{"id":2750,"date":"2020-11-22T13:46:48","date_gmt":"2020-11-22T12:46:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2750"},"modified":"2020-11-22T15:03:52","modified_gmt":"2020-11-22T14:03:52","slug":"kompositionsprofessor-vor-gericht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/kompositionsprofessor-vor-gericht\/","title":{"rendered":"Kompositionsprofessor vor Gericht"},"content":{"rendered":"\n<p>In M\u00fcnchen hat im November der Gerichtsprozess gegen Hans-J\u00fcrgen von Bose, Komponist und ehemaliger Professor der Musikhochschule M\u00fcnchen, begonnen. Kurz zusammengefasst geht es um Folgendes: Bose soll die Schwester eines ehemaligen Studenten bei drei Gelegenheiten vergewaltigt haben. Bose bestreitet die Vorw\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Im Zuge der Berichterstattung stellte sich unter anderem heraus, dass Bose eine sehr eigenwillige Auffassung vom Beruf des Hochschulprofessors hatte. So soll er mit StudentInnen zu Hause Pornos geschaut, in Unterrichtspausen Verschw\u00f6rungstheorien und rechtes Gedankengut verbreitet und regelm\u00e4\u00dfig sexuelle Abenteuer mit StudentInnen gesucht haben. Auch aus seinem Drogenkonsum machte Bose kein Geheimnis; bei einer Hausdurchsuchung, die im Zuge der Ermittlungen durchgef\u00fchrt wurde, fand die Polizei Crystal Meth und Kokain, sowie gr\u00f6\u00dfere Mengen Medikamente und eine illegale Schreckschusspistole.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/6\/68\/Hans-J%C3%BCrgen_von_Bose.jpg\" alt=\"\" width=\"265\" height=\"198\"\/><figcaption>Hans-J\u00fcrgen von Bose (2005)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Dabei war Bose lediglich \u00fcber die sogenannte \u201eGenie-Klausel\u201c an seine Professur gekommen. Eine ordentliche Stellenausschreibung gab es nicht; \u00fcber einen Musikhochschulabschluss verf\u00fcgt Bose auch nicht. Diese \u00e4u\u00dferst ehrenvolle Berufung zum Professor f\u00fchrte bei ihm aber offenbar nicht zu einem gesteigerten Verantwortungsbewusstsein. Auch die Hochschule sah lange keinen Handlungsbedarf, obwohl man nat\u00fcrlich von den \u201eGer\u00fcchten\u201c wusste. Der SPIEGEL vermutete beispielsweise, dass eine Studentin nicht Boses Kompositionsklasse zugeordnet wurde, weil sie \u201ezerbrechlich\u201c wirkte. Der aktuelle Pr\u00e4sident der Musikhochschule, Bernd Redmann, sagte in der FAZ, er habe damals mitbekommen, wie Bose Verschw\u00f6rungstheorien verbreitete, dies aber nicht ernst genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mehr Informationen empfehlen wir den SPIEGEL-Artikel \u201e<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/sex-skandal-an-der-musikhochschule-muenchen-a-1207253.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sex im Pr\u00e4sidentenb\u00fcro<\/a>\u201c, sowie die aktuelle Berichterstattung zum Prozess in der S\u00fcddeutschen Zeitung (\u201e<a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-professor-musikhochschule-prozess-vergewaltigung-1.5111752-0\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Der n\u00e4chste Musikhochschul-Professor vor Gericht<\/a>\u201c) und der FAZ (\u201e<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/prozess-gegen-den-muenchner-komponisten-hans-juergen-von-bose-17039527.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Eingesperrt und mit Drogen gef\u00fcgig gemacht<\/a>\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen von den abenteuerlichen Fakten, die im Fall Bose ans Tageslicht gekommen sind, f\u00e4llt uns an der Berichterstattung auf: Die Perspektive des mutma\u00dflichen T\u00e4ters wird oftmals ausf\u00fchrlich beleuchtet, w\u00e4hrend den Betroffenen wenig Raum gegeben wird. Selbst beim neutralen Leser entsteht durch \u00dcberschriften wie \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-prozess-vergewaltigung-musikhochschule-1.5114528\" target=\"_blank\">Es war eine Liebesbeziehung<\/a>\u201c (S\u00fcddeutsche Zeitung vom 13.11.2020) oder \u201eMusikprofessor vermutet Komplott\u201c (K\u00f6lner Stadtanzeiger vom 13.11.2020) der Eindruck, alles andere als ein Freispruch k\u00e4me als Urteil nicht in Frage. In den Artikeln wird zwar die Faktenlage korrekt wiedergegeben, aber es kommen auch ausf\u00fchrlich Bose oder sein Anwalt zu Wort. Als Kontrast sei ein anderer Artikel aus der gleichen Ausgabe des K\u00f6lner Stadtanzeigers genannt: Dort lautet die \u00dcberschrift \u201ePolizei findet Drogen und Waffen\u201c, der Artikel l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass der Beschuldigte auch wirklich schuldig ist. Hier geht es allerdings nicht um einen international bekannten Komponisten, sondern \u201enur\u201c um einen kleinen Drogendealer ohne teuren Anwalt und ohne Lobby.