{"id":1962,"date":"2019-07-30T15:11:40","date_gmt":"2019-07-30T13:11:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=1962"},"modified":"2019-09-14T10:34:38","modified_gmt":"2019-09-14T08:34:38","slug":"faire-bezahlung-von-musikerinnen-ist-das-ueberhaupt-moeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/faire-bezahlung-von-musikerinnen-ist-das-ueberhaupt-moeglich\/","title":{"rendered":"Faire Bezahlung von MusikerInnen \u2013 Ist das \u00fcberhaupt m\u00f6glich?"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 19. Juli <a href=\"https:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2019\/07\/19\/zurueck-in-die-tonne-zum-kompositionswettbewerb-2019-des-musikschulen-verbandes\/?cookie-state-change=1563642258544\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">berichtete Alexander Strauch im Bad Blog der nmz<\/a> \u00fcber den Kompositionswettbewerb \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.musikschulen.de\/dsp\/aktuell\/kompositionswettbewerb\/index.html\" target=\"_blank\">Beethoven \u2013 zur\u00fcck in die Zukunft<\/a>\u201c des Musikschulen-Verbands 2019. Die Ausschreibung des Wettbewerbs sei \u201eein Beispiel f\u00fcr Ausbeutung von einreichwilligen Komponistinnen und Komponisten\u201c. Und sein Komponisten-Kollege Moritz Eggert kommentierte direkt auf Facebook: \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/plugins\/post.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fmoritz.eggert.79%2Fposts%2F10156505589528325\" target=\"_blank\">unglaublich, was Alexander Strauch hier aufdeckt<\/a>!\u201c<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir wollten nat\u00fcrlich wissen, was f\u00fcr ein riesengro\u00dfer Skandal hier ans Tageslicht kommt und lasen den Artikel. Kurz zusammengefasst war Folgendes passiert: Die Wettbewerbsausschreibung enthielt sehr ung\u00fcnstige Konditionen f\u00fcr die Teilnehmer (u.a. ein Abtritt der Nutzungsrechte an den eingereichten Kompositionen) und versprach ein Preisgeld, das in keinem Verh\u00e4ltnis zum Aufwand stand. Als Referenz f\u00fcr ein angemessenes Preisgeld zitiert Alexander Strauch die <a href=\"http:\/\/femusik.de\/?cat=17\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Honorarrichtlinien<\/a> f\u00fcr Auftragskompositionen. Diese Richtlinien enthalten unter anderem einen Stundenlohn von 24,60 \u20ac f\u00fcr die Vorbereitungszeit.<\/p>\n\n\n\n<p>MusikerInnen\nwerden also schlecht f\u00fcr ihre Arbeit bezahlt. Aha. Gibt&#8217;s sonst noch was Neues?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sch\u00f6ne\nZahlen<\/h3>\n\n\n\n<p>In\nder klassischen Musik kursieren in der letzten Zeit haufenweise Zahlen, was f\u00fcr\nwelche Arbeit der richtige Lohn sei. Diese Zahlen haben allerdings mit der\nRealit\u00e4t nur noch wenig zu tun. Im Gegenteil, die L\u00fccke zwischen Anspruch und\nWirklichkeit geht sogar immer weiter auseinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel: 2004 vereinbarte der Deutsche B\u00fchnenverband mit der Orchestergewerkschaft DOV feste (allerdings nicht verbindliche) Aushilfsgagen. Manche Orchester zahlten diese Gagen, manche nicht; offiziell blieben Aushilfsgagen \u201eVerhandlungssache\u201c. Seitdem gab es keine Erh\u00f6hung dieser S\u00e4tze. Dieses Jahr wollte nun die DOV die S\u00e4tze entsprechend der Tariferh\u00f6hung der Festangestellten (insgesamt 35%!) angleichen. Der B\u00fchnenverband sperrte sich. Und auch die Orchester winkten ab. Wo solle denn dieses zus\u00e4tzliche Geld herkommen? Die S\u00e4tze