{"id":2966,"date":"2024-05-21T18:03:22","date_gmt":"2024-05-21T16:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/?p=2966"},"modified":"2024-05-21T18:33:00","modified_gmt":"2024-05-21T16:33:00","slug":"was-gewinnt-die-gesellschaft-wenn-sie-muetter-in-ihrer-mitte-arbeiten-laesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/musik-und-gesellschaft\/neues-vom-arbeitsmarkt\/was-gewinnt-die-gesellschaft-wenn-sie-muetter-in-ihrer-mitte-arbeiten-laesst\/","title":{"rendered":"Was gewinnt die Gesellschaft, wenn sie M\u00fctter in ihrer Mitte arbeiten l\u00e4sst?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Laura hat die S\u00e4ngerin <\/strong><a href=\"https:\/\/www.annikamendrala.com\/\">Annika Sophie Mendrala<\/a><strong> zu Fragen von Mutterschaft und Musik interviewt. Annika ist Gr\u00fcnderin des \u201eB\u00fchnenm\u00fctter e.V.\u201c, einem Verein, der sich f\u00fcr familienfreundliche Strukturen an Theatern einsetzt.<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2967\" style=\"width:387px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-600x400.jpg 600w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-2048x1365.jpg 2048w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-113x75.jpg 113w, https:\/\/www.dasharfenduo.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/05\/Annika-Mendrala-Foto-Lena-Kern-700x467.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width:767px) 700px, (max-width:1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Annika Mendrala, Foto: Lena Kern<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p><em>Hallo Annika, was machst Du beruflich?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin klassisch ausgebildete Sopranistin. Ich arbeite haupts\u00e4chlich als freiberufliche Konzerts\u00e4ngerin und Gesangsp\u00e4dagogin. Ich bin Stimmbildnerin f\u00fcr einen gro\u00dfen Kirchenchor und leite mit dem Kantor Christopher Bender zusammen das Ensemble Vokalwerk Hamburg. Vor etwa zwei Jahren habe ich zusammen mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verena_Usemann\">Verena Usemann<\/a> die <a href=\"https:\/\/www.buehnenmuetter.com\/\">\u201eB\u00fchnenm\u00fctter\u201c<\/a>, gegr\u00fcndet.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Was wollen die \u201eB\u00fchnenm\u00fctter\u201c? Wof\u00fcr gibt es den Verein?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen Frauen stark machen, oder \u2013 wie man neudeutsch sagt \u2013 empowern. Wir wollen ihnen klarmachen, dass sie nicht schuld sind, sondern dass es ein System und eine Struktur dahinter gibt, die es ihnen sehr erschweren, einfach normal weiterzuarbeiten. Wir wollen diese Frauen vernetzen \u2013 denn das sind meistens irre coole K\u00fcnstlerinnen! Und es sind so sch\u00f6ne Erlebnisse, diese Frauen zusammenzubringen. Das machen wir unter anderem mit digitalen Konferenzen einmal im Monat. Da kann man ganz einfach mitmachen, indem man sich bei unserem Newsletter anmeldet. Dar\u00fcber hinaus wollen wir diese Frauen auch f\u00fcr k\u00fcnstlerische Projekte vernetzen. Wir wollen die Perspektive der Mutterschaft auf der B\u00fchne verhandelt wissen! Wir wollen nicht, dass diese Frauen den Beruf aufgeben oder nicht mehr so berufst\u00e4tig sind, wie sie vorher waren, und dann kommen diese Themen einfach nie auf die B\u00fchne. Au\u00dferdem wollen wir auch f\u00fcr M\u00fctter auf politischer Ebene Lobbyarbeit machen. Wir haben auch schon mit ersten Politikern und mit F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten in den Theatern selber Gespr\u00e4che begonnen und wir sind auf einem sehr guten Weg. Es wurde Anfang 2024 ein Ma\u00dfnahmenkatalog f\u00fcr eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in