{"id":2886,"date":"2021-09-10T17:46:39","date_gmt":"2021-09-10T15:46:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2886"},"modified":"2021-09-10T17:46:40","modified_gmt":"2021-09-10T15:46:40","slug":"theaterstueck-rape-culture-feiert-premiere-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/theaterstueck-rape-culture-feiert-premiere-in-muenchen\/","title":{"rendered":"Theaterst\u00fcck \u201eRape &#038; Culture\u201c feiert Premiere in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"\n<p>In diesem Beitrag m\u00f6chten wir \u00fcber das <a href=\"https:\/\/hidalgofestival.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hidalgo-Festival<\/a> aus M\u00fcnchen schreiben. Sonst \u00e4u\u00dfern wir uns ja eher negativ \u00fcber die M\u00fcnchner Kulturszene, aber es gibt dort nicht nur faule Eier! Einmal im Jahr veranstaltet das K\u00fcnstlerkollektiv rund um den Regisseur Tom Wilmersd\u00f6rffer und den Journalisten Philipp Nowotny ein Festival mit Konzerten, Theaterst\u00fccken und anderen Performances. In diesem Jahr hat uns ein Theaterst\u00fcck namens \u201eRape &amp; Culture\u201c besonders interessiert. Dieses B\u00fchnenprojekt und seine Hintergr\u00fcnde m\u00f6chten wir Euch hier vorstellen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Theaterst\u00fcck \u201eRape &amp; Culture\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Rahmen des Hidalgo-Festivals inszeniert der Regisseur Tom Wilmersd\u00f6rffer das Theaterst\u00fcck \u201eRape &amp; Culture\u201c, um sich dem Thema Machtmissbrauch in der Klassikszene zu n\u00e4hern. Die Premiere findet am <a href=\"https:\/\/hidalgofestival.de\/produktion\/rape-culture\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Samstag, dem 11. September im M\u00fcnchner Veranstaltungsort Sugar Mountain<\/a> statt. So viel ist schon mal klar \u2013 inhaltlich ist das ganze etwas komplexer: Das St\u00fcck ist eine Collage verschiedener K\u00fcnste, mit Musik, Tanz und modernen Klangeffekten.<\/p>\n\n\n\n<p>Praktisch kann man sich das so vorstellen: Die Sopranistin Ketevan Chuntishvili und die Pianistin Brigitte Helbig spielen Werke aus dem klassischen Liedrepertoire wie beispielsweise das \u201eHeidenr\u00f6slein\u201c von Franz Schubert. Dieses Lied nach einem Text von Johann Wolfgang von Goethe wurde schon \u00f6fter bei Aktionstagen gegen sexuelle Gewalt exemplarisch kritisiert: Obwohl es zum absoluten Standardrepertoire klassischer Liederabende geh\u00f6rt, verharmlost es sexuelle Gewalt gegen Frauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Musik \u00fcberlagernd erklingen die \u201eSoundscapes\u201c der K\u00fcnstlerin Martine-Nicole Rojina. Diese kann man sich ihrer Selbstbeschreibung zufolge als \u201epsychische Klanglandschaften, die sich aus musikalischem Material und Ger\u00e4uschen zusammensetzen\u201c vorstellen. \u201eSie brechen in die Lieder ein und spiegeln die innere Verfassung der S\u00e4ngerin wider.\u201c Dazu werden Ausschnitte aus Interviews abgespielt, in denen Betroffene von sexueller Gewalt von ihren Erfahrungen berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dieser Klangkulisse steht der Tanz im Mittelpunkt: Mit der Choreografie von Francesco Vecchione stellen Sade Mamedova, Alfonso Fern\u00e1ndez S\u00e1nchez, Shih-Ping Lin und Elodie Lavoignat das Geh\u00f6rte t\u00e4nzerisch dar. Sie schl\u00fcpfen abwechselnd in die Rollen der beschriebenen Personen und interpretieren so das Thema des Abends.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ansto\u00df zur einer gesellschaftlichen Debatte?