{"id":2634,"date":"2020-03-13T16:14:33","date_gmt":"2020-03-13T15:14:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2634"},"modified":"2020-03-13T16:14:33","modified_gmt":"2020-03-13T15:14:33","slug":"corona-solidaritaet-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/corona-solidaritaet-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Corona \u2013 Solidarit\u00e4t in der Krise!"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist das Thema, das\naktuell die Schlagzeilen bestimmt: Die Corona-Pandemie. Jeder hat\ndazu eine Meinung und jeder ist pl\u00f6tzlich Experte. Bisher dominierte\ndabei die Angst vor der eigenen Ansteckung oder die Sorge vor den\nFolgen f\u00fcr die deutsche Wirtschaft. Doch durch die Absage von\nSportveranstaltungen, Messen und Konzerten sind die Auswirkungen f\u00fcr\nviele ganz schnell real geworden. Und pl\u00f6tzlich mischt sich eine\nandere Frage in die \u00dcberlegungen: Was ist eigentlich mit den ganzen\nArbeitnehmern? Und \u2013 noch schlimmer: Was ist mit den ganzen\nSelbstst\u00e4ndigen?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es wird im Moment viel\ngeschrieben, die Leute m\u00fcssten sich nun \u201esolidarisch\u201c verhalten.\nDoch was hei\u00dft das eigentlich genau? Bisher ist die Rede von\n\u201eHilfsfonds\u201c, \u201eLohnfortzahlungen\u201c bei Quarant\u00e4ne oder ganz\nallgemein der \u201eGesetzeslage\u201c. Alles sch\u00f6ne Worte, sicherlich,\nund um diese Begriffe wird sich vor allem die Politik k\u00fcmmern\nm\u00fcssen. Doch diese sch\u00f6nen Worte werden ganz schnell verpuffen,\nwenn die ersten Insolvenzantr\u00e4ge gestellt werden. Denn die meisten\nSelbstst\u00e4ndigen stehen vor einem ganz konkreten Problem, wenn sie\nkeine Auftr\u00e4ge bekommen: Sie haben sofort kein Geld mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Man stelle sich die\nSituation eines freischaffenden Musikers vor: Man ist froh, wenn man\ndie Miete p\u00fcnktlich \u00fcberweisen kann, wenn nicht allzu viele\nSch\u00fclerInnen absagen (denn Absage = kein Honorar!) und wenn das\nOrchester l\u00e4nger als eine Woche vorher f\u00fcr die Aushilfe anfragt.\nMan hat keine R\u00fccklagen (Wovon auch?), geschweige denn eine\nAltersabsicherung und hoffentlich ein(e) PartnerIn oder Familie, die\neinem finanziell schon mal aus der Klemme helfen k\u00f6nnen.\nPlanungssicherheit hat man auch in den seltensten F\u00e4llen, da\nHonorarvertr\u00e4ge extrem kurze K\u00fcndigungsfristen haben und\nKonzertveranstalter ja ungern Vertr\u00e4ge geschweige denn Ausfallgagen\nmit den MusikerInnen aushandeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun kommen Konzert-\nund Unterrichtsabsagen wegen der Corona-Pandemie dazu. Wie viel\nSpielraum wird der oben beschriebene Musiker wohl haben? Wie lange\nwird er bei einem Honorarausfall von 80% &#8211; 100% wohl auf \u201eHilfsfonds\u201c\nwarten k\u00f6nnen? Was wird ihm eine \u201eVerschiebung\u201c eines Konzerts\nbringen? Wie lange werden die (ebenfalls krankheitsbedingt\n\u00fcberlasteten) Beh\u00f6rden wohl brauchen, um die ganzen Antr\u00e4ge auf\nEntsch\u00e4digung zu bearbeiten? Und in wie vielen F\u00e4llen wird dann in\n6 bis 12 Monaten herauskommen, dass kein Anspruch auf eine solche\nbesteht, da man irgendeine b\u00fcrokratische Kleinigkeit nicht beachtet\nhat? Und was soll der Musiker in dieser Zeit machen? Nicht wenige\nwerden wahrscheinlich zumindest \u00fcbergangsweise auf Sozialhilfe\nangewiesen sein, auch Privatinsolvenzen sind denkbar. Besonders\ndramatisch wird es f\u00fcr die werden, die keine famili\u00e4re Absicherung\nhaben. Frauen \u2013 besonders Alleinerziehende \u2013 wird es noch h\u00e4rter\ntreffen, der Gender-Paygap\nl\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber kommen wir noch einmal auf den Solidarit\u00e4ts-Begriff zur\u00fcck. Denn wir erleben bisher vielfach genau das Gegenteil: Veranstalter und Arbeitgeber wollen herausfinden, wozu sie gesetzlich \u201everpflichtet\u201c sind. Angestellte und Selbstst\u00e4ndige wollen wissen, was ihnen \u201ezusteht\u201c. Doch so wird sich die Krise unserer Meinung nach nicht l\u00f6sen lassen. Es wird am Ende nicht herauskommen, dass wir alle oder auch nur manche keine Einschr\u00e4nkungen sp\u00fcren werden. Und es wird auch nicht funktionieren, wenn wir uns \u201enotwendige Einschr\u00e4nkungen\u201c gesetzlich verordnen lassen. Wenn alle so denken, werden sich Arbeitnehmer am Ende durch alle Instanzen klagen m\u00fcssen, bevor sie eine finanzielle Entsch\u00e4digung erhalten. Das haben mittlerweile auch andere Stellen erkannt, beispielsweise der Deutsche Tonk\u00fcnstlerverband: Er schreibt in einer Email an seine Mitglieder, er \u201e<em>m\u00f6chte versichern, dass wir zu unseren F\u00f6rderzusagen und Zuwendungen stehen, auch wenn Veranstaltungen aufgrund des COVID19 abgesagt werden. [&#8230;] Bitte achten Sie darauf, dass von den durch uns gew\u00e4hrten Zuwendungen und F\u00f6rderzusagen auch diejenigen freischaffenden K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, die durch Sie engagiert wurden und die als Selbst\u00e4ndige in besonderer Weise von den Veranstaltungsabsagen betroffen sind, partizipieren.