{"id":2651,"date":"2020-04-24T17:06:33","date_gmt":"2020-04-24T15:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2651"},"modified":"2020-05-03T09:48:24","modified_gmt":"2020-05-03T07:48:24","slug":"recht-am-eigenen-bild-auch-in-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/harfenduo\/unser-alltag\/recht-am-eigenen-bild-auch-in-der-krise\/","title":{"rendered":"Recht am eigenen Bild \u2013 auch in der Krise!"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich gebe es zu: Ich bin kein richtiger K\u00fcnstler! Als wegen der Corona-Pandemie alle meine Engagements abgesagt wurden \u2013 ohne Ausfallgage, selbstverst\u00e4ndlich \u2013, hatte ich nicht den unwiderstehlichen Drang, mich vor Publikum k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken. Die musikalische Energie in mir drohte nicht \u00fcberzukochen. Sie musste sich keinen Weg durch Livestreams, Balkonkonzerte oder auch nur neue Arrangements in die von Solidarit\u00e4t durchseuchte Welt bahnen. Stattdessen packte ich mein Instrument ein, stellte es in die Ecke und r\u00fchrte es die n\u00e4chsten drei Wochen nicht mehr an, bis die Hornhaut an meinen Fingerkuppen so d\u00fcnn geworden war, dass ein Glissando im Mezzopiano schon eine Blase verursacht h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Livestreams \u00fcber Livestreams<\/h3>\n\n\n\n<p>Doch da scheine ich ziemlich alleine dazustehen. Schon bald nach der Versch\u00e4rfung der Ma\u00dfnahmen im M\u00e4rz quoll das Netz quasi \u00fcber vor Angeboten von MusikerInnen, die entweder wie ich pl\u00f6tzlich ohne Einkommen dastanden oder die als Festangestellte auf einmal sehr viel Zeit zum \u00dcben hatten. Kaum ein Tag verging ohne Livestream bei Facebook, YouTube, Skype oder Zoom. Diese Angebote waren gr\u00f6\u00dftenteils eins: Kostenlos! Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Genau diejenigen, die schon vorher vielfach prek\u00e4r besch\u00e4ftigt waren und jetzt in der Krise einen Gro\u00dfteil ihres Einkommens verlieren, sorgen nun daf\u00fcr, dass es f\u00fcr die breite Bev\u00f6lkerung in dieser schweren Zeit auch noch k\u00fcnstlerisch wertvolle Unterhaltungsangebote gibt, damit die nicht den ganzen Tag bei Netflix bingewatchen oder am PC zocken muss. Hmmm.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile haben gl\u00fccklicherweise auch andere MusikerInnen erkannt, dass diese Selbstausbeutung weder f\u00fcr sie pers\u00f6nlich noch f\u00fcr den Arbeitsmarkt gut ist. Es mehren sich die Stimmen, die fordern, man m\u00f6ge doch bitte wenigstens ein Spendenkonto angeben, wenn man schon kostenlose Livestreams anbietet. Ganz einfach deshalb, um dem Publikum klarzumachen, dass das, was sie dort tun, enorm wertvolle Arbeit ist, die entsprechend entlohnt werden sollte. Aber dann gibt es da noch die ganz Unbelehrbaren, die nicht nur selbst kostenlose Angebote online stellen, um ihr Publikum bei der Stange zu halten, sondern auch noch andere MusikerInnen dazu bringen wollen, umsonst f\u00fcr sie zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">R\u00fcckblick: Das Recht am eigenen Bild<\/h3>\n\n\n\n<p>Vor einiger Zeit hatten wir schon einmal einen Artikel zum Thema geschrieben (<a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/harfenduo\/unser-alltag\/verschenkt-nicht-euer-recht-am-eigenen-bild\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Verschenkt nicht Euer Recht am eigenen Bild!<\/a>). Das war nat\u00fcrlich lange vor Corona; kurz zusammengefasst ging es um Folgendes: Ich hatte bei einem Orchester als Aushilfe bei einem Sinfoniekonzert gespielt. Eine der Proben wurde f\u00fcr einen Werbefilm mitgeschnitten, ohne dass die Aushilfen dar\u00fcber informiert worden waren. Ich beschwerte mich bei der Orchesterleitung und nach z\u00e4hem Ringen wurden den Aushilfen schlie\u00dflich nachtr\u00e4glich \u201eEinwilligungserkl\u00e4rungen\u201c vorgelegt, die sie unterschreiben sollten. Darin verzichteten sie auf ihre Bildrechte und erkl\u00e4rten sich einverstanden, dass das Material ohne zus\u00e4tzliche Verg\u00fctung verwendet werden k\u00f6nnte. Ich unterschrieb nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch damit war die Geschichte noch nicht zu Ende: Ein paar Monate sp\u00e4ter stellte ich fest, dass der Film fertig und bei YouTube hochgeladen worden war. Ich war zwar nur in zwei kurzen Einstellungen zu erkennen, f\u00fchlte mich aber trotzdem ziemlich verschaukelt. Ich schrieb einen Brief an den Orchestervorstand, in dem ich die Situation noch einmal schilderte und um eine Stellungnahme bat. Ich schlug auch eine (geringe) Verg\u00fctung der mitwirkenden Aushilfen vor, um die Geschichte ein f\u00fcr alle mal abzuhaken. Nat\u00fcrlich erhielt ich keine Antwort.