{"id":2954,"date":"2024-05-06T16:37:28","date_gmt":"2024-05-06T14:37:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2954"},"modified":"2024-05-06T16:37:28","modified_gmt":"2024-05-06T14:37:28","slug":"aushilfshonorare-unterhalb-der-unter-untergrenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/vermischtes\/aus-daniels-leben\/aushilfshonorare-unterhalb-der-unter-untergrenze\/","title":{"rendered":"Aushilfshonorare unterhalb der Unter-Untergrenze"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Im Januar 2024 hat die Orchestergewerkschaft unisono (fr\u00fcher DOV) ihre lang ersehnte Aushilfenampel ver\u00f6ffentlicht. An dieser soll man ablesen k\u00f6nnen, welche Orchester angemessene Honorare f\u00fcr freie Musiker*innen \u2013 sogenannte Aushilfen \u2013 zahlen. Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd \u2013 die Reaktion der Orchester auch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe viele Jahre als freier Harfenist in verschiedenen Orchesterkonzerten und Opernauff\u00fchrungen mitgewirkt. Angefangen habe ich als Student \u2013 in einer Zeit, in der man von 600 \u20ac im Monat in Weimar noch gut leben konnte. Da kamen mir die 500 \u20ac, die ich in einer Woche bei den Th\u00fcringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt verdiente, enorm viel vor. 60 \u20ac gab es f\u00fcr eine Probe, 90 \u20ac f\u00fcr ein Konzert. Nun gut, bei den Fahrtkosten gab es immer Theater, zum Beispiel habe ich mich schon damals gefragt, warum das Orchester eigentlich selbstverst\u00e4ndlich davon ausgeht, dass ich eine Bahncard 50 besitze. Aber egal \u2013 als Student war das ein wahrer Geldsegen!<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist jetzt \u00fcber zehn Jahre her und mittlerweile haben sich die Zeiten ge\u00e4ndert \u2013 nur in Rudolstadt scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Denn laut <a href=\"https:\/\/uni-sono.org\/aushilfenampel\/\">Aushilfenampel der Orchestergewerkschaft unisono<\/a> zahlen die Th\u00fcringer Symphoniker (Stand April 2024) immer noch 60 \u20ac f\u00fcr eine Probe und 90 \u20ac f\u00fcr ein Konzert. Berechnet man die Inflation mit ein, ergibt das ein Minus von \u00fcber 20 % \u2013 und ich gehe davon aus, dass die S\u00e4tze nicht erst seit meinem ersten Engagement dort auf diesem Niveau verharren. Als ich das gesehen habe, ist mir die Spucke weggeblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Rudolstadt ist in guter Gesellschaft: Gerade einmal elf Orchester in Deutschland erreichen eine gr\u00fcne Wertung in der Aushilfenampel, was bedeutet, dass die Gagen den aktuellen unisono-Empfehlungen entsprechen. 62 Orchester erhalten eine gelbe Wertung; sie liegen zwischen 10 % und 30 % unter diesen Empfehlung. Wer mehr als 30 % darunter liegt, erh\u00e4lt eine rote Wertung \u2013 dies trifft auf 51 Orchester zu. F\u00fcr weitere zw\u00f6lf Orchester liegen keine Werte vor. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Nicht einmal jedes zehnte Orchester im \u201eOrchesterland Deutschland\u201c zahlt angemessene Honorare f\u00fcr Orchesteraushilfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sprechen wir doch mal \u00fcber die unisono-Empfehlungen. Besucht man die unisono-Homepage, erscheinen zun\u00e4chst die Mindesthonorare f\u00fcr freie Musikprojekte. Die liegen momentan bei 135 \u20ac f\u00fcr eine Probe und 265 \u20ac f\u00fcr Konzerte bzw. als Tagessatz. Perspektivisch sollen die Honorare auf 675 \u20ac Tagessatz steigen (also zweieinhalb Mal so viel!), <a