{"id":2709,"date":"2020-10-21T13:02:49","date_gmt":"2020-10-21T11:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2709"},"modified":"2021-08-21T12:20:19","modified_gmt":"2021-08-21T10:20:19","slug":"begegnung-mit-einer-ganz-grossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/begegnung-mit-einer-ganz-grossen\/","title":{"rendered":"Begegnung mit einer ganz Gro\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<p><center><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/800px-Flag_of_the_United_Kingdom.svg.png\" alt=\"Flag of the UK\" width=\"20\"> <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/800px-Flag_of_the_United_States.svg.png\" alt=\"Flag of the USA\" width=\"20\"> <a href=https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/270-en\/>Diese Seite ist auch auf Englisch verf\u00fcgbar. \/ This page is also available in English.<\/a><\/center><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Insgesamt drei Mal bedr\u00e4ngte Siegfried Mauser Maria Collien in seinem B\u00fcro. Ihre Aussage als Nebenkl\u00e4gerin sorgte daf\u00fcr, dass der ehemalige Pr\u00e4sident der Musikhochschule M\u00fcnchen wegen sexueller N\u00f6tigung verurteilt wurde. Wir haben sie in Berlin getroffen und \u00fcber sie, ihr Leben und das, was damals wirklich im Pr\u00e4sidentenb\u00fcro geschehen ist, gesprochen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><div class=\"column one\"><div class=\"mcb-column-inner\"><div class=\"accordion\"><div class=\"mfn-acc accordion_wrapper \"><div class=\"question\"><div class=\"title\"><i class=\"icon-plus acc-icon-plus\" aria-hidden=\"true\"><\/i><i class=\"icon-minus acc-icon-minus\" aria-hidden=\"true\"><\/i>Disclaimer: Schutz der Pers\u00f6nlichkeitsrechte und \u00f6ffentliches Interesse<\/div><div class=\"answer\"><\/p>\n\n\n\n<p>In der Berichterstattung \u00fcber Gerichtsurteile ist bei Namensnennung der Beteiligten immer zwischen dem Pers\u00f6nlichkeitsrecht und dem Informationsinteresse der \u00d6ffentlichkeit abzuw\u00e4gen. Wir haben uns dazu entschlossen, die Namen der Beteiligten in diesem Artikel zu nennen, da wir der Meinung sind, dass das \u00f6ffentliche Interesse in diesem Fall sehr gro\u00df ist. Dies begr\u00fcnden wir wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\"><li>Die Nebenkl\u00e4gerin Maria Collien, um die es in diesem Artikel haupts\u00e4chlich geht, haben wir pers\u00f6nlich getroffen. Sie hat ihr Einverst\u00e4ndnis gegeben, dass wir ihren Namen nennen. Wir m\u00f6chten darauf hinweisen, dass der Name \u201eMaria Collien\u201c lediglich ihr K\u00fcnstlername ist, unter dem sie in der Musikszene allerdings hinl\u00e4nglich bekannt ist. In der Urteilsbegr\u00fcndung wird sie als \u201eFrau A.\u201c erw\u00e4hnt.<\/li><li>Pers\u00f6nlichkeitsrechte sind wichtig, um w\u00e4hrend eines Gerichtsprozesses die Unschuldsvermutung aufrecht zu erhalten und die Resozialisierung eines T\u00e4ters nicht zu behindern. Die Unschuldsvermutung gilt aber nur, bis ein Urteil gef\u00e4llt ist und rechtskr\u00e4ftig wird. Dies ist bei Siegfried Mauser der Fall. F\u00fcr die gesellschaftliche Wiedereingliederung ist aber Voraussetzung, dass ein T\u00e4ter Reue zeigt, evtl. Wiedergutmachung leistet und seine Strafe verb\u00fc\u00dft. All das ist im Fall Mauser bislang nicht geschehen.<\/li><li>Seit Beginn der Gerichtsprozesse gegen ihn hat Mauser immer wieder die \u00d6ffentlichkeit gesucht (beispielsweise durch <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.bild.de\/bild-plus\/regional\/muenchen\/muenchen\/prozess-mauser-interview-50835612.bild.html\" target=\"_blank\">Zeitungsinterviews<\/a> oder den Auftritt in <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=th6-9M43Tok\" target=\"_blank\">Fernsehbeitr\u00e4gen<\/a>), um seine Version der Geschichte zu verbreiten. Au\u00dferdem haben sich seine Freunde und Bekannte ebenfalls \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-fall-mauser-birgit-mueller-wieland-michael-krueger-1.4693176\" target=\"_blank\">beispielsweise durch die Festschrift zu Mausers 65. Geburtstag<\/a>).Wir gehen also davon aus, dass Mauser eine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung mit seinen Taten grunds\u00e4tzlich anstrebt.<\/li><li>Siegfried Mausers Bekanntheit und sein Einfluss erstrecken sich weit \u00fcber die Klassische Musikszene hinaus. Seine fr\u00fcheren T\u00e4tigkeiten als Pr\u00e4sident der Musikhochschule M\u00fcnchen, des Mozarteums Salzburg und als einer der Direktoren der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste sind mit gro\u00dfem Prestige verbunden gewesen. Durch diese T\u00e4tigkeiten allein besteht unserer Meinung nach ein \u00f6ffentliches Interesse an seiner Person, zumal die Taten, aufgrund derer er verurteilt wurde, gr\u00f6\u00dftenteils in den R\u00e4umen der Musikhochschule M\u00fcnchen stattgefunden haben und seine starke Machtposition dort bei den Taten mutma\u00dflich eine gro\u00dfe Rolle spielte.<\/li><li>In den vergangenen Monaten wurden in verschiedenen Medien immer wieder Details aus den Gerichtsprozessen genannt. In der S\u00fcddeutschen Zeitung wurde <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/urteile-karlsruhe-muenchner-ex-musikhochschul-praesident-muss-ins-gefaengnis-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-191009-99-219982\" target=\"_blank\">am 09.10.2019 auch auf das Aktenzeichen des BGH-Urteils<\/a> verwiesen. Mit diesem Aktenzeichen kann jede(r) in der \u00f6ffentlichen Datenbank des BGH nach den Details der Urteilsbegr\u00fcndung suchen. Die Zitate daraus, die wir in diesem Blogbeitrag verwenden, sind also \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich gewesen; uns lagen keine weiteren Quellen vor.<\/li><li>Das \u00f6ffentliche Interesse wird noch dadurch verst\u00e4rkt, dass es sich bei Siegfried Mauser um eine wichtige Figur in der #metoo-Debatte handelt. Die rechtskr\u00e4ftige Verurteilung eines T\u00e4ters ist ein richtungsweisendes Signal an Opfer sexueller \u00dcbergriffe, dass vor Gericht Gerechtigkeit erreicht werden kann. Dazu ist es unserer Meinung nach wichtig, dass die Taten und die Umst\u00e4nde der Taten so detailliert wie m\u00f6glich genannt werden, damit andere Betroffene ihre eigene Vorgehensweise abw\u00e4gen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem kommt dem Fall eine besondere Bedeutung zu, da das Verhalten Mausers, seiner Anw\u00e4lte und seines Umfelds exemplarisch daf\u00fcr steht, welche Verteidigungsstrategien ein(e) prominente(r) T\u00e4terIn w\u00e4hlen kann. In unseren Augen steht die #metoo-Bewegung daf\u00fcr, dass niemand \u00fcber dem Gesetz stehen sollte. Wer Straftaten ver\u00fcbt, sollte daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen werden \u2013 unabh\u00e4ngig von finanziellem Verm\u00f6gen oder k\u00fcnstlerischer Leistung.