blieben also die gleichen und die DOV war gezwungen, <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/orchesterland.wordpress.com\/2019\/06\/14\/neue-mindesthonorare-fuer-orchesteraushilfen-in-nrw\/\" target=\"_blank\">im Juni 201<\/a><a href=\"https:\/\/orchesterland.wordpress.com\/2019\/06\/14\/neue-mindesthonorare-fuer-orchesteraushilfen-in-nrw\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"9 (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">9<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/orchesterland.wordpress.com\/2019\/06\/14\/neue-mindesthonorare-fuer-orchesteraushilfen-in-nrw\/\" target=\"_blank\"> die Aushilfen dazu aufzurufen<\/a>, einfach h\u00f6here Gagen zu fordern. Weil das ja bisher so gut funktioniert hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch d\u00fcsterer sieht es in anderen Verb\u00e4nden aus. Die Th\u00fcringer Staatskanzlei listete 2018 einmal auf, was Aushilfen im Bundesland verdienen. Die Spanne reichte von 90 \u20ac bis 150 \u20ac pro Auff\u00fchrung (Probenverg\u00fctung entsprechend geringer). In seiner Forderung, <a href=\"https:\/\/www.dov.org\/Freie\/faire-honorare-fuer-orchesterprojekte-vokalsolisten\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">kleinere Orchester sollten die Mindesthonorare f\u00fcr freie Projekte zahlen<\/a>, geht die DOV von einer Gage von 171,25 \u20ac pro Auff\u00fchrung (plus Sonderzahlungen wie die Solo-Zulage) als absolutes Minimum aus. Selbst die Staatskapelle Weimar, immerhin ein A-Orchester, liegt ca. 30 % unter diesen Mindeststandards. Angesprochen auf dieses Missverh\u00e4ltnis reagieren Orchester nach unserer Erfahrung immer gleich: Es ist kein Geld da, um diese Aushilfss\u00e4tze zu zahlen. Und sogar: Mit diesen Gagen w\u00e4ren Konzerte mit Aushilfen gar nicht mehr m\u00f6glich, und die Aushilfen h\u00e4tten gar keine Arbeit mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>In Brandenburg konnte das Landesparlament 2018 davon \u00fcberzeugt werden, \u201eMindestl\u00f6hne\u201c f\u00fcr freie MusikerInnen gesetzlich einzuf\u00fchren. Diese Regelung soll ab 2021 gelten. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/freie-musiker-brandenburgs-kampf-gegen-dumpingloehne.1993.de.html?dram:article_id=435556\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Kritiker bef\u00fcrchten jedoch, dass die eigentlich sinnvolle Neuerung nach hinten los gehen k\u00f6nnte<\/a>: Die Regelung betr\u00e4fe n\u00e4mlich nicht die festangestellten MusikerInnen, die quasi nebenher als Aushilfe in anderen Orchestern spielen. Sie w\u00e4ren dann \u201ebilliger\u201c als die Freischaffenden, die keine Angebote mehr bek\u00e4men und somit die Leidtragenden w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es lie\u00dfen sich noch viele weitere Beispiele finden. Etwa aus dem Bereich Musikschulen, wo fl\u00e4chendeckend feste Stellen in billige Honorarvertr\u00e4ge umgewandelt werden, ganz einfach deshalb, weil teilweise <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/stadt-k%C3%B6ln-schluss-mit-prek%C3%A4rer-besch%C3%A4ftigung-von-honorardozenten-an-der-rheinischen-musikschule-k%C3%B6ln\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">seit Jahrzehnten die Budgets der Musikschulen nicht erh\u00f6ht<\/a> oder sogar gek\u00fcrzt wurden. Auch auf dem freien Markt kann man ja gerne mal versuchen, Stundenl\u00f6hne von 24,60 \u20ac f\u00fcr die Vorbereitungszeit (!) eines Konzerts zu fordern&#8230;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">L\u00e4sst\nsich klassische Musik \u00fcberhaupt noch finanzieren?