<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf der Homepage des Festivals kann man einige der Interviews, die in die Konzeption des B\u00fchnenwerkes eingeflossen sind, nachlesen. In den Berichten beschreiben Betroffene von sexueller Gewalt verschiedene Arten von Machtmissbrauch. Typische Situationen sind beispielsweise, wenn Regisseur*innen, Professor*innen oder Dirigent*innen ihre Macht missbrauchen, um Menschen zu dem\u00fctigen, finanziell auszubeuten oder sogar sexuell zu bel\u00e4stigen. Die Interviews wurden im Vorfeld gef\u00fchrt und sind f\u00fcr die Auff\u00fchrung anonymisiert worden. <a href=\"https:\/\/hidalgofestival.de\/ich-habe-gespuert-ich-bin-zu-schwach-ich-kann-mich-nicht-wehren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Einer der Beitr\u00e4ge ist beispielsweise von Anna<\/a> (Name ge\u00e4ndert), einer ehemaligen Musikstudentin. Sie erz\u00e4hlt auf ber\u00fchrende Art von Psychoterror, sexueller Bel\u00e4stigung und Vergewaltigungsversuchen. Die verschiedenen Machtmenschen, denen sie das Pech hatte zu begegnen, mussten nie Konsequenzen f\u00fcrchten; zu gro\u00df war ihr gesellschaftliches Ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei aller komplexen k\u00fcnstlerischen Konzeption versucht das Hidalgo-Festival vor allem eines: Den Betroffenen von Machtmissbrauch Geh\u00f6r zu verschaffen. Das k\u00f6nnen wir nur unterst\u00fctzen! Gerade haben wir selbst eine Reihe von #metoo-Erfahrungsberichten gestartet, die wir auf unserem Blog ver\u00f6ffentlichen (beispielsweise die <a href=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/metoo\/eine-saengerin-verstummt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Geschichte von Anke*<\/a> in unserem letzten Beitrag). Wir glauben \u2013 so wie die Menschen hinter dem Hidalgo-Festival \u2013 daran, dass dies n\u00f6tig ist, damit sich die Klassik-Szene endlich mit dem Problem des Machtmissbrauchs besch\u00e4ftigt!<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Wilmersd\u00f6rffer und Nowotny bleibt es nicht bei der Inszenierung auf der B\u00fchne. Sie versuchen auf vielf\u00e4ltige Art, das Thema sexuelle Gewalt in die \u00d6ffentlichkeit zu bringen. Beispielsweise haben sie auf der Homepage des Festivals ein <a href=\"https:\/\/hidalgofestival.de\/es-muessen-sich-viel-mehr-betroffene-beschweren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Interview mit Eva Hubert<\/a> von der Themis-Stifung ver\u00f6ffentlicht. Hubert spricht darin \u00fcber die vermittelnde Arbeit der <a href=\"https:\/\/themis-vertrauensstelle.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vertrauensstelle der Stifung<\/a>. Sie sagt: \u201eIch w\u00fcnsche mir, dass viel mehr Betroffene sich beschweren, wenn sie bel\u00e4stigt werden, dass dies ganz selbstverst\u00e4ndlich ist. Auf der anderen Seite m\u00fcssen die Arbeitgeber besser mit solchen Beschwerden umgehen, sie d\u00fcrfen keine negativen Folgen f\u00fcr die Beschwerdef\u00fchrer haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss an die Premiere des Theaterst\u00fccks \u201eRape &amp; Culture\u201c wird es eine Podiumsdiskussion geben. Dort, so hofft der Veranstalter, sollen noch einmal viele Menschen zusammenkommen, die unterschiedliche Blickwinkel auf die Thematik mitbringen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Problematische Schirmherrschaft?<\/h3>\n\n\n\n<p>Bei unserer Recherche zum Festival gab es f\u00fcr uns einen kleinen Wermutstropfen: Der Schirmherr des Hidalgo-Festivals ist der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Gerhaher\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">S\u00e4nger Christian Gerhaher<\/a>. Von dieser Personalie k\u00f6nnten sich Betroffene von sexueller Gewalt vor den Kopf gesto\u00dfen f\u00fchlen, denn er ist einer der Autoren der Festschrift zu Siegfried Mausers 65. Geburtstag. Zur Erinnerung: Siegfried Mauser ist der ehemalige Pr\u00e4sident der M\u00fcnchner Musikhochschule. Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er Frauen, die sich unter anderem auf eine Stelle an der Hochschule beworben hatten, sexuell gen\u00f6tigt hat. Die Festschrift zu seinen Ehren erschien, als Mauser bereits in mehreren Instanzen gerichtlich verurteilt war. Im Vorwort werden Mausers Taten indirekt verharmlost.