<\/li><\/ol>\n\n\n\n<p><\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind ziemlich m\u00fcde und auch etwas verkatert, als wir am Montagmorgen gegen 9:30 Uhr das kleine Caf\u00e9 in Berlin-Sch\u00f6neberg betreten. Schon die Milonga am Samstag dauerte bis 1 Uhr nachts, und nach dem Konzert am Sonntag haben wir noch angesto\u00dfen und gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Caf\u00e9 wartet Maria Collien auf uns. Wir haben sie nach dem Konzert schon kurz gesehen, doch weil wie immer viele Menschen aus dem Publikum Fragen zu unserer Musik und vor allem zu den Instrumenten hatten, haben wir nur kurz Hallo gesagt und sie auf den n\u00e4chsten Morgen vertr\u00f6stet. Geplant hatten wir ein Treffen mit ihr schon seit vielen Monaten, doch der Gerichtsprozess war zu kraftraubend f\u00fcr sie. Erst jetzt, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-musikhochschule-bundesgerichtshof-mauser-urteil-1.4633181\" target=\"_blank\">nachdem die Revision vor dem Bundesgerichtshof durch ist und Siegfried Mauser f\u00fcr 2 Jahre und 9 Monate ins Gef\u00e4ngnis muss<\/a>, konnte sie ein Treffen einrichten. Und dann kommt sie direkt von M\u00fcnchen nach Berlin! Nur um unser Konzert zu h\u00f6ren und uns zu treffen!<\/p>\n\n\n\n<p>Und da sitzt sie nun. Die Frau, die einen kr\u00e4ftezehrenden Gerichtsprozess gegen einen der einflussreichsten Musiker Deutschlands auf sich genommen hat. Unscheinbar auf den ersten Blick, doch als sie uns ansieht, merken wir sofort, was f\u00fcr einen Willen sie ausstrahlt. Sie lacht und deutet auf die Zeitung, die aufgeschlagen neben ihr liegt. \u201a<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/44\/musik-verstehen-musik-interpretieren-siegfried-mauser-sexuelle-noetigung?utm_referrer=https:\/\/www.google.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mit Sigi in die Unterwelt<\/a>\u2018, der Artikel aus der ZEIT \u00fcber Mauser und die Akademie der sch\u00f6nen K\u00fcnste. \u201eDa w\u00e4ren wir ja direkt beim Thema!\u201c, sagt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir umarmen uns zur Begr\u00fc\u00dfung. Ist das schon zu viel, zu intim? Immerhin, darum geht es schlie\u00dflich bei der ganzen Sache: Um zu viel und vor allem ungewollte N\u00e4he. Doch unsere Sorge ist offensichtlich unbegr\u00fcndet. Und eigentlich w\u00e4re es ja auch bescheuert: Eine herzliche Begr\u00fc\u00dfung ist noch kein sexueller \u00dcbergriff, auch wenn einige Unbelehrbare die #metoo-Bewegung so diskreditieren wollen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen M\u00e4nner und Frauen ganz normal, respektvoll \u2013 und ja, auch intim \u2013 miteinander umgehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Collien ist ein Mensch, mit dem man schnell ins Plaudern ger\u00e4t. Wir sprechen \u00fcber unser Konzert, \u00fcber den unmenschlichen Berliner Stra\u00dfenverkehr, \u00fcber dies und das. Wir bestellen Kaffee und Fr\u00fchst\u00fcck und haben sofort das Gef\u00fchl, dass wir auf einer Wellenl\u00e4nge sind. \u201eAber daf\u00fcr sind wir ja eigentlich gar nicht hier\u201c, sagt sie. Und dann erz\u00e4hlt sie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Von Regensburg auf die Opernb\u00fchne<\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/96\/Domspatzen_im_Dom_St._Peter.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/9\/96\/Domspatzen_im_Dom_St._Peter.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"241\"\/><\/a><figcaption>S\u00e4nger der Regensburger Domspatzen bei einem Gottesdienst 2011<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Schon nach wenigen S\u00e4tzen merken wir, dass wir bisher in einer beh\u00fcteten Parallelwelt aufgewachsen sind. Die kleinen und gro\u00dfen \u00c4rgernisse, die uns in unserem Studium und sp\u00e4ter im Beruf passiert sind, wirken pl\u00f6tzlich so unbedeutend, wenn sie etwa \u00fcber ihre fr\u00fchere Zeit als Geigenlehrerin bei den Regensburger Domspatzen spricht: \u201eViele Kinder waren Bettn\u00e4sser. Wenn man die Zimmer betrat, schlug einem sofort der Gestank von Urin entgegen. Immer wenn ich ins Internat kam, standen die Kinder am Zaun und warteten sehns\u00fcchtig. Sie winkten mir von weitem zu, weil sie sich so freuten, endlich eine zugewandte und wohlwollende Person zu treffen. Wohlgemerkt war ich damals die einzige weibliche Lehrkraft in der Vorschulklasse der Domspatzen.\u201c Sie habe sogar \u00fcberlegt, sich auch bei der Aufarbeitung <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/regensburger-domspatzen-abschlussbericht-missbrauch-und-misshandlungen-a-1158570.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">dieses Skandals<\/a> als Zeugin zu melden. Aber dann kam der Mauser-Prozess.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zun\u00e4chst erz\u00e4hlt sie uns von ihrem Deb\u00fct auf der Opernb\u00fchne, bzw. ihrem Nicht-Deb\u00fct: \u201eIch sollte die Hauptrolle in einer Opernproduktion singen. Die letzte BO lief super und das Ensemble wollte zusammen noch etwas essen gehen. Auch der Dirigent kam mit. Auf dem Weg sagte er, die anderen sollten schon einmal vorgehen, er habe noch etwas mit mir zu besprechen. Als wir au\u00dfer Sichtweite waren packte er mich, zog mich in ein Geb\u00fcsch, und dr\u00fcckte mir seine Zunge in den Mund. Ich stie\u00df ihn weg und schlug ihm ins Gesicht.\u201c Trotzdem ging sie anschlie\u00dfend zum gemeinsamen Abendessen mit den Kolleginnen und Kollegen. \u201eWie das war, daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Es muss ja eine etwas komische Atmosph\u00e4re gewesen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/bf\/Spoleto_festival_2008.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/bf\/Spoleto_festival_2008.JPG\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"355\"\/><\/a><figcaption>Das Spoleto-Festival 2008<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag fand die Generalprobe statt \u2013 jedoch ohne Maria Collien. Angeblich beherrschte sie die Partie nicht. \u201eDas wurde erst in der vorletzten Probe vor der Premiere bemerkt?