href=\"https:\/\/miz.org\/de\/nachrichten\/deutscher-musikrat-legt-empfehlungen-fuer-honoraruntergrenzen-bei-oeffentlicher-foerderung-vor\">so wie es der Deutsche Musikrat empfiehlt<\/a>. Wer jetzt Dollar-Zeichen in den Augen bekommt, sollte allerdings etwas weiter herunterscrollen. Denn dort stehen die Empfehlungen f\u00fcr (Berufs-)Orchester und Rundfunkch\u00f6re. Und die sehen pl\u00f6tzlich ganz anders aus: F\u00fcr eine Probe soll man je nach Orchester zwischen 110 \u20ac und 160 \u20ac bekommen, f\u00fcr eine Auff\u00fchrung 165 \u20ac bis 240 \u20ac. Man bekommt also selbst im besten Fall bei einem Profiorchester f\u00fcr eine Auff\u00fchrung weniger als bei einem freien Projekt. Eine perspektivische Erh\u00f6hung wird hier nicht erw\u00e4hnt, es wird lediglich auf die Anpassungen des Tarifvertrags verwiesen. Aber selbst wenn die Honorare in Zukunft mit den Tariferh\u00f6hungen steigen werden: Ein Plus von 250 %, das bei freien Projekten ja bis 2025 irgendwie vom Himmel fallen soll, wird so eher nicht erreicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mich ehrlich gesagt in meiner aktiven Zeit als Orchesteraushilfe wenig um diese Honorarempfehlungen gek\u00fcmmert. Das hatte mehrere Gr\u00fcnde: Erstens sind es eben nur Empfehlungen, die auf Freiwilligkeit der Orchester beruhen. Wie weit her es mit dieser Freiwilligkeit ist, zeigt ja sehr sch\u00f6n die Aushilfenampel. Zweitens hat es aus meiner Sicht als Aushilfe gar keinen Sinn gehabt, mit diesen Empfehlungen an die Orchester heranzutreten. Denn dort bekommt man immer die gleiche Antwort: Wir haben kein Geld, um h\u00f6here Honorare zu zahlen. Und drittens fand ich die unisono-Empfehlungen immer sehr verwirrend. Es konnte mir zum Beispiel noch niemand erkl\u00e4ren, warum es f\u00fcr Berufsorchester und freie Projekte unterschiedliche Empfehlungen gibt. Wenn \u00fcberhaupt k\u00f6nnte ich verstehen, wenn es bei Berufsorchestern mehr Geld gibt (Prestige und so). Aber warum eigentlich gilt der vom Deutschen Musikrat ausgegebene Tagessatz von 675 \u20ac nicht f\u00fcr Berufsorchester? Und wenn unisono sagt, die Honorare f\u00fcr freie Projekte seien die absolute Untergrenze, was sind dann die niedrigeren S\u00e4tze f\u00fcr Berufsorchester? Die Unter-Untergrenze?<\/p>\n\n\n\n<p>Noch besch\u00e4mender als die nackten Zahlen finde ich aber die Reaktion der Orchester. <a href=\"https:\/\/van-magazin.de\/mag\/aushilfen-honorare\/\">Die Musikjournalistin Hannah Schmidt hat im VAN-Magazin \u00fcber die Aushilfenampel berichtet und exemplarisch die Berliner Orchester dazu befragt<\/a>. In Berlin ist die Lage besonders dramatisch: Von den gelisteten Orchestern erreicht aktuell (April 2024) keines eine gr\u00fcne Wertung, obwohl dort so klangvolle Namen wie die Berliner Philharmoniker (Gelb) oder die Komische Oper (Rot) vertreten sind. Im Zuge ihrer Recherche hat sie die Orchester um eine Stellungnahme gebeten. Die Orchester haben sich nat\u00fcrlich wieder herausgeredet: Die meisten Aushilfen seien ja sowieso bei anderen Orchestern angestellt, da sei es nicht so wichtig, wie viel sie als Aushilfe verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen davon, dass es nie gut ist, Menschen schlecht zu bezahlen, \u00e4rgert mich das aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens weisen die Orchester die Verantwortung f\u00fcr ihre (tempor\u00e4ren) Mitarbeiter*innen pauschal von sich, obwohl dies ja gar nicht auf alle Aushilfen zutrifft. Aber der zweite Grund ist f\u00fcr mich viel gravierender: Unabh\u00e4ngig davon, wie knapp mein Geld bemessen ist, kann ich in keiner anderen Branche