{"id":2496,"date":"2020-01-09T15:48:15","date_gmt":"2020-01-09T14:48:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2496"},"modified":"2020-01-09T15:48:16","modified_gmt":"2020-01-09T14:48:16","slug":"gedanken-zum-neuen-jahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/gedanken-zum-neuen-jahr\/","title":{"rendered":"Gedanken zum neuen Jahr"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In meiner Jugend zog ich mit meinen Freunden an Silvester um die H\u00e4user. Wir waren minderj\u00e4hrig, betrunken und brannten \u2013 na klar \u2013 Feuerwerk ab. Wir fanden das irre witzig, vor allem, wenn man die Raketen direkt aus der Hand starten lie\u00df und andere Passanten angstvoll vor einem zur\u00fcckwichen. Wir taten dies, weil wir es konnten und es uns damals wie eine gute Idee erschien. Ernsthaft passiert ist auch nie etwas. Zum Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es h\u00e4tte n\u00e4mlich sehr gut etwas passieren k\u00f6nnen. Ein zu fr\u00fch gez\u00fcndeter B\u00f6ller und ein paar Finger mitsamt der Musiker-Karriere w\u00e4ren pass\u00e9 gewesen. Oder eine Rakete h\u00e4tte als Querschl\u00e4ger jemanden so verletzen k\u00f6nnen, dass man Zeit seines Lebens f\u00fcr eine teure medizinische Versorgung zahlt. Oder eine verirrte Himmelslaterne h\u00e4tte auf dem Dach des Affenhauses landen und selbiges mitsamt seiner Bewohner in Brand stecken k\u00f6nnen. Tat es aber nicht; und so zogen wir im n\u00e4chsten Jahr wieder los. So lange, bis letztendlich die Vernunft des fortgeschrittenen Alters einsetzte bzw. die Knallerei irgendwann einfach ihren Reiz verlor. Den letzten Jahreswechsel verbrachte ich \u00fcbrigens schlafend im Bett.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Deutschland wird gerne \u00fcber Verbote\nund Richtlinien gejammert. Tempolimit? Diesel-Fahrverbote?\nRauchverbot? Doch nicht mit uns! Wo bleibt da die Freiheit (bzw. die\nWirtschaft)? Dabei gibt es kaum ein Land, in dem das \u00f6ffentliche\nLeben so stark reguliert ist, wie bei uns. Doch wenn ein(e)\nPolitikerIn auf Stimmenfang geht, braucht er oder sie blo\u00df einmal\n\u201eB\u00fcrokratieabbau\u201c zu rufen, und die Zustimmung ist garantiert.\nMal ehrlich: Hat irgendwer einmal mehr B\u00fcrokratie gefordert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Klassische-Musik-Betrieb ist da ein\nsch\u00f6nes Beispiel, wie es auch ohne l\u00e4stige B\u00fcrokratie geht.  Da\nwerden Pr\u00fcfungsordnung an Hochschulen gerne mal als warme Empfehlung\ninterpretiert. Warum sollte der oder die ProfessorIn sich auch daran\nhalten, wenn er oder sie doch sowieso die alleinige\nEntscheidungsgewalt in der Pr\u00fcfungskommission hat? Wettbewerbe und\nProbespiele werden nach vollkommen subjektiven Kriterien entschieden\noder auch einfach direkt \u201eunter der Hand\u201c. Ist ja auch viel\neinfacher, als sich wirklich zu \u00fcberlegen, wer am geeignetsten f\u00fcr\ndie Stelle ist oder wer den ersten Preis verdient. Und schlie\u00dflich\nsind wir ja alle auch nur Menschen. Ist es da nicht absolut\nnachvollziehbar, wenn der oder die DozentIn nicht alle StudentInnen\ngleich behandelt, sondern seine oder ihre \u201eLieblinge\u201c hat?