\u201c, fragt sie sarkastisch. Und so hatte man sich entschlossen, die Generalprobe und alle Auff\u00fchrungen mit der Zweitbesetzung durchzuf\u00fchren. \u201eDabei hatte die so gut wie nie geprobt, weil der Dirigent sie nicht gemocht hat und sie eigentlich auch nur die beiden letzten Auff\u00fchrungen singen sollte.\u201c Das wollte Maria Collien nicht auf sich sitzen lassen. Sie benachrichtigte sofort ihre Agentur. Diese war keineswegs \u00fcberrascht \u00fcber den Vorfall; man lie\u00df sie hinter vorgehaltener Hand wissen, dass der Dirigent dasselbe Spiel wohl auch schon mit einer anderen S\u00e4ngerin gespielt habe. Sie rieten ihr, auf juristischem Wege ihre Auslagen f\u00fcr die Probenzeit einzufordern, da eine K\u00fcndigung aus k\u00fcnstlerischen Gr\u00fcnden nur innerhalb der ersten Probenwoche zul\u00e4ssig sei. Von einer Anzeige wegen des sexuellen \u00dcbergriffs sei jedoch abzuraten; dies sei nicht \u201azielf\u00fchrend\u2018. Die Intendanz bot sehr schnell einen Vergleich an, wahrscheinlich um einen Skandal zu vermeiden. Maria Collien erhielt allerdings nur eine Zahlung, um ihre Auslagen w\u00e4hrend der dreiw\u00f6chigen Probenzeit zu decken \u2013 und kein Honorar f\u00fcr ihre Arbeit. Von einer Anzeige bei der Polizei wegen des \u00dcbergriffs nahm sie Abstand, um nicht noch mehr \u201aL\u00e4rm\u2018 zu machen. Dennoch reichte all das schon, um ihrer Karriere Schaden zuzuf\u00fcgen: \u201e\u201aWenn du das machst, wirst du nie wieder einen Fu\u00df auf eine deutsche Opernb\u00fchne setzen\u2018, sagten meine Freunde. Sie hatten leider recht.\u201c Denn auch die zun\u00e4chst zugesagte Solidarit\u00e4t seitens der Agentur verpuffte letztlich. \u201eAls Arbeitsvermittler haben die nicht gerne Probleme mit den Theatern. Wer nicht devot ist, sondern das Klima des Theaterbetriebs belastet, wird eliminiert!\u201c Ihre Opernkarriere begann dann kurz darauf in Italien beim Spoleto-Festival.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Sumpf der Musikwelt<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir sind bei weitem noch nicht bei Siegfried Mauser angekommen, als wir den zweiten Kaffee bestellen. Nicht nur deshalb ist unsere M\u00fcdigkeit mittlerweile verflogen. Das, was Maria Collien erz\u00e4hlt, ist aufw\u00fchlend, verst\u00f6rend \u2013 und hochspannend. Wie beil\u00e4ufig l\u00e4sst sie immer wieder gro\u00dfe Namen innerhalb und au\u00dferhalb der Musikszene fallen. Namen, die wir hier nicht nennen k\u00f6nnen, weil in unserer Gesellschaft immer noch die Opfer, die ihre Stimme erheben, wie Verbrecher behandelt werden, w\u00e4hrend die T\u00e4ter nahezu ungehindert weitermachen k\u00f6nnen. Wobei der Begriff \u201aOpfer\u2018 auf niemanden so schlecht passt, wie auf diese starke und selbstbewusste Frau, die uns da gegen\u00fcbersitzt. Sie selbst vermeidet den Begriff, weil sie selbst \u00fcber ihr Leben und ihre Rolle darin entscheiden will.<\/p>\n\n\n\n<p>So auch damals, als ein anderer Dirigent sie auf eine Konzertreise mitnehmen wollte. \u201eGerede \u00fcber ihn gab es nat\u00fcrlich. Ich musste einmal miterleben, wie er und ein sehr ber\u00fchmter Regisseur einen ganzen Abend lang die schweinischsten Witze \u00fcber Frauen rissen. Wirklich unterste Schublade!\u201c Ihr gegen\u00fcber hat er sich aber nichts zu Schulden kommen lassen: \u201eIch war wohl nicht sein Typ. Aber wer wei\u00df, was passiert w\u00e4re, wenn ich ihm auf dieser Reise ausgeliefert gewesen w\u00e4re!\u201c Bei \u00dcbergriffen geht es schlie\u00dflich selten um Sex und eine tats\u00e4chliche oder eingebildete erotische Anziehung, sondern um Macht. Sie nahm das Engagementsangebot nicht an, auch wenn das f\u00fcr ihre Karriere ein wichtiger Schritt gewesen w\u00e4re. Wahrscheinlich die richtige Wahl: Auch der Name dieses Mannes ging im Zuge der #metoo-Debatte durch die Schlagzeilen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbergriffe, die Maria Collien in ihrer Karriere erlebt hat, sind so zahlreich, dass uns bald der Kopf schwirrt. War es der Intendant, der sie bei der Premierenfeier k\u00fcsste \u2013 in Anwesenheit seiner eigenen Ehefrau? Der, jedes Mal, wenn sie in der Auff\u00fchrung die B\u00fchne betrat, im Dunkeln wartete, um sie noch schnell festzuhalten und zu begrapschen? Oder war das doch der Star-Tenor, der Jahre sp\u00e4ter in h\u00f6chsten Ehren zu Grabe getragen wurde? \u201eNein, bei der Premierenfeier war es ein Journalist! Bei den Auff\u00fchrungen war es dann der Tenor\u201c, korrigiert sie uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Was uns immer wieder auff\u00e4llt: Wir kommen vielleicht durcheinander, sie dagegen vergisst nichts. Ihre Schilderungen sind klar und pr\u00e4gnant; sie erinnert sich an jedes Detail, jeden Namen, jede Operninszenierung. Alle Ereignisse sind in ihrem Ged\u00e4chtnis gespeichert, nichts scheint vergessen. Es ist diese Akkuratesse, mit der sie das Gericht im Mauser-Prozess beeindruckt hat. \u201eWas f\u00fcr ein Sumpf!\u201c, keuchen wir irgendwann entsetzt. Maria Collien nickt nur.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eBeim n\u00e4chsten Mal bekommst du dann eine gro\u00dfe Rolle.\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>In diesem Sumpf kommt alles zusammen: Machtmenschen, die sich am \u201eFreiwild\u201c der jungen S\u00e4ngerinnen und Musikerinnen bedienen, Stars, die nicht mehr zwischen der Bewunderung f\u00fcr ihre Kunst und ihre Person unterscheiden k\u00f6nnen, aber auch all die anderen, die im besten Fall nur zu- bzw. wegsehen und im schlimmsten Fall schauen, ob nicht etwas f\u00fcr sie abf\u00e4llt. Dazu geh\u00f6ren auch die vielen Agenten und Manager, die ihre Sch\u00fctzlinge in dieses Haifischbecken werfen. \u201eIch habe viele F\u00e4lle von Korruption erlebt\u201c, sagt Maria Collien.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/0d\/Rhinegold_and_the_Valkyries_p_034.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/0\/0d\/Rhinegold_and_the_Valkyries_p_034.