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So sieht wahre Solidarit\u00e4t\naus: Jeder und jede muss sich \u00fcberlegen, was er oder sie f\u00fcr alle\ntun kann. Auch andere Bereiche sollten nachziehen: Die Musikschule\nk\u00f6nnte beispielsweise ihre Honorarkr\u00e4fte einfach unb\u00fcrokratisch\nweiter bezahlen. Gedeckt werden k\u00f6nnte das durch die\nMusikschulbeitr\u00e4ge, die die Eltern ja ohnehin zahlen. Man k\u00f6nnte\nbei abgesagten Konzerten f\u00fcr Besucher eine M\u00f6glichkeit einf\u00fchren,\nauf einen Teil des Kartenpreises zu Gunsten der Mitwirkenden zu\nverzichten. So k\u00f6nnten auch\ndie AushilfsmusikerInnen, freiberufliche Kameraleuten, outgesourctes\nEinlass- oder Reinigungspersonal und noch viele Personen mehr, an die\nman im ersten Moment nicht denkt, etwas bekommen. Auch\nfestangestellte Orchestermusiker k\u00f6nnten auf einen Teil ihres\nGehalts verzichten, um den Aushilfen wenigstens ein bisschen von\nihren Gagen auszuzahlen. Im Gegenzug m\u00fcssten sich die\nSelbstst\u00e4ndigen nat\u00fcrlich \u00fcberlegen, wie viel Geld sie wirklich\nbr\u00e4uchten und die Solidarit\u00e4t nicht \u00fcber Geb\u00fchr in Anspruch\nnehmen. Dies sind nur ein paar Beispiele, doch die Grundidee d\u00fcrfte\nklar sein und sich auf beliebige Bereiche \u00fcbertragen lassen. Solche\nMa\u00dfnahmen sind keinesfalls \u00fcbertrieben: Wenn eine Selbstst\u00e4ndige\njetzt keine Gage bekommt, ist sie bei der n\u00e4chsten Mietabbuchung im\nschlimmsten Fall pleite!<\/p>\n\n\n\n<p>Wir\npers\u00f6nlich haben in der letzten Zeit gut verdient und\ngewirtschaftet. Ein paar Monate k\u00f6nnten wir gut \u00fcberbr\u00fccken. Es\nw\u00e4re f\u00fcr uns daher zumindest im Moment eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit,\nauf Gagen und Honorare von ausgefallenen Veranstaltungen zu\nverzichten, selbst wenn sie uns theoretisch zust\u00fcnden. Es gibt mit\nSicherheit MusikerInnen, die das Geld wesentlich dringender\nbr\u00e4uchten. Es w\u00e4re uns eine gro\u00dfe Freude, zu sehen, dass andere\ndadurch vor der Pleite bewahrt w\u00fcrden. Es muss aber auch gesichert\nsein, dass das Geld dann bei den Richtigen ankommt (siehe DTKV).<\/p>\n\n\n\n<p>Was uns aber noch mehr\nfreuen w\u00fcrde, w\u00e4re, wenn die aktuelle Krise ein Umdenken in Sachen\nUmgang mit Selbstst\u00e4ndigen (MusikerInnen) bewirken w\u00fcrde. Denn nun\nzeigt sich ganz deutlich, was Honorar-, Ketten- und Aushilfsvertr\u00e4ge\nf\u00fcr dramatische Nachteile haben. Fl\u00e4chendeckend mit diesen\n\u201eBesch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen\u201c zu arbeiten, war und ist ein\nRiesenfehler. Unz\u00e4hlige freischaffende MusikerInnen haben jahrelang\nzu unw\u00fcrdigen Bedingungen gearbeitet und damit den Musikbetrieb am\nLaufen gehalten. Nun sollen sie in der Corona-Krise auch noch die\nZeche zahlen: W\u00e4hrend ihre fest angestellten KollegInnen zumindest\neine Zeit lang auf Lohnfortzahlung bauen k\u00f6nnen, stehen sie vor dem\nNichts.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Sinne: Solidarit\u00e4t hei\u00dft nicht, dass sich andere daf\u00fcr einsetzen sollen, meinen Verlust m\u00f6glichst klein ausfallen zu lassen. Es hei\u00dft, dass ich mich daf\u00fcr einsetzen muss, den Verlust aller m\u00f6glichst klein zu halten. Wir alle sollten dar\u00fcber nachdenken, was jeder und jede von uns zu einer solchen Solidarit\u00e4t beitragen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura Oetzel &amp; Daniel Mattel\u00e9<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist das Thema, das aktuell die Schlagzeilen bestimmt: Die Corona-Pandemie. Jeder hat dazu eine Meinung und jeder ist pl\u00f6tzlich Experte. Bisher dominierte dabei die Angst vor der eigenen Ansteckung oder die Sorge vor den Folgen f\u00fcr die deutsche Wirtschaft. 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