{"id":2645,"date":"2020-03-27T11:53:31","date_gmt":"2020-03-27T10:53:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2645"},"modified":"2020-05-17T14:02:46","modified_gmt":"2020-05-17T12:02:46","slug":"konsequenzen-aus-der-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/konsequenzen-aus-der-corona-krise\/","title":{"rendered":"Konsequenzen aus der Corona-Krise"},"content":{"rendered":"\n<p>Eines vorweg: Die Corona-Krise ist bei weitem noch nicht ausgestanden! Die \u00dcberlegungen, die wir in diesem Beitrag anstellen, beziehen sich daher ausschlie\u00dflich auf die jetzige Situation. Es ist gut m\u00f6glich, dass wir schon in wenigen Wochen oder Monaten mit ganz anderen Realit\u00e4ten konfrontiert werden, die wiederum ganz andere Konsequenzen zur Folge haben werden. Doch blicken wir einmal hoffnungsvoll in die Zukunft und gehen davon aus, dass wir die Corona-Krise in absehbarer Zeit \u00fcberwinden werden. Dann stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Wie geht es dann weiter? Wie wird unsere Gesellschaft aussehen? Und vor allem: Wie wird das Verhalten einzelner im Nachhinein bewertet werden? Das sind nat\u00fcrlich komplexe und eher spekulative Fragen, doch m\u00f6chten wir im Rahmen unserer eigenen beruflichen T\u00e4tigkeit, also im Bereich klassische Musik, ein paar Dinge analysieren und Prognosen wagen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was in der\nklassischen Musik bisher schon falsch lief<\/h3>\n\n\n\n<p>Bisher funktionierte die\nklassische Musik vor allem nach einem Grundprinzip: Wer der oder die\nbeste MusikerIn ist, schafft es nach oben. Und dahin gelangt man,\nindem man viel \u00fcbt. Dieses einfach klingende Mantra schallt seit\nJahrzehnten durch die Flure der Musikhochschulen, Konzertagenturen\nund Opernh\u00e4user. In Frage gestellt wird das selten. Das liegt vor\nallem an zwei Gr\u00fcnden: Erstens ist der Traum von der gro\u00dfen\nKarriere ein wichtiger Antrieb f\u00fcr jede(n) angehende(n) MusikerIn.\nWer w\u00fcrde bittesch\u00f6n Musik studieren wollen, wenn die Botschaft\nlauten w\u00fcrde: \u201eWer es nach oben schafft, wird per Los bestimmt\u201c?\n(Ganz so krass ist es nat\u00fcrlich nicht, schon klar.) Zweitens haben\ndie MusikerInnen, die es nach oben geschafft haben, in der Regel kein\nInteresse daran, das System, was sie dorthin gebracht hat, in Frage\nzu stellen. Und meistens sind es diese MusikerInnen, die die\nGeschicke der Musikszene bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch, wenn dieses\nGrundprinzip einer gewissen Logik nicht entbehrt, hat es eine sehr\nunangenehme Implikation, die oft vergessen wird: Wer es <strong>nicht<\/strong>\nnach oben geschafft hat, hat eben nicht genug ge\u00fcbt! Davon wird\nzumindest stillschweigend ausgegangen, wenn es um die berufliche und\nfinanzielle Situation von Honorarkr\u00e4ften, Lehrbeauftragten oder\nOrchesteraushilfen geht. Die Karriere einer Musikerin, die nicht\nProfessorin, Orchestermusikerin in einem Spitzenorchester oder\ngefeierte Solistin geworden ist, wird schnell als \u201egescheitert\u201c\nbezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Da nun auch selbst der von\nsich am meisten \u00fcberzeugte Musikprofessor nicht ernsthaft behaupten\nkann, der Gro\u00dfteil der MusikerInnen seien \u201egescheitert\u201c, wurde\nlange so getan, als seien freiberufliche MusikerInnen die gro\u00dfe\nAusnahme von der Regel der Festanstellung. Und selbst wer diesen\nBerufsweg \u201efreiwillig\u201c w\u00e4hlt, lebt eben ein\nBoh\u00e8me-K\u00fcnstler-Luxus-Leben. Inklusive Rotweinexzessen,\nausschweifendem Sexleben