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die\nZeiten, in denen eine klassische Musikveranstaltung zuverl\u00e4ssig Profit abwarf,\nsind lange vorbei. Die Kosten sind hoch, die MusikerInnen m\u00fcssen lange und\nintensiv ausgebildet werden und die Nachfrage des Publikums sinkt stetig. Der\nklassische Musikbetrieb l\u00e4uft nur noch deshalb so gut, weil er massiv\nsubventioniert wird. Staatliche und private Geldgeber f\u00f6rdern gerne\nprestigetr\u00e4chtige Projekte \u2013 alles andere f\u00e4llt hinten runter. Besonders kleine\n\u201eAnbieter\u201c leiden darunter, weil sie mit den gro\u00dfen Agenturen oder international\nt\u00e4tigen Orchestern nicht mithalten k\u00f6nnen. Und das Publikum hat sich an\nEintrittspreise gew\u00f6hnt, die irgendwo im Bereich zwischen \u201eviel zu billig, weil\ngef\u00f6rdert\u201c und \u201eviel zu teuer, trotzdem nicht kostendeckend\u201c liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nUmkehrschluss bedeutet das nat\u00fcrlich: Wird die F\u00f6rderung eines Projekts eingestellt\noder zur\u00fcckgefahren, ist das Projekt stark gef\u00e4hrdet. Um das zu vermeiden, wird\ndann gerne getrickst. Ein befreundeter Orchestermusiker berichtete uns, die\nPlanstellen inklusive aller laut Tarifvertrag vorgesehenen Verg\u00fctungen seines\nA-Orchesters seien mit dem Budget, das ihnen zur Verf\u00fcgung stehe, gar nicht zu bezahlen.\nUm den Status als A-Orchester nicht zu verlieren m\u00fcsse man beispielsweise\nStellen ausschreiben und dann im Probespiel niemanden nehmen. Oder man m\u00fcsse\nStellen mit PraktikantInnen besetzen. Denn der A-Orchester-Statusverlust w\u00fcrde\nzu einer K\u00fcrzung der F\u00f6rdermittel f\u00fchren und die ganze Sache ginge von vorne\nlos.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Zum\nbesseren Verst\u00e4ndnis stellen wir diese Geschichte einmal mit konkreten, wenn\nauch fiktiven Zahlen nach: Angenommen, ein A-Orchester braucht laut\nTarifvertrag 10 Planstellen \u00e0 50.000 \u20ac Jahresgehalt. Dann ben\u00f6tigt es ein\nJahresbudget von 500.000 \u20ac, das sich aus Einnahmen und F\u00f6rdermitteln\nzusammensetzt, beispielsweise 100.000 \u20ac Einnahmen und 400.000 \u20ac F\u00f6rdermitteln.\nJetzt werden die F\u00f6rdermittel auf 300.000 \u20ac gek\u00fcrzt. Von diesem Budget lassen\nsich aber nur noch 8 Planstellen finanzieren. W\u00fcrde das Orchester nun 8\nMusikerInnen fest anstellen und die letzten beiden wegk\u00fcrzen, ginge der Status\nals A-Orchester verloren und das Orchester w\u00fcrde nur noch als B-Orchester mit 8\nPlanstellen \u00e0 40.000 \u20ac Jahresgehalt eingestuft. Aufgrund des Status-Verlusts\nund der Verschlankung des Spielplans sinken die Einnahmen auf beispielsweise\n60.000 \u20ac und das Orchester wird f\u00fcr die Geldgeber weniger interessant; sie\nf\u00f6rdern das Orchester nur noch mit 240.000 \u20ac. Das Budget sinkt also weiter und\nes st\u00fcnden nur noch 37.500 \u20ac Jahresgehalt pro Person zur Verf\u00fcgung. Es lie\u00dfen\nsich also auch die 8 Planstellen nicht mehr finanzieren. Das Orchester ger\u00e4t in\neine kaum aufzuhaltende Abw\u00e4rtsspirale. Um dem entgegenzuwirken stellt das\nOrchester nur noch 6 MusikerInnen fest an. Das \u00fcbrige Budget wird auf vier\nPraktikantInnen verteilt, die \u201e\u00fcbergangsweise\u201c die vakanten Positionen\nbesetzen. Trotz geringerem Budget beh\u00e4lt das Orchester so seinen A-Status,\nallerdings auf Kosten der PraktikantInnen, die