der Welt Waren oder Dienstleistungen kaufen, wenn ich sie mir nicht leisten kann. Das funktioniert nur in einer kaputten Branche, in der sich manche auf Kosten anderer bereichern. Die Orchester tun aber genau das: Sie wollen eine Dienstleistung haben, f\u00fcr die ihnen eigentlich das Geld fehlt. Dann verkaufen sie ein Hochglanzprodukt (n\u00e4mlich ein Konzert, in dem alle Musiker*innen fein im Frack herausgeputzt auf der B\u00fchne stehen), und erw\u00e4hnen mit keinem Wort, dass viele der Musiker*innen von ihrem Honorar kaum ihre Miete bezahlen k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Orchester kein Problem mit einer kaputten Musikbranche haben, finde ich schon lange mehr als seltsam und aus \u00f6konomischer Sicht kurzsichtig. Aber ich finde es auch moralisch schwierig, denn dem Publikum f\u00e4llt in der Regel nicht auf, wie viele Aushilfen auf der B\u00fchne sitzen. Es gibt also f\u00fcr sie kaum eine M\u00f6glichkeit, die Qualit\u00e4t des Produktes, das sie gekauft haben, und die Arbeitsbedingungen, unter denen es entstanden ist, zu \u00fcberpr\u00fcfen. Ich w\u00fcrde diesen Leuten gerne empfehlen, mal einen Blick in die Aushilfenampel zu werfen und beim n\u00e4chsten Konzertbesuch darauf zu achten, nur solche Orchester anzuh\u00f6ren, die eine gr\u00fcne Wertung erhalten haben. Ein kleiner Haken dabei: Dann k\u00f6nnen die Musikfreund*innen aus Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Baden-W\u00fcrttemberg und Th\u00fcringen eben in n\u00e4chster Zeit nicht in den Genuss eines fairen klassischen Live-Konzerts kommen. In diesen Bundesl\u00e4ndern gibt es leider kein einziges Orchester, dass seine Aushilfen anst\u00e4ndig bezahlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im VAN-Artikel wurde auch gefragt, was die Orchester br\u00e4uchten, um die unisono-S\u00e4tze zu bezahlen. Hier wird das ganze f\u00fcr mich zum Skandal: Auf diese Frage hat n\u00e4mlich kein Berliner Orchester geantwortet. Es w\u00e4re f\u00fcr die Orchester ein leichtes gewesen, hier auf die Politik, die Geldgeber*innen und die Gewerkschaften zu schimpfen. Ich kann das Schweigen nur so verstehen, dass es von Seiten der Orchester keinerlei Interesse gibt, auf absehbare Zeit etwas an den Honoraren zu \u00e4ndern. Und warum auch? Anders als beispielsweise beim Mindestlohn sind die unisono-S\u00e4tze reine Empfehlungen. Eine Nichteinhaltung hat keine Konsequenzen, der Markt ist mit freien Musiker*innen \u00fcbers\u00e4ttigt. Schon alleine die Studierenden der Musikhochschulen werden immer bereit sein, sich im Studium was dazuzuverdienen. So war es f\u00fcr mich damals ja auch. Wer nicht zu diesen Honoraren spielen will, kann sich eigentlich nur aus der Branche zur\u00fcckziehen. Dann w\u00fcrde irgendwann der Aushilfenmarkt zusammenbrechen und die Orchester w\u00e4ren endlich gezwungen, sich ernsthaft mit der Situation auseinanderzusetzen. Eine \u00c4nderung auf anderem Wege ist meiner Meinung nach jedenfalls nicht in Sicht \u2013 nicht, solange fast alle deutschen Orchester kein Problem damit haben, Aushilfshonorare unterhalb der Unter-Untergrenze zu zahlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Januar 2024 hat die Orchestergewerkschaft unisono (fr\u00fcher DOV) ihre lang ersehnte Aushilfenampel ver\u00f6ffentlicht. An dieser soll man ablesen k\u00f6nnen, welche Orchester angemessene Honorare f\u00fcr freie Musiker*innen \u2013 sogenannte Aushilfen \u2013 zahlen. Das Ergebnis ist ern\u00fcchternd \u2013 die Reaktion der Orchester auch. 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