und vier- bis f\u00fcnfstelligen Gagen. Die\nRealit\u00e4t f\u00fcr freie MusikerInnen sieht nat\u00fcrlich anders aus:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/koeln-bonn-leverkusen.verdi.de\/branchen-und-berufe\/medien-kunst-und-industrie\/++co++283695b0-3190-11e8-bcaf-525400ff2b0e\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Viele Musikschulen besch\u00e4ftigen \u00fcberwiegend nur noch Honorarkr\u00e4fte<\/a> <\/li><li><a href=\"https:\/\/www.nmz.de\/artikel\/die-maer-von-der-ergaenzung-des-unterrichtsbetriebs-lehrbeauftragte-an-musikhochschulen\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Lehrbeauftragte an Musikhochschulen verrichten dieselbe Arbeit wie ProfessorInnen \u2013 f\u00fcr einen Bruchteil deren Gehalts<\/a> <\/li><li><a href=\"https:\/\/orchesterland.wordpress.com\/2019\/03\/21\/fuer-angemessene-orchesteraushilfenhonorare-fair-pay-wochen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Orchester erh\u00f6hen \u00fcber teilweise Jahrzehnte die ohnehin schon l\u00e4cherlich niedrigen Aushilfsgagen nicht<\/a> <\/li><li><a href=\"https:\/\/van.atavist.com\/post-musikstudium\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Die Anzahl der freien MusikerInnen hat sich seit 1992 vervierfacht, weil die Musikhochschulen immer mehr MusikerInnen ausbilden, die festen Stellen aber weniger werden<\/a> <\/li><li><a href=\"https:\/\/www.kuenstlersozialkasse.de\/service\/ksk-in-zahlen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Das Durchschnittsjahreseinkommen freischaffender MusikerInnen betr\u00e4gt laut KSK lediglich ca. 14.500 \u20ac<\/a> <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Diese Fakten passen nat\u00fcrlich nicht ins Bild vom freien K\u00fcnstlerleben und wurden daher in der Musikszene gr\u00f6\u00dftenteils ignoriert. Gleichzeitig f\u00fchrte das \u00fcberh\u00f6hte Karriereziel auch dazu, dass viele MusikerInnen sich nicht gegen schlechte Bezahlung oder mangelnden Respekt gegen\u00fcber ihrer Arbeit wehrten. Die innere Haltung des Versagens ist bei vielen MusikerInnen so fest verankert, dass aus Scham kein Aufbegehren erfolgt. Dazu kommt noch ein weiteres Problem: <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/ich-fuerchte-es-hat-sich-nicht-viel-getan-interview-mit-freia-hoffmann\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Nicht wenige MusikerInnen sind durch Erlebnisse im Musikstudium traumatisiert<\/a> und damit psychisch nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft aus prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnissen zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Corona bringt\nden Kollaps<\/h3>\n\n\n\n<p>In der letzten Zeit mehrten sich allerdings die Stimmen, die dieses Konstrukt immer mehr kritisierten. Doch die Situation war schon extrem festgefahren, da dieser Aufschrei mindestens zehn, eher zwanzig Jahre zu sp\u00e4t kam. In der Zwischenzeit hatten sich n\u00e4mlich Musik(hoch)schulen, Orchester, Sponsoren und nat\u00fcrlich die Kommunen, L\u00e4nder und der Bund in viel zu niedrigen (Kultur-)Etats bequem eingerichtet. Aus der Politik h\u00f6rte man immer wieder: \u201eDer Markt wird es schon richten.