eigentlich eine regul\u00e4re Stelle\nbei geringerer Bezahlung besetzen, sowie des Arbeitsmarktes, auf dem 4 feste\nStellen weniger angeboten werden k\u00f6nnen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Der\nKonzertbesucher erf\u00e4hrt von alledem nat\u00fcrlich nichts. Die Qualit\u00e4t von freien\nMusikerInnen oder selbst PraktikantInnen ist oft so hoch, dass die\nGesamtqualit\u00e4t des Orchesters manchmal sogar noch aufgewertet wird. Den\nwenigsten d\u00fcrfte wohl bewusst sein, dass der (oft immer noch stolze)\nEintrittspreis bei denjenigen, denen man auf der B\u00fchne applaudiert, gar nicht\nankommt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Brauchen\nwir mehr Arbeitskampf der Geringverdiener?<\/h3>\n\n\n\n<p>Trotz\nder oben geschilderten Lage der klassischen Musik geht der Trend der letzten\nZeit wie gesagt dahin, h\u00f6here Gagen zu fordern. Der Effekt auf die Gagen geht\ndabei, wie das Beispiel der Aushilfen zeigt, gegen null. Von diesen Forderungen\nallein werden die entsprechenden F\u00f6rdergelder selten erh\u00f6ht, daher gibt es f\u00fcr\nOrchester, Musikschulen oder Konzertveranstalter schlicht keine M\u00f6glichkeit,\nh\u00f6here Gagen zu zahlen. Die Eintrittspreise oder Musikschulgeb\u00fchren zu erh\u00f6hen,\nist auch keine Option. Das Publikum hat sich eben daran gew\u00f6hnt, dass eine\nStunde Kammermusik auch schon mal f\u00fcr 5 \u20ac zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Was\nw\u00fcrde eine Eintrittskarte f\u00fcr unsere Duo-Konzerte kosten, wenn wir einen\nStundenlohn von 24,60 f\u00fcr die Vorbereitungszeit berechnen w\u00fcrden? Hier eine\nBeispielrechnung: Wir haben fr\u00fcher einmal exemplarisch beobachtet, dass wir f\u00fcr\n15 Minuten Musik ca. 100 Stunden \u00dcbe- und Probezeit pro Person brauchen. Ein\neinst\u00fcndiges Programm ben\u00f6tigt also 800 Stunden Arbeitszeit. Das ergibt einen\nGesamtlohn von fast 20.000 \u20ac. Hinzu kommen noch Kosten f\u00fcr Saalmiete, GEMA,\nVersicherungen, Druckkosten sowie eine gewisse Anzahl an Arbeitsstunden, die\nf\u00fcr die Planung der einzelnen Konzerte draufgeht. Eine Tournee von uns umfasst\netwa 15 Konzerte. Vorsichtig gesch\u00e4tzt betragen die Kosten pro Konzert noch\neinmal 500 \u20ac, insgesamt also 7.500 \u20ac. Wenn wir annehmen, dass zu jedem Konzert\n40 Zuh\u00f6rer kommen, verkaufen wir insgesamt 600 Karten pro Jahr. Rechnet man das\nalles zusammen, kommt man auf einen Kartenpreis von etwa 45 \u20ac. Und das ist noch\nkonservativ gesch\u00e4tzt; wir wirtschaften dadurch, dass wir pro Jahr nur ein\nProgramm vorbereiten, noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig g\u00fcnstig. Und man darf ja auch nicht\ndie enorm hohen laufenden Kosten vergessen, die man als MusikerIn hat,\nbeispielsweise f\u00fcr Auto, Instrument, Wartung, Ersatzsaiten, Noten, etc&#8230;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Das\nalles ist allerdings nur ein Teil der Geschichte. Denn jeder, der sich in der\nKlassik-Szene bewegt, wird schon festgestellt haben, dass beim richtigen Anlass\nauf einmal doch Geld f\u00fcr verschiedenste Posten vorhanden ist. Da sind dann\n10-min\u00fctige Auftritte von Star-Dirigenten oder Operndiven und die Anschaffung\nvon vergoldeten Drumsets\npl\u00f6tzlich sehr wohl m\u00f6glich. Eine befreundete Harfenistin berichtete uns\neinmal, dass der Verkauf der alten Orchesterharfe ins Leere lief, obwohl schon\nein K\u00e4ufer gefunden war, der die hohe vierstellige Summe bezahlen wollte. So\nn\u00f6tig hatte