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben beim Hidalgo-Festival nachgefragt, ob sie sich mit ihrem Schirmherrn und seiner Haltung zu Siegfried Mauser kritisch auseinander gesetzt haben. Darauf bekamen wir eine sehr differenzierte Antwort, in der sich Tom Wilmersd\u00f6rffer und Philipp Nowotny klar von Siegfried Mauser und der Festschrift distanzieren. Wir m\u00f6chten nat\u00fcrlich nicht das Theaterst\u00fcck spoilern, aber so viel sei verraten: Die Festschrift und ihre Autoren werden auf der B\u00fchne explizit kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir begr\u00fc\u00dfen es ausdr\u00fccklich, dass die K\u00fcnstler*innen des Hidalgo-Festivals so frei in ihrer Meinungs\u00e4u\u00dferung sind. Christian Gerhaher ist ein sehr einflussreicher S\u00e4nger, der mit seinen vielen Beziehungen sicher ein gro\u00dfer Gewinn f\u00fcr das noch junge Festival ist. Wie seine pers\u00f6nliche Meinung zur #metoo-Bewegung und zum Fall Mauser ist, wissen wir nicht \u2013 doch in jedem Fall scheinen die K\u00fcnstler*innen des von ihm protegierten Festivals v\u00f6llig frei zu sein, Kritik zu \u00fcben woran sie m\u00f6chten. Das ist Kunstfreiheit!<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wann k\u00f6nnen wir endlich wieder einfach Kunst machen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese Verbindung zwischen dem Festival und seinem Schirmherrn weist aber auf ein tiefgehendes Problem hin: Es ist schwierig, in der M\u00fcnchner Klassik-Szene jemanden zu finden, der <em>nicht<\/em> mit Siegfried Mauser bekannt ist. Kann man alle ausschlie\u00dfen, die ihm einmal freundlich die Hand gesch\u00fcttelt haben? Oder besser nur diejenigen, die mit ihm ein Konzert gespielt haben? Sicher nicht. Doch wir brauchen eine echte Diskussion, in der Straftaten klar benannt werden. Irgendwann muss jede*r von uns einmal Stellung beziehen zu Macht und Missbrauch. Die Klassik-Szene muss sich klar und \u00f6ffentlich an die Seite der Betroffenen von Gewalt stellen und sich von den T\u00e4ter*innen und ihren Unterst\u00fctzer*innen distanzieren. Erst dann k\u00f6nnen wir den Schaden reparieren, den T\u00e4ter*innen wie Siegfried Mauser angerichtet haben. Das Hidalgo-Festival kann hoffentlich langfristig dazu beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber damit die Musikszene irgendwann wieder zur Ruhe kommt, m\u00fcsste unserer Meinung nach vor allem eines passieren: Siegfried Mauser muss sich endlich seiner Verantwortung stellen und seine Haftstrafe antreten. Sein Jammern, es m\u00fcsse \u201e<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/plus204268090\/MeToo-Urteil-Siegfried-Mauser.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">doch auch mal ein Ende haben mit dem Prozessieren und dem Bestraftwerden<\/a>\u201c ist so lange absurd, wie er selbst immer wieder Prozesse anstrengt und <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/muenchen-mauser-musikhochschule-gefaengnis-1.5321266\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">sich der Haft entzieht<\/a>. F\u00fcr Rehabilitation sind echte Reue und das Akzeptieren der angemessenen Strafe n\u00f6tig, von Wiedergutmachung ganz zu schweigen. Ob die Frauen, denen er Gewalt angetan hat, ihm verzeihen m\u00f6chten, steht nat\u00fcrlich auf einem ganz anderen Blatt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Laura &amp; Daniel<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Beitrag m\u00f6chten wir \u00fcber das Hidalgo-Festival aus M\u00fcnchen schreiben. Sonst \u00e4u\u00dfern wir uns ja eher negativ \u00fcber die M\u00fcnchner Kulturszene, aber es gibt dort nicht nur faule Eier! Einmal im Jahr veranstaltet das K\u00fcnstlerkollektiv rund um den Regisseur Tom Wilmersd\u00f6rffer und den Journalisten Philipp Nowotny ein Festival mit<span class=\"excerpt-hellip\"> [\u2026]<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":1284,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[417],"tags":[212,484,90,487,204,200,485,486],"class_list":["post-2886","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-metoo","tag-metoo","tag-christian-gerhaher","tag-muenchen","tag-philipp-nowotny","tag-sexueller-missbrauch","tag-siegfried-mauser","tag-themis","tag-tom-wilmersdoerffer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2886"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2887,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2886\/revisions\/2887"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1284"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2886"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2886"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2886"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}