\u201c Dass diese Hypothese nichts mehr mit der Realit\u00e4t zu tun hatte, durften unter anderem die Orchesteraushilfen 2019 erfahren, als ihr <a href=\"https:\/\/orchesterland.wordpress.com\/2019\/06\/14\/neue-mindesthonorare-fuer-orchesteraushilfen-in-nrw\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Kampf f\u00fcr h\u00f6here Gagen letztendlich daran scheiterte<\/a>, dass die Orchester selbst bei gutem Willen schlichtweg nicht \u00fcber die n\u00f6tigen finanziellen Mittel verf\u00fcgten. Also wurden mal wieder Abmachungen auf freiwilliger Basis vereinbart; der oder die K\u00fcnstlerIn als letzte(r) in der Hackordnung hatte immer noch keine Macht \u00fcber die eigene Bezahlung bekommen. Alles lief weiter wie bisher und die Orchester rechneten wohl damit, dass durch die erzielte \u201eEinigung\u201c in den n\u00e4chsten Jahren Ruhe herrschen w\u00fcrde. Was sollte schon passieren? Die freiberuflichen MusikerInnen waren bisher doch auch ganz gut klargekommen. \u201eEt h\u00e4tt noch emmer joot jejange\u201c, es ist bisher noch immer gut gegangen, wie man im Rheinland sagt. Doch dann kam Corona und mit einem Mal zeigte sich die ganze Dramatik der Situation.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Absage von Veranstaltungen und Schlie\u00dfung von Musikschulen standen die meisten freischaffenden MusikerInnen von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts. In der Regel brachen ihnen 100 % des Einkommens weg, w\u00e4hrend Miete, Versicherungen und Nahrungsmittel nat\u00fcrlich weiter bezahlt werden wollten. Zun\u00e4chst sah es so aus, als sollten die Freiberufler mal wieder \u00fcbersehen werden; Wirtschaftsminister Altmeier (CDU) <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/corona-wirtschaft-105.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">sprach in einem ersten Statement<\/a> davon, man wolle \u201eden Unternehmen\u201c finanziell helfen. Doch schon bald zeigte sich, dass bei den Freiberuflern \u2013 nicht nur im Musiksektor \u2013 ein riesiges Problem auf uns zukam. Denn obwohl die Freischaffenden nach wie vor den Status eines gesellschaftlichen Randph\u00e4nomens haben, kann ohne sie keine Oper mehr aufgef\u00fchrt werden und keine Musikschule ihren Unterrichtsbetrieb aufrecht erhalten. Trotzdem haben sie in vielen F\u00e4llen keinerlei finanzielle oder soziale Absicherung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf ihrer Internetseite hat die Gewerkschaft ver.di ein <a href=\"https:\/\/selbststaendige.verdi.de\/beratung\/corona-infopool\/++co++aa8e1eea-6896-11ea-bfc7-001a4a160100\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Hilfeportal f\u00fcr Selbstst\u00e4ndige<\/a> eingerichtet. Dort wird der Umgang mit den Selbstst\u00e4ndigen stark kritisiert: \u201eEs hapert vor allem an konkreten Hilfen f\u00fcr Solo-Selbstst\u00e4ndige, wenn Auftr\u00e4ge abrupt wegbrechen. \u2013 Da wurde in der Vergangenheit schlicht vers\u00e4umt, rechtliche und sozialstaatliche Regeln zu etablieren, die auch die konkreten Lebens- und Erwerbslagen der Solo-Selbstst\u00e4ndigen ber\u00fccksichtigen. [&#8230;] Wir werden mittelfristig noch einmal dar\u00fcber reden m\u00fcssen, ob Menschen oder \u00bbdie Wirtschaft\u00ab Hauptziel der staatlichen F\u00fcrsorge sein sollen \u2013 und damit \u00fcber die Themen Umverteilung und Gerechtigkeit, wenn in der n\u00e4heren Zukunft die Gesellschaft \u00fcber die Verteilung der Kosten zur Bew\u00e4ltigung der Krise verhandelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es sollte nun auch dem\nletzten klar werden, dass die aktuelle Krise ein Problem deutlich\nmacht, dass viel zu lange ignoriert wurde: Der Umgang mit\nFreischaffenden K\u00fcnstlerInnen ist sch\u00e4big und f\u00fchrt zu gro\u00dfer\nArmut und Ungerechtigkeit. Es wurden in der Vergangenheit viele\nFehler gemacht, die es jetzt zu korrigieren gilt. Ein \u201eweiter wie\nbisher\u201c kann es jetzt nicht mehr geben. Es kann nicht sein, dass\nder Arbeitsmarkt in der klassischen Musik so gestaltet ist, dass\neinige