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt werden vielleicht manche denken: Das sind doch Lappalien! Warum gibst Du nicht einfach Dein Einverst\u00e4ndnis und l\u00e4sst die Sache auf sich beruhen? Dazu m\u00f6chte ich sagen: Die Verwendung von Bildaufnahmen ohne die Einwilligung des Abgebildeten kann eine Straftat darstellen! Es wird zwar viel zu selten geahndet, aber ein Gesch\u00e4digter kann schnell auf Schadensersatz klagen, wenn das Bild zu kommerziellen Zwecken genutzt wird (was hier der Fall ist!). Viele Orchester und Veranstalter bereichern sich auf diese Art an der Arbeit der MusikerInnen, ohne dass sie auf die Idee kommen, diese Arbeit auch zu verg\u00fcten. Es ist ein Fehler, dass die meisten MusikerInnen das mit sich machen lassen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mach Werbung f\u00fcr mich \u2013 ich zahl Dir auch nix!<\/h3>\n\n\n\n<p>Doch dreister geht es offenbar immer: Heute erhielt ich einen Anruf des Managers desselben Orchesters, der mich fragte, ob ich mir prinzipiell vorstellen k\u00f6nnte, einer Ver\u00f6ffentlichung doch noch zuzustimmen. Das Orchester leide momentan sehr unter den Konzertabsagen und wolle nun dem Publikum ein breiteres Onlineangebot zur Verf\u00fcgung stellen. Prinzipiell nat\u00fcrlich gerne, sagte ich, es k\u00e4me eben nur auf die Konditionen an. Da druckste er herum und musste schlie\u00dflich zugeben, dass daf\u00fcr keine finanziellen Mittel vorgesehen seien. Wir diskutierten anschlie\u00dfend noch etwas dar\u00fcber, ob nun eine kurze Totale schon Anspruch auf Verg\u00fctung rechtfertige, oder ob ein \u201eImagefilm\u201c (ein sch\u00f6ner Euphemismus f\u00fcr \u201emach kostenlos Werbung f\u00fcr mich\u201c) denn schon eine kommerzielle Nutzung sei. Doch nach der Vorgeschichte blieb ich hart und verweigerte mein Einverst\u00e4ndnis. Warum um alles in der Welt sollte ich dem auch zustimmen? Schlie\u00dflich bedankte er sich f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und legte auf. Ich denke, dass ich in Zukunft wohl eher keine Anfragen mehr von diesem Orchester erhalten werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist schon ein starkes St\u00fcck, wie manche Orchester sich verhalten. Es ist klar, dass viele Orchester schon vor Corona unter starkem finanziellen Druck standen. Sie haben ihren Betrieb dadurch aufrecht erhalten und ihre Angestellten versorgt, indem sie freie Aushilfen zu Dumpingl\u00f6hnen \u201ebesch\u00e4ftigten\u201c. Und nun in der Krise haben sie den Mumm, bei denen, die sie vorher ausgebeutet haben, um Almosen zu bitten \u2013 mit einem Selbstverst\u00e4ndlichkeit, als w\u00fcrden wir freie MusikerInnen bei den Orchestern in der Schuld stehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kann die Szene die Krise \u00fcberstehen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr froh, dass Lauras Musikschule beschlossen hat, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/neues-vom-arbeitsmarkt\/trotz-corona-ausfaellen-musikschule-sankt-augustin-bezahlt-honorarkraefte-weiter\/\" target=\"_blank\">ihre Honorarkr\u00e4fte auch in der Krise weiterzubezahlen<\/a>. Ganz abgesehen davon, dass uns dies nat\u00fcrlich einen gr\u00f6\u00dferen finanziellen Spielraum bietet, erh\u00e4lt es auch meinen Glauben an die Menschen. An manchen Orten, z.B. in der Stadt Sankt Augustin, ist es offenbar m\u00f6glich, die Krise gemeinschaftlich zum Wohle aller zu meistern! Doch das funktioniert nicht \u00fcberall: Die gro\u00df beschworenen Solidarit\u00e4t, die momentan von allen Seiten gefordert wird, kann ich grunds\u00e4tzlich in der Musikszene nicht erkennen. Der Kampf um den zweifelsohne noch weiter geschrumpften Arbeitsmarkt nach Corona hat l\u00e4ngst begonnen. Da will jeder schon jetzt seine Sch\u00e4fchen ins Trockene bringen. Mit den Orchestern f\u00fchlen sich aber gerade diejenigen bedroht, die durch staatliche Subventionen noch am besten abgesichert sind. Momentan sieht es so aus, als w\u00fcrden vor allem die freiberuflichen MusikerInnen auf der Strecke bleiben. Doch auch die Orchester \u2013 einer der Haupt-Arbeitgeber der Szene \u2013 sollten sich nicht zu sicher f\u00fchlen. Vielleicht fragt ja irgendwann einmal jemand: Wie habt Ihr Euch eigentlich in der Krise verhalten? Was habt Ihr f\u00fcr die Musikszene getan? Die Antwort d\u00fcrfte bei so manchem d\u00fcrftig ausfallen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Daniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gebe es zu: Ich bin kein richtiger K\u00fcnstler! Als wegen der Corona-Pandemie alle meine Engagements abgesagt wurden \u2013 ohne Ausfallgage, selbstverst\u00e4ndlich \u2013, hatte ich nicht den unwiderstehlichen Drang, mich vor Publikum k\u00fcnstlerisch auszudr\u00fccken. Die musikalische Energie in mir drohte nicht \u00fcberzukochen. 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