das Orchester dieses Geld wohl nicht. Die Aushilfss\u00e4tze sind in\ndiesem Orchester \u00fcbrigens besonders niedrig. Begr\u00fcndung: Kein Geld&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne\neine \u201eNeiddebatte\u201c lostreten zu wollen: Bei einer anderen Verteilung der Mittel\nw\u00e4re eine faire (oder zumindest fairere) Bezahlung sehr wohl m\u00f6glich! Und wie\nsollen die Geldgeber denn wissen, was sie eigentlich bezahlen m\u00fcssten, wenn ein\nProjekt durch schlechte Bezahlung der MusikerInnen sch\u00f6ngerechnet wird? Wenn\njemand mit einem eigentlich zu niedrigen Budget auskommt, wird der Geldgeber\ndieses im n\u00e4chsten Jahr wohl kaum erh\u00f6hen. Arbeitskampf lohnt sich also auf\njeden Fall!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Aber&#8230;<\/h3>\n\n\n\n<p>Selbst wenn wir faire Gagen f\u00fcr alle MusikerInnen h\u00e4tten, w\u00fcrde das nichts daran \u00e4ndern, dass der klassische Musikbetrieb in seiner jetzigen Form vielleicht gar nicht mehr funktionieren kann. Mit dieser Meinung stehen wir \u00fcbrigens nicht alleine da. Zum Beispiel: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/klassik-geiger-frank-peter-zimmermann-1.4459475?reduced=true\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"In einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 23.05.2019 spricht der Geiger Frank Peter Zimmermann \u00fcber Musikaufnahmen und Plattenvertr\u00e4ge (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">In einem Interview mit der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 23.05.2019 spricht der Geiger Frank Peter Zimmermann \u00fcber Musikaufnahmen und Plattenvertr\u00e4ge<\/a>. Er ist der Meinung, dass man heute als klassische(r) MusikerIn mit einer Aufnahme \u00fcberhaupt kein Geld mehr verdienen kann. Besonders junge K\u00fcnstlerInnen w\u00fcrden in unvorteilhafte Vertr\u00e4ge gedr\u00e4ngt. Die K\u00fcnstlerInnen willigen nat\u00fcrlich ein, weil sie die gro\u00dfe Karriere wittern. Dann w\u00fcrden sie \u201e\u00fcber f\u00fcnf bis zehn Jahre ausgelutscht, notfalls mit dreihundert Konzerten im Jahr\u201c. Danach verschwinden sie wieder von der Bildfl\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nda w\u00e4ren wir wieder beim Ausgangspunkt und dem Kompositionswettbewerb. Es hat\nsich als bekanntes Muster etabliert, dass besonders junge MusikerInnen zu\nniedrigen L\u00f6hnen arbeiten und an ausbeuterischen Wettbewerben teilnehmen\nm\u00fcssen, um \u00fcberhaupt noch eine Chance zu haben, sich \u201enach oben\u201c zu arbeiten\nund ein St\u00fcck vom Kuchen abzubekommen. Jeder wei\u00df, dass dieses System nicht\nfunktioniert: Der Kuchen ist einfach nicht gro\u00df genug! Aber welche Wahl hat man\ndenn als junge(r) MusikerIn?<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nnun kommen die \u201esch\u00f6nen Zahlen\u201c ins Spiel. Man muss sich einmal die Frage\nstellen: Wem nutzen Forderungen, die sich auf dem freien Markt nicht umsetzen\nlassen? Nat\u00fcrlich denen, die es sich leisten k\u00f6nnen, solche Gagen zu fordern.