wenige komfortabel von ihrer Kunst leben k\u00f6nnen, w\u00e4hrend\ndie, die die Basis f\u00fcr eine ganze Branche bilden, fast\nfl\u00e4chendeckend prek\u00e4r besch\u00e4ftigt sind und das komplette Risiko\ntragen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das gro\u00dfe Sozialexperiment des \u201efreien Marktes\u201c ist gescheitert. Dieser Meinung ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Butterwegge\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Christoph Butterwegge<\/a>, deutscher Politikwissenschaftler und Armutsforscher. In einem Gastbeitrag f\u00fcr den K\u00f6lner Stadtanzeiger vom 26. M\u00e4rz 2020 schreibt er: \u201eMarktradikalismus war gestern. In Zukunft gilt: Retten kann uns nicht der von den meisten \u00d6konomen, aber auch Politikern und Publizisten verg\u00f6tterte Markt, sondern nur ein funktionsf\u00e4higes, gut ausgestattetes Gesundheits- und Sozialsystem. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass die Sozial- und Gesundheitspolitik der vergangenen Jahrzehnte unserem Gemeinwesen geschadet hat und Solidarit\u00e4t statt Wettbewerbswahn und Ellenbogenmentalit\u00e4t herrschen muss, h\u00e4tte das Virus f\u00fcr die Gesellschaft am Ende auch etwas Gutes bewirkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hilfe f\u00fcr\nfreischaffende MusikerInnen<\/h3>\n\n\n\n<p>Immerhin wurde auf die Notlage der Freiberufler reagiert: Mehrere L\u00e4nder beschlossen Sofortma\u00dfnahmen und Hilfspakete, <a href=\"https:\/\/orchesterstiftung.de\/nothilfefonds\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">die Deutsche Orchester-Stiftung richtete ein Spendenkonto ein<\/a> und auch der Bund verabschiedet Gesetze im Eilverfahren, damit Selbstst\u00e4ndige schnell an Gelder kommen. Auf der Seite der Deutschen Orchestervereinigung (DOV) gibt es einen <a href=\"https:\/\/www.dov.org\/oeffentliche_meldungen\/corona-virus-leitfaden-fuer-freischaffende-aktualisiert\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">\u00dcberblick \u00fcber die verschiedenen Ma\u00dfnahmen<\/a>. Wenn man sich diese ansieht, f\u00e4llt sofort auf: Die Soforthilfe-Betr\u00e4ge sind einerseits oft viel zu gering (beispielsweise 500 \u20ac bei der DOS), andererseits ist die Beantragung mit vielen b\u00fcrokratischen H\u00fcrden verbunden. Ein Extremfall scheint die \u201eunb\u00fcrokratische\u201c Beantragung von Grundsicherung in Hamburg zu sein, f\u00fcr die man allen Ernstes 20 Dokumente ausf\u00fcllen muss (<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/corona-grundsicherung-kuenstler-1.4856790\">laut S\u00fcddeutscher Zeitung<\/a>). Es ist zu erwarten, dass viele K\u00fcnstlerInnen, aber auch andere Selbstst\u00e4ndige nicht in der Lage sein werden, diese Hilfen in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt \u2013 F\u00f6deralismus sei Dank \u2013, dass jedes Bundesland sein eigenes S\u00fcppchen kocht. Wer beispielsweise in einem Bundesland wohnt, aber sein Geld haupts\u00e4chlich in einem anderen verdient, kommt schnell in Zust\u00e4ndigkeits-Konflikte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hilfen von Bund und L\u00e4ndern werden nicht reichen, um die freischaffenden MusikerInnen durch die Krise zu bringen. Hier ist die Solidarit\u00e4t aller gefragt. Wir hatten schon dar\u00fcber berichtet, dass beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/neues-vom-arbeitsmarkt\/trotz-corona-ausfaellen-musikschule-sankt-augustin-bezahlt-honorarkraefte-weiter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">die Musikschule Sankt Augustin ihren Honorarkr\u00e4ften zun\u00e4chst