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"436\"\/><\/a><figcaption>Szene aus \u201aRheingold\u2018, Illustration von Arthur Rackham (1867-1939) von 1910<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eIch war engagiert, die Fricka in \u201aRheingold\u2018 zu singen. Wotan, die m\u00e4nnliche Hauptrolle, kam von einer Agentur, war aber nicht in der Lage, seine Partie zu bew\u00e4ltigen. Die Verantwortlichen entschieden sich, bei der Agentur nach einem anderen S\u00e4nger zu fragen. Die Agentur sagte: \u201aJa, wir haben noch einen anderen, aber nur, wenn ihr auch unsere Fricka nehmt.\u2018 Es blieb ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als zu akzeptieren und mich gegen die neue S\u00e4ngerin auszutauschen. Ich bekam eine kleinere Rolle in derselben Produktion. \u201aBeim n\u00e4chsten Mal bekommst du dann eine gro\u00dfe Rolle\u2018, wurde mir versprochen. Solche Deals kommen h\u00e4ufiger vor, als man denkt.\u201c Als sie sp\u00e4ter beim Intendanten die gr\u00f6\u00dfere Partie einforderte, vertr\u00f6stete er sie nur. Eine Bekannte aus dem Theater gab ihr zu verstehen, dass sie ihm Geld h\u00e4tte anbieten sollen. Das tat sie nicht \u2013 und das Versprechen wurde nie eingel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Die ber\u00fchmte Vetternwirtschaft \u2013 auch in der Musikwelt weit verbreitet. Wir haben selbst Wettbewerbe erlebt, bei denen bestimmte Teilnehmer mit hohen Punktzahlen und ersten Preisen verbl\u00fcfft haben, weil zuf\u00e4llig ihr Professor in der Jury sa\u00df oder sie mit der Wettbewerbsleitung befreundet waren. \u00dcber solche Geschichten kann Maria Collien wohl nur hohl lachen. Bringen es in der Szene diejenigen am weitesten, die in ihrem Fach die besten sind? \u201eWohl eher die, die am devotesten sind. Und es ist nat\u00fcrlich viel Zufall dabei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mittlerweile ist es fast Mittag, aber wir k\u00f6nnen jetzt nicht aufh\u00f6ren. Eigentlich haben wir noch einen anderen Termin. Am Nachmittag m\u00fcssen wir au\u00dferdem weiterfahren. Laura nach K\u00f6ln; dort warten ihre Sch\u00fclerInnen. Daniel mit dem Auto voller Harfen und Gep\u00e4ck nach Weimar, dort wartet liegengebliebene B\u00fcroarbeit. So sieht das Leben als Freiberufler aus. Es ist ein hohes Ma\u00df an Disziplin und Selbstmanagement n\u00f6tig, wenn man von unserem Beruf leben will \u2013 au\u00dferhalb der Elite nat\u00fcrlich! Maria Collien kann das gut nachvollziehen. \u201eAls im Prozess die Pl\u00e4doyers beendet waren, bat Mauser darum, noch eine Frage an mich richten zu d\u00fcrfen. Er sagte: \u201aDu erz\u00e4hlst hier, ich h\u00e4tte dein Leben ruiniert. Aber von den 800 \u20ac f\u00fcr den Lehrauftrag, da kann man doch gar nicht von leben!\u2018\u201c Doch f\u00fcr den Gro\u00dfteil der MusikerInnen sind 800 \u20ac der Unterschied, ob man seine Miete bezahlen kann oder nicht. \u201e800 \u20ac machen einen nicht reich, aber arm\u201c, sagt Maria Collien. Kann jemand mit dem Lebensstil eines Siegfried Mauser das vielleicht nicht mehr nachvollziehen? Auf uns wirkt es vor diesem Hintergrund schon zynisch, dass Mauser selbst gesagt hat, er sei durch die Gerichtsprozesse finanziell ruiniert. \u201eIch habe in meiner aktiven Karriere gutes Geld verdient\u201c, meint Maria Collien. Aber keine Musikerin und kein Musiker kann ewig aktiv bleiben \u2013 erst recht nicht im Fach Gesang! Und so kam sie schlie\u00dflich von Italien nach M\u00fcnchen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Im Pr\u00e4sidentenb\u00fcro<\/h3>\n\n\n\n<p>Maria Collien bewarb sich mehrmals um Stellen an der Musikhochschule M\u00fcnchen und war dabei nicht w\u00e4hlerisch. Professur, Lehrauftrag, Dozentin \u2013 sie liebt das Unterrichten und suchte ein finanzielles Auskommen. Insgesamt drei Mal traf sie dabei Siegfried Mauser, damals Pr\u00e4sident der Hochschule, zum Bewerbungsgespr\u00e4ch. Drei Mal wurde er \u00fcbergriffig. In der Urteilsbegr\u00fcndung des BGH wird der genaue Tathergang geschildert. <a href=\"https:\/\/juris.bundesgerichtshof.de\/cgi-bin\/rechtsprechung\/document.py?Gericht=bgh&amp;Art=en&amp;sid=2449ed3aca37428a596ec21a3b652ddd&amp;nr=101612&amp;pos=0&amp;anz=2\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><u>Das Urteil mit dem Aktenzeichen 1 StR 39\/19 ist mittlerweile online einsehbar<\/u><\/a>. Wir zitieren hier daraus:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"column one\"><div class=\"mcb-column-inner\"><div class=\"blockquote\"><span class=\"mfn-blockquote-icon\"><i class=\"icon-quote\" aria-hidden=\"true\"><\/i><\/span><blockquote class=\"mfn-inline-editor\"><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2007 bewarb sie sich erneut auf eine Stelle an der Musikhochschule. Als ihr auf Nachfrage mitgeteilt wurde, dass ihre eingereichten Bewerbungsunterlagen nicht vorl\u00e4gen, vereinbarte sie \u00fcber die Sekret\u00e4rin einen Termin mit dem Angeklagten in dessen B\u00fcro, um ihn zu bitten, eine ordnungsgem\u00e4\u00dfe Durchf\u00fchrung des Bewerbungsverfahrens sicherzustellen. Bei diesem Termin im Herbst 2007 bat sie der Angeklagte, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Als sie nach Beendigung des Gespr\u00e4chs im Begriff war aufzustehen, ging der Angeklagte auf sie zu, packte sie, stie\u00df sie so auf das Sofa, dass sie dort flach auf dem R\u00fccken zum Liegen kam, legte sich auf sie und fixierte sie mit seinem K\u00f6rpergewicht. Die Gesch\u00e4digte konnte den erigierten Penis des Angeklagten sp\u00fcren. Sie wehrte sich heftig und bem\u00fchte sich vergebens, den Angeklagten von sich herunter zu sto\u00dfen. Der Angeklagte versuchte sie zu k\u00fcssen. Sie drehte den Kopf weg und schrie: \u201eH\u00f6r auf, lass mich in Ruhe!\u201c. Nun griff der Angeklagte der Gesch\u00e4digten \u00fcber der Kleidung fest an die Brust, \u00f6ffnete den Knopf ihrer Hose und versuchte den G\u00fcrtel seiner Hose aufzurei\u00dfen. Die Gesch\u00e4digte wehrte sich heftig und versuchte insbesondere den Angeklagten wegzudr\u00fccken. Sie bef\u00fcrchtete, der Angeklagte werde sie vergewaltigen. Schlie\u00dflich lie\u00df sie der Angeklagte los und sagte: \u201eEs tut mir so leid, mach\u00b4s halt, wir m\u00fcssen unbedingt miteinander schlafen.\u201c. Die Gesch\u00e4digte fl\u00fcchtete aus dem B\u00fcro. Ihre Bewerbungen blieben weiter erfolglos.<br>Am 19. Februar 2009 um 12.00 Uhr suchte die Gesch\u00e4digte den Angeklagten deshalb nach Vereinbarung eines Termins erneut auf, um ihn noch einmal zu bitten, sich f\u00fcr ein ordnungsgem\u00e4\u00dfes Bewerbungsverfahren einzusetzen.