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen hier nicht alle Medien und Journalisten in einen Topf werfen, aber unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Der ganz gro\u00dfe Skandal steht oft im Vordergrund. Ebbt die erste Emp\u00f6rung ab, l\u00e4sst auch das Interesse der Medien nach. Das beste Beispiel ist daf\u00fcr der Fall Mauser: Bei der Urteilsbest\u00e4tigung des BGH im Oktober 2019 berichteten viele Medien, sogar die Tagesschau brachte eine Meldung. Mittlerweile muss man schon aufw\u00e4ndig recherchieren, um eine kleine Notiz dar\u00fcber zu finden, ob Mauser seine Haftstrafe nun endlich antritt. Das Gutachten, das seine Haftf\u00e4higkeit untersuchen sollte, m\u00fcsste eigentlich schon l\u00e4ngst vorliegen \u2013 die Frist ist zumindest seit einigen Wochen abgelaufen. Zu welchem Ergebnis das Gutachten kommt, wissen wir leider nicht, da in den Medien dazu nichts zu finden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch uns kontaktieren gelegentlich Journalisten, um uns nach Ergebnissen unserer eigenen Recherche zu fragen. Wir haben sogar schon ein Interview mit dem BR gef\u00fchrt. Dort ging es aber nicht um Sex, Drugs &amp; Rock&#8217;n&#8217;Roll, sondern um ein eher technisches Thema, n\u00e4mlich die praktischen Konsequenzen aus dem <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/holzheid-kommission-legt-abschlussbericht-vor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Holzheid-Bericht<\/a>. Hinter dem Interview stand eine junge ambitionierte Journalistin, die mit ihrer Recherche wirklich etwas bewegen und Missst\u00e4nde in der Musikszene aufdecken wollte. Daf\u00fcr kam sie sogar zu uns nach Weimar und organisierte noch schnell ein Kamerateam des MDR. Doch das Interview wurde leider nie gesendet. Der Sender verlor irgendwann das Interesse an dem Thema. Vielleicht waren unsere Aussagen einfach nicht spektakul\u00e4r genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst vor wenigen Tagen kontaktierte uns eine weitere Journalistin. Auch sie fragte uns nach unseren Recherche-Ergebnissen. Doch es stellte sich schnell heraus, dass es ihr eher um die Aufdeckung von neuen, spektakul\u00e4ren F\u00e4llen, am besten mit gro\u00dfen Namen, am besten aus dem Umfeld in M\u00fcnchen ging. Doch da mussten wir sie leider entt\u00e4uschen: H\u00e4tten wir diese F\u00e4lle, w\u00fcrden wir sie wohl \u00f6ffentlich machen. Es ist nicht so, als h\u00e4tten wir keine Hinweise auf teils schwere Verbrechen, doch k\u00f6nnen wir nichts machen, wenn die Opfer diese nicht \u00f6ffentlich machen wollen. Und letztendlich hatten wir jetzt eigentlich auch genug spektakul\u00e4re F\u00e4lle, um zu zeigen, dass wir in der Musikszene ein ganz grunds\u00e4tzliches Problem mit Machtstrukturen haben. Daran w\u00fcrde auch eine Verurteilung bzw. ein Freispruch von Hans-J\u00fcrgen von Bose nichts \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt w\u00e4re es an der Zeit, die Gerichtsprozesse hinter uns zu lassen, den T\u00e4terInnen und mutma\u00dflichen T\u00e4terInnen nicht noch mehr Raum zu geben und uns darauf zu konzentrieren, die klassische Musikszene endlich zu reformieren und ins 21. Jahrhundert zu \u00fcberf\u00fchren. Dazu m\u00fcssten wir vor allem eins tun: Den Opfern des bisherigen Systems und den Reformwilligen zuh\u00f6ren, denn die haben in der Regel ein ganz gutes Bild davon, was schief l\u00e4uft. Wir brauchen keine juristisch festgestellte Vergewaltigung, um das zu erkennen. An dieser Stelle m\u00f6chten wir noch einmal auf die <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/holzheid-kommission-legt-abschlussbericht-vor\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Holzheid-Kommission<\/a> hinweisen, die sehr vielversprechende Ergebnisse und Verbesserungsvorschl\u00e4ge pr\u00e4sentiert hat. Nur: Umsetzen m\u00fcssen wir MusikerInnen selbst diese Vorschl\u00e4ge. Daran mangelt es unserer Meinung nach noch zu sehr.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura &amp; Daniel<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bildquelle:<br>&#8222;Hans-J\u00fcrgen von Bose (2005)&#8220;: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Hans-J%C3%BCrgen_von_Bose.jpg\">Quelle<\/a>, Autor: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Benutzer:Hasfurth\">Hasfurth<\/a>, Lizenz: <strong><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/en:public_domain\">public domain<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In M\u00fcnchen hat im November der Gerichtsprozess gegen Hans-J\u00fcrgen von Bose, Komponist und ehemaliger Professor der Musikhochschule M\u00fcnchen, begonnen. Kurz zusammengefasst geht es um Folgendes: Bose soll die Schwester eines ehemaligen Studenten bei drei Gelegenheiten vergewaltigt haben. 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