weiter ihre Honorare zahlt<\/a>. Andere Musikschulen sind diesem Beispiel gefolgt. Doch es gab offenbar auch Musikschulen, die einen anderen Weg einschlugen: Auf Facebook kursierte ein <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/groups\/351737654860988\/permalink\/3022027761165284\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Schreiben eines Musikschulleiters<\/a>, der seinen Honorarkr\u00e4ften kein Honorar mehr zahlen wollte, sie gleichzeitig aber dazu aufforderte, weiter Aufgaben in der Musikschule wahrzunehmen und sich um die Sch\u00fclerInnen zu k\u00fcmmern. [Anmerkung: Mittlerweile haben wir erfahren, dass dieser Musikschulleiter seine Entscheidung revidiert hat und die Honorarkr\u00e4fte jetzt weiter bezahlt werden.] Eine andere Musikschule forderte nach unseren Informationen ihre (immerhin festangestellten) Lehrer dazu auf, trotz abgesagten Unterrichts ihre Arbeitszeit in der Musikschule zu verbringen. Zuwiderhandlungen w\u00fcrden mit Abmahnungen und K\u00fcndigungen sanktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nandere, private Musikschule stellte es ihren LehrerInnen frei, ob sie\nweiterhin unterrichten wollten \u2013 trotz Kontaktverbot. Und hier\nzeigt sich das Dilemma der prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten: Wer \u00fcber\nkeinerlei R\u00fccklagen verf\u00fcgt ist nat\u00fcrlich viel st\u00e4rker versucht,\ngegen das Kontaktverbot zu versto\u00dfen, um wenigstens noch ein\nbisschen Geld zu verdienen. Noch kurz bevor das versch\u00e4rfte\nKontaktverbot in Kraft trat, begegneten uns auf Facebook\nKonzertank\u00fcndigungen \u201etrotz Corona\u201c. Die G\u00e4ste k\u00f6nnten sich ja\nim Abstand von zwei Metern in die Zuschauerb\u00e4nke setzen. Dass die\nZuschauer ja auch irgendwie zum Saal und dann zu ihrem Platz\nhinkommen mussten und auf dem Weg dorthin Kontakt zu dutzenden\nMenschen haben w\u00fcrden, war den VeranstalterInnen entweder nicht klar\noder sie nahmen dieses Risiko aus Existenz\u00e4ngsten in Kauf.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"solidaritaetnichtueberall\">Solidarit\u00e4t\n\u2013 leider nicht \u00fcberall<\/h3>\n\n\n\n<p>Sch\u00f6ne Beispiele f\u00fcr solidarisches Handeln gibt es auch aus der Orchesterlandschaft: <a href=\"https:\/\/fonoforum.de\/artikel\/corona-musiker-zeigen-sich-solidarisch\/back\/10763\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Das SWR-Sinfonieorchester spendete 20.000 \u20ac f\u00fcr den DOS-Nothilfefond<\/a> und manche Orchester wie beispielsweise das <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/photo.php?fbid=3455904131107662&amp;set=gm.847801869068621&amp;type=3&amp;theater&amp;ifg=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">Theater Hof<\/a> oder das <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/photo.php?fbid=3453579624673446&amp;set=gm.847072802474861&amp;type=3&amp;theater&amp;ifg=1\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">G\u00fcrzenich-Orchester K\u00f6ln<\/a> haben angek\u00fcndigt, ihren Aushilfen f\u00fcr die ausgefallenen Konzerte die Gagen in voller H\u00f6he zu zahlen. Doch nicht alle Orchester zeigen sich so solidarisch. Es gibt auch diejenigen, die noch nicht einmal Ausfallgagen zahlen wollen und die freischaffenden MusikerInnen so komplett alleine lassen. Man habe eine Verpflichtung gegen\u00fcber den festangestellten MusikerInnen, hei\u00dft es dann. Auf den ersten Blick verst\u00e4ndlich, doch kann man sich schon fragen, warum die freischaffenden MusikerInnen, die selbst vor der Privatinsolvenz stehen, \u201efreiwillig\u201c auf Ausfallgagen verzichten sollen, um die entsprechenden Orchester vor der Pleite zu bewahren. Man darf gespannt sein, wie die Orchester gedenken, diese gro\u00dfz\u00fcgige Geste in Zukunft zu vergelten. Es w\u00fcrde uns nicht wundern, wenn es nach der Krise hei\u00dft, nun m\u00fcsse man die Aushilfss\u00e4tze senken, um die Einnahmeeinbu\u00dfen zu kompensieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders dreist erscheint uns in diesem Zusammenhang auch die <a href=\"https:\/\/zav.arbeitsagentur.