<br>Um einen \u00dcbergriff zu unterbinden, setzte sie sich in seinem B\u00fcro nicht auf das Sofa, sondern auf den nur eineinhalb bis zwei Meter von der T\u00fcr entfernten Stuhl, um einen direkten Fluchtweg zu haben. Dann brachte sie ihr Anliegen vor. Der Angeklagte sicherte ihr \u2013 wie auch schon im Herbst 2007 \u2013 zu, sich darum zu k\u00fcmmern. Als sich die Gesch\u00e4digte nach Beendigung des Gespr\u00e4chs zur T\u00fcr wandte, packte sie der Angeklagte mit beiden H\u00e4nden an den Armen, zog sie zu sich heran und dr\u00fcckte ihr seine Zunge so heftig in den Mund, dass dies einen W\u00fcrgereiz ausl\u00f6ste. Der \u00dcbergriff kam so schnell, dass die Gesch\u00e4digte weder ausweichen noch die Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen konnte, um das Eindringen seiner Zunge zu verhindern. Da der Angeklagte sie an sich presste, konnte sie ihre Arme nicht bewegen. Sie versuchte jedoch, sich seinem Griff zu entwinden und dem Zungenkuss zu entziehen, indem sie ihren Oberk\u00f6rper nach hinten dr\u00fcckte. Nun lie\u00df sie der Angeklagte mit der linken Hand los, packte ihre rechte Brust und dr\u00fcckte fest zu. Die Gesch\u00e4digte versp\u00fcrte extreme Schmerzen, schrie deshalb und rief: \u201eH\u00f6r auf, lass mich los.\u201c. Sie hatte im Dezember 2008 ihre Br\u00fcste operativ verkleinern lassen. Aufgrund von Komplikationen waren die Operationsn\u00e4hte noch nicht verheilt. Es hatten sich eiternde Entz\u00fcndungen gebildet, die mit Drainagen versorgt waren. Der Angeklagte packte ihre Hand und zog diese auf seiner Hose an seinen erigierten Penis. Nun schrie die Gesch\u00e4digte: \u201eLass das, h\u00f6r doch auf, ich bin gerade operiert worden!\u201c. Der Angeklagte lie\u00df von der Gesch\u00e4digten ab und entgegnete: \u201eWas, Dein sch\u00f6ner Busen? Naja, aber es ist ja noch genug da.\u201c. Er m\u00fcsse unbedingt mit ihr schlafen. Die Gesch\u00e4digte verlie\u00df das B\u00fcro, eilte zu einer Toilette und \u00fcbergab sich dort.<br>F\u00fcr das Wintersemester 2013\/2014 hatte die Hochschule einen Lehrauftrag ausgeschrieben. Die Gesch\u00e4digte reichte ihre Bewerbungsunterlagen ein und vereinbarte f\u00fcr den 24. Juni 2013 einen Termin bei dem Angeklagten. Sie w\u00e4hlte bewusst eine \u201edistanzierte Sitzordnung\u201c. Sie nahm auf dem Stuhl nahe der T\u00fcr Platz. Zwischen ihr und dem Angeklagten stand ein weiterer Stuhl. Dann teilte sie dem Angeklagten mit, sie sei vor 30 Jahren von einem Dirigenten gegen ihren Willen in ein Geb\u00fcsch gezerrt und gek\u00fcsst worden, worauf sie diesem eine Ohrfeige gegeben und ihn angezeigt* h\u00e4tte.<br>Nachdem das Gespr\u00e4ch beendet war und sich die Gesch\u00e4digte zur T\u00fcr wandte, sagte der Angeklagte: \u201eBei uns ist das ja was anderes\u201c, packte sie mit beiden H\u00e4nden, zog sie an sich und dr\u00fcckte ihr seine Zunge tief in den Mund. Dann fasste er der Gesch\u00e4digten \u00fcber der Kleidung mit einer Hand an die Brust, wobei er mit der anderen Hand seinen Griff verst\u00e4rkte und griff ihr in die Hose. Die Gesch\u00e4digte wehrte sich. Der Angeklagte packte ihre Hand und f\u00fchrte sie auf seiner Hose an seinen erigierten Penis. Die Gesch\u00e4digte versuchte immer wieder, die Hand wegzuziehen. Dies misslang, weil der Angeklagte ihre Hand festhielt, und er rieb mit ihrer Hand an seinem Penis. Die Gesch\u00e4digte rief, er solle loslassen, sie sei nur wegen eines Bewerbungsgespr\u00e4chs hier. Der Angeklagte lie\u00df aber nicht los. Schlie\u00dflich gelang es ihr unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft sich seinem Griff zu entziehen. Darauf schob sie der Angeklagte aus seinem B\u00fcro und schloss die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p><\/blockquote><\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n\n<p><em>* Anm.: Diese Formulierung stellt die Tatsachen sehr verk\u00fcrzt dar. In der Tat gab es keine Anzeige wegen eines sexuellen \u00dcbergriffs bei der Polizei, sondern \u2013 wie oben beschrieben \u2013 bei Maria Colliens Agentur und der Theaterintendanz.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tellerminen und \u201abiens\u00e9ance\u2018<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese unappetitlichen Details sind in den Gerichtsakten vermerkt; das Gericht hat Maria Colliens Aussage als glaubw\u00fcrdig eingestuft. Sie musste sie immer und immer wieder im Zeugenstand wiederholen. Mausers Anw\u00e4lte versuchten mit einer ausgekl\u00fcgelten Frage-Taktik, Widerspr\u00fcche aufzudecken und die Glaubw\u00fcrdigkeit der Zeugin zu untergraben. Doch da waren keine Widerspr\u00fcche. Das hielt Mauser und sein Umfeld freilich nicht davon ab, eine ganz andere Version der Geschichte zu erz\u00e4hlen: Die Kontakte mit Maria Collien seien, genau wie die unz\u00e4hligen anderen Aff\u00e4ren in seinem Leben, einvernehmlich gewesen. Wer die obigen Schilderungen liest, kann sich selbst ein Bild davon machen, wie glaubw\u00fcrdig diese Version ist. Maria Collien sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eDas war eine dumme Verteidigungsstrategie. Wenn er sich vor Gericht nur etwas kl\u00fcger verhalten h\u00e4tte, w\u00e4re er doch niemals zu einer Haftstrafe verurteilt worden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/21\/Hans_Magnus_Enzensberger_T%C3%BCbingen_2013.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/2\/21\/Hans_Magnus_Enzensberger_T%C3%BCbingen_2013.JPG\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"242\"\/><\/a><figcaption>\u201eDamen, deren Avancen zur\u00fcckgewiesen werden, gleichen t\u00fcckischen Tellerminen\u201c, schrieb Hans Magnus Enzensberger 2016 in einem Leserbrief an die S\u00fcddeutsche Zeitung.