\nDenn in diesem ganz kleinen Ausschnitt der Musikbranche \u2013 manche nennen ihn\nauch \u201eElfenbeinturm\u201c \u2013 hat Musik noch den Wert, den sie verdient. Diesen Status\ngilt es f\u00fcr jene, die sich in diesen Kreisen bewegen, aufrecht zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wollte man dieses Problem grunds\u00e4tzlich l\u00f6sen und daf\u00fcr sorgen, dass alle MusikerInnen faire L\u00f6hne bekommen, m\u00fcsste man viel grundlegender ansetzen. Warum zum Beispiel sind die Aushilfss\u00e4tze in Orchestern nicht Teil des Tarifvertrags? Warum bilden wir wesentlich mehr MusikerInnen an den Musikhochschulen aus, als der Markt braucht? Warum halten wir nach wie vor an der Illusion fest, dass ich, wenn ich nur genug \u00fcbe, sp\u00e4ter auf jeden Fall eine gut bezahlte Stelle bekomme? Warum gilt ein(e) MusikschullehrerIn nach wie vor in vielen Kreisen als \u201egescheiterte(r) MusikerIn\u201c?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese\nFragen sind unbequem, klar. Aber der Grund, warum wir uns in der klassischen\nMusik so schwer mit ihnen tun, ist, dass sie vor allem von denen gestellt\nwerden, die es nicht \u201enach oben\u201c geschafft haben. Und diese MusikerInnen sind\nselten in Positionen, wo sie Entscheidungen \u00fcber solche Fragen treffen k\u00f6nnten.\nDiese Fragen k\u00f6nnten also nur angegangen werden, wenn MusikerInnen in\nF\u00fchrungspositionen gegen ihre eigenen Interessen entscheiden w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das\nkann man tun<\/h3>\n\n\n\n<p>Die\nProbleme der klassischen Musik sind sehr grunds\u00e4tzlich. Wenn wir so weiter\nmachen wie bisher, werden immer mehr HochschulabsolventInnen Schwierigkeiten\nhaben, sich auf einem \u00fcberf\u00fcllten Arbeitsmarkt durchzusetzen. Es muss also\netwas getan werden. Nur, was?<\/p>\n\n\n\n<p>Wie schon geschrieben, sind kleine Ma\u00dfnahmen wichtig. Jeder, vor allem aber die \u201earrivierten\u201c MusikerInnen, sollten schauen, was sie in ihrem Umfeld bewirken k\u00f6nnen. Beispielsweise k\u00f6nnen die festangestellten OrchestermusikerInnen gegen\u00fcber dem Management auf fairen Gagen f\u00fcr die Aushilfen bestehen und es ablehnen, aus Gef\u00e4lligkeit bei Laien-Orchestern umsonst zu spielen, weil sie pers\u00f6nlich das Geld nicht brauchen. Festangestellte MusikschullehrerInnen k\u00f6nnen sich bei ihrer Verrentung daf\u00fcr einsetzen, dass ihre Stelle f\u00fcr den Nachfolger nicht in eine Honorarstelle umgewandelt wird. Dirigenten und Festivalleiter sollten nur solche Projekte verwirklichen,&nbsp; bei denen alle Aushilfen fair bezahlt werden k\u00f6nnen, und nicht aus pers\u00f6nlichem Ehrgeiz mit ihren Streichorchestern die Alpensinfonie auff\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber bei solchen Ma\u00dfnahmen muss man immer aufpassen, dass sie letztendlich nicht die Gesamtsituation verschlechtern bzw. die Probleme nicht nur in einen anderen Bereich verschieben. Sie werden auf Dauer auch nicht ausreichen. Es braucht deswegen neue Debatten dar\u00fcber, wie der Markt f\u00fcr klassische Musik in der Zukunft aussehen soll. Daf\u00fcr braucht es auch politische L\u00f6sungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst\nsind hier nat\u00fcrlich die Geldgeber gefragt. Wer sich mit einem st\u00e4dtischen\nSpitzenorchester schm\u00fccken will, der muss auch soviel Geld zur Verf\u00fcgung\nstellen, dass alle Beteiligten anst\u00e4ndig bezahlt werden k\u00f6nnen. Wer einen\nWettbewerb ausschreibt, muss faire Teilnahmebedingungen schaffen und nicht nur\ndarauf achten, dass die Sponsoren gut dastehen. Wer die Sch\u00fclerzahlen einer\nMusikschule verdoppeln will, darf nicht mit einem nahezu unver\u00e4nderten Budget\nplanen. Und wenn das Geld daf\u00fcr nicht da ist, dann muss man eben auch einmal in\nden sauren Apfel bei\u00dfen und sagen: Dieses Projekt ist so nicht realisierbar!\nNur so entsteht f\u00fcr die MusikerInnen, besonders f\u00fcr Berufsanf\u00e4ngerInnen, ein\nrealistisches Bild des Arbeitsmarkts.