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\">K\u00fcnstlervermittlung der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit (ZAV)<\/a>. Seit Jahren vermittelt sie Aushilfsjobs in Orchestern an freie MusikerInnen. Diese Jobs sind oftmals gruselig schlecht bezahlt und landen nur deshalb bei der ZAV, weil die Orchester selbst niemanden mehr finden, der bereit ist, f\u00fcr solche Gagen zu spielen. Beispielsweise haben uns in den letzten Jahren zahlreiche Anfragen des Theaters G\u00f6rlitz erreicht. Gagenangebot f\u00fcr eine Probe: 55 \u20ac. Fahrtkostenzuschuss von Weimar nach G\u00f6rlitz (ca. 300 km): 0 \u20ac. Wir haben uns immer gefragt, warum die ZAV solche Jobs vermittelt. War es ihnen nicht bewusst oder sogar egal, dass sie die MusikerInnen so auf direktem Wege ins Prekariat schicken? Nun hat die ZAV eine Rundmail geschrieben: MusikerInnen, die jetzt ohne Einkommen dast\u00fcnden, sollten doch bitte Hartz IV beantragen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Konsequenzen\naus der Krise<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt positive und\nnegative Beispiele, wie Solidarit\u00e4t in der Krise funktionieren kann.\nDoch uns f\u00e4llt vor allem auf: Es ist vollkommen zuf\u00e4llig, wer Geld\nbekommt und wer vor der Privatinsolvenz steht. Faktoren wie Wohnsitz,\nOrt der freien T\u00e4tigkeit, Alter und Geschlecht spielen eine gr\u00f6\u00dfere\nRolle, als wie flei\u00dfig man ge\u00fcbt hat. Danach fragt im Moment nun\nwirklich niemand mehr. In einem Sozialstaat darf es aber nicht vom\nZufall abh\u00e4ngen, wer gut leben kann und wer auf der Stra\u00dfe landet.\nEs wird vielleicht unsere wichtigste Lehre aus der Krise sein, dass\nwir in den letzten Jahren den Sozialstaat immer weiter zu Gunsten des\nM\u00e4rchens des freien Marktes abgebaut haben. Das f\u00e4llt uns jetzt auf\ndie F\u00fc\u00dfe und muss dringend korrigiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musikszene hat daran\neinen nicht unerheblichen Anteil. Seit Jahren wird gefordert, dass\nder politische Trick \u201eHonorarkraft\u201c abgeschafft wird; stattdessen\nkommen immer neue Musikschulen dazu, die dieses Modell neu einf\u00fchren.\nDie Lehrbeauftragten k\u00e4mpfen gegen schlechte Bezahlung und f\u00fcr\nGleichstellung mit ihren unbefristet angestellten Kollegen;\nstattdessen werden ihre L\u00f6hne \u00fcber Jahrzehnte nicht erh\u00f6ht. Die\nOrchesteraushilfen fordern verbindliche S\u00e4tze und eine Aufnahme\nihrer Anliegen in den Tarifvertrag; stattdessen verweigern die\nOrchester und deren Geldgeber konsequent die Anerkennung ihrer Arbeit\nund beschlie\u00dfen \u201efreiwillige\u201c Ma\u00dfnahmen, an die sie sich\nselbstverst\u00e4ndlich nicht zu halten gedenken. Diese\nArbeitsmarktpolitik untergr\u00e4bt den Sozialstaat und muss aufh\u00f6ren!