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wie ist Mausers Verteidigungsstrategie zu erkl\u00e4ren? Diese Frage haben nicht nur wir uns oft gestellt. Unsere Theorie: Wahrscheinlich stand in seinem Umfeld die M\u00f6glichkeit, das Gericht k\u00f6nne ihn f\u00fcr schuldig befinden, nie zur Debatte. Schon fr\u00fch hatten seine \u201eFreunde\u201c Briefe geschrieben und Statements ver\u00f6ffentlicht, um seinen Ruf zu retten und die Frauen, die die Vorw\u00fcrfe erhoben, zu diffamieren. Enzensbergers \u201e<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/nach-dem-urteil-gegen-ex-rektor-der-musikhochschule-muenchens-kulturwelt-ist-entsetzt-1.3009189\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Tellerminen<\/a>\u201c-Zitat ist mittlerweile zum gefl\u00fcgelten Wort geworden. Dabei ging es nie darum, ob die Vorw\u00fcrfe vielleicht stimmten; dass die Frauen l\u00fcgen mussten, stand in diesen Kreisen mutma\u00dflich bereits vor Prozessbeginn fest. Wir k\u00f6nnen es uns bildhaft vorstellen: Die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten alten wei\u00dfen M\u00e4nner (und auch ein paar Frauen), die in ihrem Elfenbeinturm sa\u00dfen und sich in ihrer Rolle als oberste H\u00fcter der Kultur sonnten, w\u00e4hrend sie sich \u00fcber die amour\u00f6sen Eroberungen der Mitglieder ihres Zirkels am\u00fcsierten, auch wenn dabei manchmal die Grenze der \u201abiens\u00e9ance\u2018 (dt.: Anstand) \u00fcberschritten wurde, wie es im Vorwort der <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/missbrauch-an-der-musikhochschule-entlarvendes-lehrstueck-1.4678625\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Festschrift zu Mausers 65. Geburtstag<\/a> hei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Mauser seine Version der Geschichte wohl wirklich glaubt? \u201eAls er mich beim Schornsheim-Prozess vor dem Gericht stehen sah, ist er kreidebleich geworden\u201c, sagt sie vielsagend. \u201eEs waren Kameras und Journalisten da, also winkte er mir freundlich zu. Aber er ahnte wohl schon, dass meine Anwesenheit nichts Gutes verhie\u00df.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Schornsheim-Prozess bringt alles ins Rollen<\/h3>\n\n\n\n<p>Und schon sind wir mitten im Mauser-Prozess angekommen. Vor uns steht bereits der dritte Kaffee, eigentlich k\u00f6nnte man sich auch schon ein Mittagessen bestellen. Doch nun hat Maria Collien sich in Fahrt geredet. Wenn sie die Erlebnisse aus Mausers B\u00fcro schildert, merkt man, dass sie mit aller Kraft daf\u00fcr k\u00e4mpft, die Deutungshoheit \u00fcber die Ereignisse zu behalten. Schweigen ist keine Option mehr f\u00fcr sie, auch wenn sie die Geschichte bei der Polizei und im Prozess schon dutzende Male erz\u00e4hlt hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hatte sie urspr\u00fcnglich gar nicht vor, gegen Mausers \u00dcbergriffe juristisch vorzugehen. \u201eIch war aufgew\u00fchlt, aber nicht traumatisiert\u201c, sagt sie heute. Sie hatte in ihrer Karriere einfach zu viel erlebt, um aus den Vorf\u00e4llen eine gro\u00dfe Sache zu machen. Nur eines wurmte sie: Sie fand, dass sie aufgrund ihrer Qualifikationen und der internationalen Erfahrung f\u00fcr die Stellen besser geeignet gewesen sei als manch andere BewerberIn. \u201eIch g\u00f6nne jedem und jeder von ihnen die Stelle, aber ich wurde vorsichtiger.\u201c Irgendwann gab sie es auf, sich weiter zu bewerben. Sie konzentrierte sich aufs private Unterrichten und auf ihre Chorleitungen. Bis sie wenige Tage vor dem <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/christine-schornsheim-ueber-den-prozess-gegen-siegfried-mauser-15844900.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Schornsheim-Prozess<\/a> zuf\u00e4llig davon in der Zeitung las.* \u201eDa ist nat\u00fcrlich alles wieder hochgekommen. Ich wusste sofort: Da muss ich als Zeugin hin!\u201c Zu diesem Zeitpunkt war die Kampagne pro Mauser schon l\u00e4ngst angelaufen; den anderen Frauen drohte die mediale Vernichtung. \u201eAn dem Morgen versuchte ich, mich auf die Chorprobe zu konzentrieren. Nach der Probe kam eine Freundin zu mir und wollte etwas mit mir besprechen. Ich sagte ihr: \u201aIch kann jetzt nicht, es geht mir gerade sehr schlecht.\u2018 Sie sah mich an und fragte: \u201aGeht es um den Zeitungsartikel?\u2018 Sie wusste sofort Bescheid.\u201c Einige Chormitglieder hatten den Artikel bereits gelesen und sofort den Zusammenhang zu Maria Colliens Schilderungen ihrer Bewerbungsversuche an der Hochschule gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>*Anm.: Die M\u00fcnchener Cembalo-Professorin Christine Schornsheim zeigte Siegfried Mauser wegen sexueller N\u00f6tigung an. Er wurde 2017 nach einer Revision zu neun Monaten Haft auf Bew\u00e4hrung verurteilt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Sie schrieb an das Gericht, um sich als Zeugin zur Verf\u00fcgung zu stellen, aber erhielt keine Antwort. Also ging sie einfach zum Prozess hin. Ohne Anwalt, ohne konkreten Plan. Sie wollte als Zeugin aussagen, wollte ihre Geschichte erz\u00e4hlen, um den anderen Frauen beizustehen. Sie sollten nicht als L\u00fcgnerinnen abgestempelt werden, denn Maria Collien war sich sicher: Ihre Geschichten stimmten, so wie ihre eigene. \u201eIch stand vor dem Gericht und wusste: Wenn ich als Zeugin aussagen will, darf ich nicht einfach mit in den Gerichtssaal gehen. Aber ich musste ja irgendwen finden, mit dem ich reden kann. Irgendwann wurden alle Anwesenden herein gebeten. Ich stand unschl\u00fcssig herum, bis mich ein Gerichtshelfer ansprach: \u201aWollen sie jetzt rein oder nicht?\u2018 Also ging ich rein. Im Gerichtssaal fragte die Richterin, ob es noch Zeugen unter den Anwesenden gebe. Diese sollten nun bitte den Saal verlassen. Ich stand auf \u2013 nat\u00fcrlich gut sichtbar f\u00fcr alle \u2013 und ging wieder hinaus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Muss es f\u00fcr Betroffene in unserem Rechtssystem wirklich so schwierig sein? Nat\u00fcrlich, Maria Collien h\u00e4tte sich von Anfang an einen Anwalt nehmen k\u00f6nnen, der ihr die genaue Vorgehensweise h\u00e4tte erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Doch Anw\u00e4lte kosten Geld \u2013 Geld, das die wenigsten Betroffenen haben. \u201eEr war doch der T\u00e4ter! Keinen Cent wollte ich daf\u00fcr bezahlen!\u201c Immerhin hatte dieses Hin und Her zur Folge, dass sie eine Stunde sp\u00e4ter von der Kripo angerufen und zu einer Zeugenaussage vorgeladen wurde.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Geistige Verwirrung?<\/h3>\n\n\n\n<p>Was als Zeugenaussage begann, entwickelte sich in den n\u00e4chsten Stunden zu einem ganz neuen Fall. Ohne dass sie es beabsichtigt hatte, war Maria Collien so tief drin, dass sie nicht mehr herauskam. Mehrere Stunden dauerte die Vernehmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sie von Anfang an bei ihrer Geschichte blieb, war ihr Gl\u00fcck. Denn die Anw\u00e4lte Mausers setzten alles daran, Widerspr\u00fcche in ihrer Aussage zu finden. \u201eF\u00fcnf oder sechs Mal musste ich im Zeugenstand jede Frage beantworten. Mauser sa\u00df nur wenige Meter entfernt, die Verhandlungen zogen sich \u00fcber Stunden.