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den letzten Jahren durften wir schlie\u00dflich feststellen, dass diese Form der Kunst-\u201eFreiheit\u201c auch ihre Schattenseiten hat. Einzelne Personen des Musikbetriebs mit nahezu uneingeschr\u00e4nkter Macht auszustatten und auch keinerlei wirksame Kontrollinstanz einzusetzen f\u00fchrte \u2013 \u00dcberraschung! \u2013 dazu, dass manche dieses System ausnutzten und ihre Macht missbrauchten. Manche nutzten diese Macht, um ihre eigenen Sch\u00fclerInnen \u00fcber jedes gesunde Ma\u00df hinweg zu protegieren, andere dazu, um unliebsamen KonkurrentInnen zu schaden. Und wiederum andere nutzten diese Macht, um ihre Sch\u00fclerInnen, StudentInnen, MitarbeiterInnen oder KollegInnen psychisch und k\u00f6rperlich zu misshandeln oder sexuell zu missbrauchen. Sie taten dies, weil sie es konnten und weil es ihnen in dem Moment wie eine gute Idee erschien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/holzheid-kommission-legt-abschlussbericht-vor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Die Holzheid-Kommission hat nach dem Fall Mauser viele kluge Dinge vorgeschlagen, die an der Musikhochschule M\u00fcnchen in Zukunft anders laufen sollen<\/a>. Doch eines haben wir dabei vermisst: Einen Plan, wie das zuverl\u00e4ssig umgesetzt und kontrolliert werden soll. Unserer Meinung nach wird man langfristig nicht um Verbote und Sanktionsm\u00f6glichkeiten \u00fcber die Arbeitsvertr\u00e4ge herumkommen. Und dann werden sicherlich all diejenigen DozentInnen aufschreien, die ihre StudentInnen nicht missbrauchen und auch sonst hervorragende p\u00e4dagogische Arbeit leisten. Wo bleibt da die (k\u00fcnstlerische) Freiheit?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hierbei auf die Vernunft des oder der\nEinzelnen zu vertrauen, ist aber genauso naiv, wie zu glauben, die\nMenschen w\u00fcrden an Silvester von alleine verantwortungsvoll mit\nFeuerwerk umgehen. Nat\u00fcrlich kann jeder sagen: \u201eEs war ja nicht\nmeine Rakete, die das Affenhaus in Brand gesteckt hat!\u201c Auf 99&nbsp;%\nder Leute trifft das sicherlich zu. Genauso kann man sagen: \u201eIch\nhabe immer zu Hause unterrichtet und hatte nie Probleme damit!\u201c\nAuch ich habe dieses gro\u00dfz\u00fcgige Angebot meiner Lehrkr\u00e4fte im\nStudium angenommen, und es hat tats\u00e4chlich immer funktioniert. Heute\ndenke ich dagegen, dass weder ich noch meine Lehrkr\u00e4fte in der Lage\nwaren, die Problematik der Situation richtig einzusch\u00e4tzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Im Herbst vergangenen Jahres f\u00fchrte ein Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage zum Klimapaket der Bundesregierung durch (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/deutschlandtrend-1819.html\" target=\"_blank\">Im Herbst vergangenen Jahres f\u00fchrte ein Meinungsforschungsinstitut eine Umfrage zum Klimapaket der Bundesregierung durch<\/a>. Laut dieser Umfrage w\u00fcnschten sich die Deutschen mehr Klimaschutz, konkret fanden aber viele Ma\u00dfnahmen, die zu Einschr\u00e4nkungen der B\u00fcrgerInnen f\u00fchrten, keine Mehrheit. Die Frage, ob die Regierung mehr Einschr\u00e4nkungen gesetzlich vorschreiben sollte, wurde dagegen mehrheitlich mit ja beantwortet. Man k\u00f6nnte dies zynisch so interpretieren: Die Regierung soll uns bitte vorschreiben, was wir beim Klimaschutz zu tun haben, weil wir selbst das nicht entscheiden k\u00f6nnen. Ich kann diese Haltung sehr gut nachvollziehen: Auch ich w\u00fcnsche mir, dass es schon zu meiner Studienzeit verboten gewesen w\u00e4re, zu Hause zu unterrichten, genauso wie in meiner Jugend Feuerwerk abzubrennen. Zu der Zeit war ich n\u00e4mlich nicht in der Lage, mich dagegen zu entscheiden. Im R\u00fcckblick w\u00e4re es besser, wenn mir jemand diese Entscheidung abgenommen h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Daniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Jugend zog ich mit meinen Freunden an Silvester um die H\u00e4user. Wir waren minderj\u00e4hrig, betrunken und brannten \u2013 na klar \u2013 Feuerwerk ab. 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