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch wir MusikerInnen m\u00fcssen umdenken. Hier sind in erster Linie die Musikhochschulen gefragt, da sie ma\u00dfgeblich f\u00fcr die \u00dcberf\u00fcllung des Arbeitsmarktes verantwortlich sind. In ihrer Studie \u201e<a href=\"https:\/\/van.atavist.com\/post-musikstudium\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Musikstudium und danach<\/a>\u201c stellt die Oboistin Esther Bishop fest, dass es 2012 43 % mehr AbsolventInnen in Deutschland gab als noch 2000. Gleichzeitig ist die Zahl der Orchester aber von 168 (1992) auf 131 (2014) zur\u00fcckgegangen. Im Ergebnis stieg die Zahl der freischaffenden MusikerInnen von 14.649 (1992) auf 51.527 (2015) an. Die Musikhochschulen m\u00fcssen also endlich damit aufh\u00f6ren, aus Prestigegr\u00fcnden neue Instrumental-Klassen zu gr\u00fcnden oder bekannte MusikerInnen an ihre H\u00e4user zu holen, ohne dass daf\u00fcr ein Bedarf besteht. Nat\u00fcrlich muss es auch die Spitzen-SolistInnen geben, damit all die geniale und wundersch\u00f6ne Musik auch weiterhin zu h\u00f6ren ist. Aber was ist mit all den anderen Berufsbildern, die bei dem ver\u00e4nderten Arbeitsmarkt immer wichtiger werden? Diese werden im Studium nach wie vor gr\u00f6\u00dftenteils vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht\nmuss man sich allm\u00e4hlich auch \u00fcber unkonventionelle L\u00f6sungen Gedanken machen.\nMan stelle sich einmal vor, MusikerInnen w\u00fcrden den AutraggeberInnen einfach\nRechnungen \u00fcber die geleisteten Arbeitsstunden stellen, wie ein Handwerker.\nOder es g\u00e4be einen gesetzlich vereinbarten Mindestlohn f\u00fcr\nMusikschullehrerInnen \u2013 einklagbar bei Nichtzahlung. Oder wie w\u00e4re es mit einem\nGrundeinkommen f\u00fcr K\u00fcnstlerInnen? Klar, jeder dieser Vorschl\u00e4ge hat seine Vor-\nund Nachteile. Aber wenn wir in der klassischen Musik den Kollaps verhindern\nwollen, wie er beispielsweise im Pflegebereich schon l\u00e4ngst passiert ist,\nm\u00fcssen wir auch f\u00fcr radikale Ma\u00dfnahmen offen sein.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura\n&amp; Daniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. Juli berichtete Alexander Strauch im Bad Blog der nmz \u00fcber den Kompositionswettbewerb \u201eBeethoven \u2013 zur\u00fcck in die Zukunft\u201c des Musikschulen-Verbands 2019. Die Ausschreibung des Wettbewerbs sei \u201eein Beispiel f\u00fcr Ausbeutung von einreichwilligen Komponistinnen und Komponisten\u201c. Und sein Komponisten-Kollege Moritz Eggert kommentierte direkt auf Facebook: \u201eunglaublich, was Alexander Strauch<span class=\"excerpt-hellip\"> [\u2026]<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1902,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[415],"tags":[103,307,161,351,403],"class_list":["post-1962","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-musik-und-gesellschaft","tag-aushilfe","tag-bad-blog-of-musick","tag-dov","tag-fair-pay-wochen","tag-stundenlohn"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1962"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1969,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1962\/revisions\/1969"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1902"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1962"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1962"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1962"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}