\u201c Eine enorme Belastung, auch wenn die Richterin sehr einf\u00fchlsam gewesen sei: \u201eIch fragte sie: Ich habe diese Frage jetzt schon so oft beantwortet, muss ich es wirklich noch einmal sagen? Die Richterin antwortete: \u201aJa, wenn sie so nett w\u00e4ren und die Frage noch einmal beantworten k\u00f6nnten.\u2018 Dann wandte sie sich an Mausers Anw\u00e4lte und sagte: \u201aDann ist es aber genug!\u2018\u201c In ihrer Urteilsbegr\u00fcndung wies die Richterin genau darauf hin: Maria Collien habe alle Fragen immer wieder gleich beantwortet, nicht nur mit ja oder nein, sondern in eigenen Worten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende gab es nur zwei vermeintliche Unstimmigkeiten zwischen ihrer ersten polizeilichen Vernehmung und ihrer Aussage vor Gericht, die die Verteidigung meinte \u201eaufdecken\u201c zu k\u00f6nnen: Erstens, wie lange eben diese Vernehmung genau gedauert hatte, und zweitens, ob es das zweite oder dritte Treffen mit Mauser gewesen sei, bei dem er versucht hatte, ihr die Hose herunter zu ziehen. F\u00fcr Au\u00dfenstehende und nach jeglichem gesunden Menschenverstand sind das nur unbedeutende Fragen, doch das sahen Mausers Anw\u00e4lte ganz anders: Auf Grund dieser Details zweifelten sie nicht nur die Glaubw\u00fcrdigkeit, sondern auch den Geisteszustand Maria Colliens an. Ihre unklaren Aussagen seien das Ergebnis von geistiger Verwirrung. Das Gericht sah dies logischerweise anders, ihren Revisionsantrag bauten die Anw\u00e4lte trotzdem darauf auf.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/63\/BGH_-_Palais_2.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/63\/BGH_-_Palais_2.JPG\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"249\"\/><\/a><figcaption>Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe; dort wurde das Urteil gegen Siegfried Mauser best\u00e4tigt.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Die Monate, \u00fcber die sich der Prozess hinzog, waren f\u00fcr Maria Collien die H\u00f6lle. \u201eIrgendwann konnte ich gar nichts mehr machen. Ich ging zu einer Feier und drehte mich vor der T\u00fcr wieder um und ging. Ich wollte etwas f\u00fcr euren Blog schreiben, aber sobald ich den Stift in die Hand nahm, fingen meine H\u00e4nde an zu zittern.\u201c Weil manche ihrer Freundinnen und Freunde im Prozess ebenfalls aussagen mussten, wurde ihr geraten, in dieser Zeit keinen Kontakt zu ihnen aufzunehmen. \u201eIch habe wochenlang mit niemandem \u00fcber die Angelegenheit sprechen k\u00f6nnen und nur noch meine Arbeit mit letzter Kraft und Disziplin verrichtet. Das war das Schlimmste. In der Folge bin ich an einer G\u00fcrtelrose erkrankt und hatte Darmkoliken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Ungeheuerlichkeit, dass Missbrauchsopfer vor Gericht so leiden m\u00fcssen. In der \u00d6ffentlichkeit mag Siegfried Mauser die Vorf\u00e4lle als \u201aMissverst\u00e4ndnisse\u2018 abtun, als Ereignisse, die man so oder auch anders interpretieren k\u00f6nnte. Aber selbst wenn er sich tats\u00e4chlich f\u00fcr unschuldig h\u00e4lt: Das, was er und seine Anw\u00e4lte den Frauen in den Prozessen angetan haben, ist zutiefst verwerflich. Nat\u00fcrlich hat jeder das Recht, sich vor Gericht zu verteidigen, aber es gibt neben dem juristischen Urteil eben auch noch das gesellschaftliche. Und dieses Urteil f\u00e4llt f\u00fcr uns nach den Prozessen vernichtend aus. Wenn man Maria Colliens Geschichte h\u00f6rt, erscheinen einem die Reaktionen vieler Mitglieder der \u201akulturellen Elite\u2018 abstrus. Sie haben sich damit unserer Meinung nach f\u00fcr s\u00e4mtliche \u00f6ffentlichen \u00c4mter und Funktionen disqualifiziert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eIch w\u00fcrde es heute wieder so machen.\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00dcbrigens hat Maria Collien weder Schmerzensgeld noch Schadensersatz bekommen. Mauser hat keine finanzielle Entsch\u00e4digung get\u00e4tigt; Schadensersatz m\u00fcsste sie vor einem Zivilgericht einklagen. Aber m\u00f6chte sie sich wirklich noch einen weiteren Prozess antun? Sie musste sogar die Erstberatung bei ihrer Anw\u00e4ltin selbst bezahlen. Keine gro\u00dfe Summe \u2013 Mauser hat f\u00fcr seine Anw\u00e4lte ein Vielfaches bezahlt \u2013, aber doch ein kleiner Stich: Warum soll jemand, der Opfer sexueller N\u00f6tigung geworden ist, noch zus\u00e4tzlich Geld bezahlen, um Gerechtigkeit zu erfahren?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/73\/F%C3%BChrerbau_-_N%C3%B6rdlicher_Lichthof.JPG\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/7\/73\/F%C3%BChrerbau_-_N%C3%B6rdlicher_Lichthof.JPG\" alt=\"\" width=\"300\"\/><\/a><figcaption>Der n\u00f6rdliche Lichthof der Musikhochschule M\u00fcnchen; in diesem Geb\u00e4ude fanden die \u00dcbergriffe Mausers statt.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich stellt sich die Frage, warum sie sich das eigentlich angetan hat. Doch diesen Gedanken l\u00e4sst sie gar nicht zu: \u201eIch w\u00fcrde es heute wieder so machen. Vielleicht war es meine Bestimmung.\u201c Jetzt, wo sie wieder frei von alledem ist, will sie au\u00dferdem weitermachen. \u201eJetzt mache ich alles! Ich gebe gerne Interviews und Betroffene k\u00f6nnen sich auch bei mir melden.\u201c Unglaublich, dass sie daf\u00fcr noch die Kraft hat. \u201eWieder!\u201c, sagt sie und l\u00e4chelt. \u201eMit dem Urteil des BGH ist eine gro\u00dfe Last von mir abgefallen. Ich bin ein neuer Mensch!\u201c*<\/p>\n\n\n\n<p>*<em>Anm.: Diese Aussage stammt aus dem November 2019. Dadurch soll nicht relativiert werden, dass Mausers Opfer nach wie vor einem gro\u00dfen Leidensdruck ausgesetzt sind, z.B. durch die <\/em><a href=\"https:\/\/taz.de\/Der-Fall-Siegfried-Mauser-und-MeToo\/!5640536\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Festschrift zu seinem 65. Geburtstag<\/em><\/a><em>, seiner Ank\u00fcndigung, <\/em><a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-musikhochschule-mauser-gefaengnisstrafe-1.4965952\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>vor das Verfassungsgericht und den Europ\u00e4ischen Gerichtshof zu ziehen<\/em><\/a><em>, seinem <\/em><a href=\"https:\/\/www.onetz.de\/oberpfalz\/weiden-oberpfalz\/mauser-zoegert-haftstrafe-oesterreich-hinaus-id3075347.