werbezwecken. Die Erkl\u00e4rung ist\neinleuchtend: Das eigene Bild hat immer einen gewissen \u201eVerm\u00f6genswert\u201c, oder\nanders ausgedr\u00fcckt: Andernfalls w\u00fcrde man kostenlos Werbung f\u00fcr jemand anderen\nmachen. Und dieser verspricht sich von der Werbung ja einen finanziellen\nVorteil, beispielsweise durch mehr Verk\u00e4ufe. Es gibt sogar Rechtsexperten, die\nder Meinung sind, ein Unternehmen k\u00f6nne Aufnahmen gar nicht nicht-kommerziell\nnutzen. Und das bringt uns zu unserer Geschichte zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine\nnachtr\u00e4gliche \u201eVerzichtserkl\u00e4rung\u201c?<\/h3>\n\n\n\n<p>Offenbar\nist also doch etwas dran am Recht am eigenen Bild. Zu diesem Schluss kam wohl\nauch die Orchesterleitung. Zumindest gab es vor der n\u00e4chsten Probe eine\nAnsprache, in der die Aushilfen aufgefordert wurden, der Orchesterleitung bitte\nbis zum Abend mitzuteilen, ob sie den Aufnahmen bzw. der Ver\u00f6ffentlichung\nwidersprechen w\u00fcrden oder sie \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c akzeptierten. Der Druck auf\ndie Aushilfen war jetzt nat\u00fcrlich enorm. Wer kann bitte garantieren, dass eine\nVerweigerung nicht zum Ausschluss aus dem Projekt f\u00fchrt bzw. zuk\u00fcnftige\nEngagements verhindert? Uns sind diverse Geschichten aus verschiedenen\nOrchestern bekannt, wo Aushilfen auch aus laufenden Produktionen geworfen\nwurden \u2013 meistens nicht aus k\u00fcnstlerischen Gr\u00fcnden, sondern nur, weil Unstimmigkeiten\nmit der Orchesterleitung vorlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein\nweiteres Mal ging Daniel zur Orchesterleitung&#8230; Er wies darauf hin, dass es so\nnicht funktionieren w\u00fcrde. Die Aushilfen k\u00f6nnten gar keine Einwilligung geben,\nweil sie ja nicht w\u00fcssten, in was sie genau einwilligen w\u00fcrden. Diese\nEinverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung m\u00fcsste schon die Orchesterleitung formulieren. Wieder\ngab es verst\u00e4ndnislose Blicke, doch wieder stellte sich heraus, dass es sich\ngenau so verhielt: Am n\u00e4chsten Tag fanden die Aushilfen auf ihren Notenpulten\nZettel, auf denen eine Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung abgedruckt war. Wobei,\n\u201eVerzichtserkl\u00e4rung\u201c w\u00e4re wohl die passendere Bezeichnung: Die Aushilfen\nsollten unterschreiben, dass sie jegliche Rechte an den Aufnahmen an das\nOrchester abgeben w\u00fcrden, Nutzung zu Werbezwecken inklusive, selbstverst\u00e4ndlich\nohne irgendeine Form der Verg\u00fctung. Bei der Formulierung dieses Punktes hatte\nman sich besonders viel M\u00fche gegeben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Illegal\noder einfach nur unmoralisch?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir\nhaben uns zu diesem Fall juristisch beraten lassen. Es scheint so, dass diese\nArt \u201eEinverst\u00e4ndnis\u201c-Erkl\u00e4rungen in unserer Branche nicht selten sind. Dabei\nwird eiskalt ausgenutzt, dass die wenigsten MusikerInnen sich gut genug mit dem\nThema auskennen, um ernsthaft gegen eine solche Erkl\u00e4rung vorzugehen. Man\nunterschreibt eben, was einem vorgelegt wird. Man will ja schlie\u00dflich nicht\nriskieren, beim n\u00e4chsten Mal nicht mehr engagiert zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei\nmachen sich viele nicht einmal die M\u00fche, eine juristisch wirksame Erkl\u00e4rung\nvorzulegen. Wer Schadensersatz fordern will, kann das oft auch bei einer\nunterschriebenen Erkl\u00e4rung tun. Die Formulierungen \u00fcber die Verwendung der\nAufnahmen sind beispielsweise nicht pr\u00e4zise genug und es tritt schnell die\nSituation ein, dass sie f\u00fcr etwas verwendet werden, was gar nicht vereinbart\nwar. Die Erfolgsaussichten einer solchen Klage sollte man in jedem Fall mit\neinem Anwalt besprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber\nunabh\u00e4ngig davon kann jeder selbst beurteilen, ob ein unentgeltlicher Verzicht\nauf Rechte fair ist \u2013 besonders, wenn die MusikerInnen keine ernsthafte Wahl\nhaben, ob sie den Wisch unterschreiben oder nicht. Keine Vertr\u00e4ge, Verzicht auf\nRechte, Verzicht auf Geld, l\u00e4cherlich niedrige Gagen \u2013 irgendwo dazwischen hat\ndas Verhalten der Orchester die Grenze zum Unmoralischen l\u00e4ngst \u00fcberschritten.\nWo ist da bittesch\u00f6n das viel zitierte \u201eVertrauensverh\u00e4ltnis\u201c zwischen\nAushilfen uns Orchestern?<\/p>\n\n\n\n<p>Die\noben geschilderte Situation h\u00e4tte sich \u00fcbrigens sehr schnell l\u00f6sen lassen: Eine\nEinwilligung in Aufnahmen gilt n\u00e4mlich in der Regel als erteilt, wenn eine finanzielle\nVerg\u00fctung daf\u00fcr erfolgt ist. Doch diese M\u00f6glichkeit stand f\u00fcr das Orchester nie\nzur Debatte \u2013 trotz eingestandenem eigenem Verschulden und einem mutma\u00dflichen Versto\u00df\ngegen geltendes Recht. Deutlicher kann eine Machtdemonstration nicht ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele\nMusikerInnen haben gejubelt, als das neue Urheberrecht verabschiedet wurde. Bei\naller Kritik \u2013 f\u00fcr uns MusikerInnen wird ja nun alles besser, oder? Endlich\nmehr Geld f\u00fcr alle! Dabei vergessen viele: Bei der Reform ging es auch darum,\nder Gesellschaft zu zeigen, dass eine Verg\u00fctung von K\u00fcnstlerInnen fair sein und\nim Verh\u00e4ltnis zur erbrachten Leistung stehen muss. Wenn wir das noch nicht\neinmal untereinander hinbekommen, werden uns ziemlich schnell die Argumente\nausgehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura\n&amp; Daniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Teile der Musikszene feiern die k\u00fcrzlich beschlossene Urheberrechtsreform als Meilenstein. Endlich k\u00f6nnen MusikerInnen angemessen finanziell an der Verwertung ihrer Werke \u2013 besonders im Internet \u2013 beteiligt werden! KritikerInnen \u00e4u\u00dfern Zweifel: Eventuell profitieren nur die Verwertungsgesellschaften. 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