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Mittel dagegen sind\nfeste Arbeitsvertr\u00e4ge: Nur dann k\u00f6nnen Arbeitnehmer sich effektiv\nvon Gewerkschaften vertreten lassen. Diese Arbeitsverh\u00e4ltnisse\nwurden im Musiksektor nicht etwa deshalb zur\u00fcckgefahren, um den\nFreiberuflern mehr Freiheiten zu gew\u00e4hren, sondern um den\nArbeitnehmerschutz gezielt auszuhebeln. Und f\u00fcr Selbstst\u00e4ndige muss\nwieder gelten: Wer die gleiche Arbeit wie ein(e) Festangestellte(r)\nverrichtet, muss mindestens genauso bezahlt werden. Es kann nicht\nsein, dass Selbstst\u00e4ndige ein viel h\u00f6heres berufliches Risiko\ntragen und dennoch weniger verdienen als ihre festangestellten\nKollegInnen! Dieser Missstand ist ein starker Indikator f\u00fcr eine\nkaputte Branche, von der am Ende niemand profitiert; auch nicht die\nFestangestellten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Klassische\nMusik nach Corona<\/h3>\n\n\n\n<p>Eines darf man bei der\nCorona-Krise auch nicht vergessen: Die Existenzbedrohung, die im\nMoment besonders viele Selbstst\u00e4ndige trifft, gab es schon immer!\nJede Honorarkraft muss damit rechnen, dass sie ohne Angaben von\nGr\u00fcnden in wenigen Wochen gek\u00fcndigt wird. Jede Orchesteraushilfe\nmuss damit rechnen, dass sie von diesem oder jenem Orchester nie\nwieder etwas h\u00f6rt, weil einem Kollegen ihre Nase nicht gepasst hat.\nJede(r) Lehrbeauftragte muss damit rechnen, dass sein oder ihr\nVertrag nicht verl\u00e4ngert wird, weil die neue Hochschulleitung den\nSchwerpunkt von Jazz auf Alte Musik verlagern will. Auch in solchen\nF\u00e4llen steht man vor pl\u00f6tzlichen Einkommenseinbu\u00dfen von 100 %. Der\nUnterschied zu jetzt ist lediglich, dass es vorher nicht so\naufgefallen ist. Corona entlarvt also blo\u00df die Schwachstellen der\nBranche.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Moment bekommen die\nOrchester und Musik(hoch)schulen Applaus, der sich durch besonders\nsolidarische Aktionen hervor tun. Das ist nat\u00fcrlich auch gut und\nrichtig, da sie so als gutes Beispiel f\u00fcr andere gelten k\u00f6nnen.\nAber man wird nach der Krise auch genau schauen m\u00fcssen, wer sich\nnicht solidarisch gezeigt hat. Momentan erscheint es vielleicht\nwirtschaftlich notwendig oder sogar unternehmerisch clever, seine\nAushilfen und Honorarkr\u00e4fte im Stich zu lassen. Doch nach der Krise\nk\u00f6nnte sich das \u00e4ndern: Es w\u00e4re nicht das schlechteste Zeichen f\u00fcr\nein sozialeres Miteinander, wenn solche Institutionen Probleme\nbekommen w\u00fcrden, Sponsorengelder zu akquirieren und Publikum\nanzuziehen. Es ist daher wichtig, auch die negativen Beispiele\nanzusprechen. Nicht, um die Verantwortlichen an den Pranger zu\nstellen, sondern um sie \u2013 auch im eigenen Interesse \u2013 zur\nVernunft zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wir lassen einfach alles in der Musikbranche, wie es ist. Hat ja bisher auch wunderbar funktioniert. Dann w\u00e4re die logische Konsequenz doch eigentlich folgende: Man k\u00f6nnte doch ein deutschlandweites Probespiel veranstalten und den Gewinnern dann Soforthilfen auszahlen. All die anderen w\u00fcrden nat\u00fcrlich die Hunde bei\u00dfen, aber was soll&#8217;s?<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt absurd? Nun, nach\ndiesem Prinzip hat die klassische Musik bisher funktioniert.\nVielleicht wird es Zeit, dieses Prinzip \u00fcber Bord zu werfen. Dann\n\u201eh\u00e4tte das Virus f\u00fcr die Gesellschaft am Ende auch etwas Gutes\nbewirkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura &amp;\nDaniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines vorweg: Die Corona-Krise ist bei weitem noch nicht ausgestanden! Die \u00dcberlegungen, die wir in diesem Beitrag anstellen, beziehen sich daher ausschlie\u00dflich auf die jetzige Situation. 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