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Nichtantritt der Haftstrafe<\/em><\/a><em> und seiner Erkl\u00e4rung, <\/em><a href=\"https:\/\/www.br-klassik.de\/aktuell\/news-kritik\/siegfried-mauser-haftantritt-oesterreich-frei-musikhochschule-muenchen-mozarteum-salzburg-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>er sei aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden angeblich haftunf\u00e4hig<\/em><\/a><em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Mit diesem Satz sind wir sind am Ende unseres Gespr\u00e4chs angekommen. Wir sind total erledigt; uns platzt der Kopf von all den grausamen Geschichten, die wir hier gar nicht alle anbringen konnten. Wir werden einige Tage brauchen, um alles zu verarbeiten. Schwierig genug, wo uns doch unser Arbeitsalltag erwartet. Wie muss es da erst f\u00fcr sie in den letzten Monaten gewesen sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem wir uns verabschiedet haben, blicken wir ihr nach und versuchen, unsere Gedanken zu ordnen. Die MusikerInnen sind nicht gut darin, in der Beurteilung eines Menschen zwischen dem K\u00fcnstlerischen und dem Pers\u00f6nlichen zu unterscheiden. Wer ein gro\u00dfer K\u00fcnstler ist, der wird auch pers\u00f6nlich bewundert, wer lediglich an einer Musikschule unterrichtet oder \u201arummuckt\u2018, der wird nicht selten auch menschlich verachtet. \u201eIch habe nie zur ersten Garde geh\u00f6rt\u201c, hat Maria Collien vorhin gesagt. Was f\u00fcr eine verwunderliche Aussage! Immerhin sind in ihrer Biografie namhafte Opernh\u00e4user, gro\u00dfe Orchester und ber\u00fchmte Dirigenten vermerkt. Doch spielt das wirklich eine Rolle? Die gr\u00f6\u00dfte Leistung in ihrem Leben hatte nichts mit Musik zu tun. Sie hat \u2013 gemeinsam mit den anderen Nebenkl\u00e4gerinnen \u2013 geschafft, was in der #metoo-Debatte selten ist: Einen T\u00e4ter vor Gericht zu stellen und eine Verurteilung zu erwirken. Wir sind uns daher sicher: Wir haben grade eine der ganz Gro\u00dfen der Musikszene getroffen. Gr\u00f6\u00dfer als wir, gr\u00f6\u00dfer als all die, die weggesehen haben, und vor allem: Gr\u00f6\u00dfer als Siegfried Mauser.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura &amp; Daniel<\/h3>\n\n\n\n<p> <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/erfahrungsberichtemetoo\/\" target=\"_blank\">\u2192 weitere Erfahrungsberichte lesen<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bildquellen:<br>\u201eS\u00e4nger der Regensburger Domspatzen bei einem Gottesdienst 2011\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Domspatzen_im_Dom_St._Peter.jpg\">Quelle<\/a>, Autor: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/User:Michaelvogl\">Michaelvogl<\/a>, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">Attribution-Share Alike 3.0 Germany<\/a><br>\u201eDas Spoleto-Festival 2008\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Spoleto_festival_2008.JPG\">Quelle<\/a>, Autor: ElettroDevice, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:public_domain\">public domain<\/a><br>\u201eSzene aus \u201aRheingold\u2018, Illustration von Arthur Rackham (1867-1939) von 1910\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Rhinegold_and_the_Valkyries_p_034.jpg\">Quelle<\/a>, Autor: Arthur Rackham, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:public_domain\">public domain<\/a><br>\u201e\u201eDamen, deren Avancen zur\u00fcckgewiesen werden, gleichen t\u00fcckischen Tellerminen\u201c, schrieb Hans Magnus Enzensberger 2016 in einem Leserbrief an die S\u00fcddeutsche Zeitung.\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Hans_Magnus_Enzensberger_T%C3%BCbingen_2013.JPG\">Quelle<\/a>, Autor: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:Felix_Koenig\">Felix K\u00f6nig<\/a>, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/3.0\/deed.en\">Attribution 3.0 Unported<\/a><br>\u201eDer Bundesgerichtshof in Karlsruhe; dort wurde das Urteil gegen Siegfried Mauser best\u00e4tigt.\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:BGH_-_Palais_2.JPG\">Quelle<\/a>, Autor: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/User:ComQuat\">ComQuat<\/a>, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">Attribution-Share Alike 3.0 Unported<\/a><br>\u201eDer n\u00f6rdliche Lichthof der Musikhochschule M\u00fcnchen; in diesem Geb\u00e4ude fanden die \u00dcbergriffe Mausers statt.\u201c: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:F%C3%BChrerbau_-_N%C3%B6rdlicher_Lichthof.JPG\">Quelle<\/a>, Autor: Wolfgang Rieger, Lizenz: <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:Creative_Commons\">Creative Commons<\/a> <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/deed.en\">Attribution-Share Alike 3.0 Unported<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Insgesamt drei Mal bedr\u00e4ngte Siegfried Mauser Maria Collien in seinem B\u00fcro. Ihre Aussage als Nebenkl\u00e4gerin sorgte daf\u00fcr, dass der ehemalige Pr\u00e4sident der Musikhochschule M\u00fcnchen wegen sexueller N\u00f6tigung verurteilt wurde. Wir haben sie in Berlin getroffen und \u00fcber sie, ihr Leben und das, was damals wirklich im Pr\u00e4sidentenb\u00fcro geschehen ist, gesprochen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":989,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[417,480],"tags":[212,430,201,204,200],"class_list":["post-2709","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-metoo","category-erfahrungsbericht","tag-metoo","tag-maria-collien","tag-musikhochschule-muenchen","tag-sexueller-missbrauch","tag-siegfried-mauser"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2709","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2709"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2709\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2872,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2709\/revisions\/2872"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/989"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2709"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2709"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2709"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}