institutionalisierten Theatern entwickelt, dessen Entwicklung vom <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/bundesregierung\/bundesministerien\/bundesministerium-fuer-familie-senioren-frauen-und-jugend\">BMFSFJ<\/a> gef\u00f6rdert wurde. Mit diesem Ma\u00dfnahmenkatalog wollen wir mit den Theatern gemeinsam an familienfreundlicheren Strukturen arbeiten. Das ist unser gro\u00dfer Traum, der schon ganz lange in uns schlummert: Dass wir mit den Theatern zusammen arbeiten und ihnen beratend mit Analysen, Workshops und Pilotprojekten Wege aufzeigen, die Familienfreundlichkeit mitdenken und strukturell verankern.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wer kann bei Euch Mitglied werden?<\/em><br><br>Unser Verein nimmt Personen jeder Geschlechtsidentifikation und aus allen Sparten auf. B\u00fchnenk\u00fcnstler*innen auf und hinter der B\u00fchne, wie z. B.: S\u00e4nger*innen, Dramaturg*innen, Dirigent*innen, Maskenbildner*innen, Regisseur*innen etc. Und wir freuen uns auch \u00fcber Menschen, die inzwischen in anderen Berufen arbeiten, aber urspr\u00fcnglich, vor der Familiengr\u00fcndung, B\u00fchnenk\u00fcnstler*innen waren. Und nat\u00fcrlich besonders gerne freie, selbstst\u00e4ndig arbeitende K\u00fcnstler*innen wie freie Musiker*innen, freie S\u00e4nger*innen, freie Kost\u00fcmbildner*innen. Wir haben anfangs gesagt, wir wollen eigentlich keine Leute aufnehmen, die in einem Theater fest angestellt sind, weil sie so viel mehr Rechte und Sicherheit haben. Aber selbst die haben zu uns gesagt: \u201eBei uns gibt es auch Themen, bei denen wir Hilfe brauchen!\u201c Also nehmen wir in unserem Verein wirklich alle \u2013 \u00fcbrigens auch M\u00e4nner, wenn die sich in der Pflege ihrer Kinder verantwortlich f\u00fchlen, oder wenn sie mit uns an diesen Themen arbeiten wollen. Sogar Firmen k\u00f6nnen bei uns sogenannte F\u00f6rdermitglieder werden.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und findet die einzelne Frau auch Unterst\u00fctzung bei konkreten Anliegen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dazu gibt es f\u00fcr unsere Mitglieder eine kostenlose Erstberatung zu Rechtsfragen, also zum Beispiel zu den Themen Mutterschutz, Wiedereingliederung, Elterngeld et cetera. Dann haben wir ein Programm, das hei\u00dft <em>MENTORING<\/em>. Dort helfen erfahrene Frauen j\u00fcngeren M\u00fcttern oder Frauen, die sich Kinder w\u00fcnschen. Bei uns melden sich ganz viele Frauen, die sich Kinder w\u00fcnschen, aber nicht wissen, wie sie es machen sollen, was total cool ist: Diese Frauen sind noch gar nicht in der Situation, sie haben also noch die volle Kraft und Flexibilit\u00e4t. Man kann ihnen einfach einen ganz anderen Start in diese Mutterschaft als K\u00fcnstlerin verschaffen. Und das f\u00fchrt mich zum letzten Projekt von uns, das hei\u00dft <em>NEXT GENERATION<\/em>. Das sind Workshops, die wir an Hochschulen geben und die den Studentinnen aufzeigen k\u00f6nnen, wo die Probleme liegen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Unsere fr\u00fcheren Beitr\u00e4ge:<\/h4>\n\n\n<p><iframe style=\"width: 100%; max-width: 1200px; overflow: hidden; border-radius: 10px;\" src=\"https:\/\/embed.podcasts.apple.com\/de\/podcast\/haben-sie-mal-schnell-ein-diverses-publikum-f%C3%BCr-mich\/id1653116132?i=1000635145595\" height=\"175\" frameborder=\"0\" sandbox=\"allow-forms allow-popups allow-same-origin allow-scripts allow-storage-access-by-user-activation allow-top-navigation-by-user-activation\"><\/iframe><\/p>\n\n\n<p><em>Daniel hat mal ein <a href=\"https:\/\/letscast.fm\/sites\/pro-musik-magazin-f534d4cb\/episode\/haben-sie-mal-schnell-ein-diverses-publikum-fuer-mich-interview-mit-jerome-lenzen-kulturmanagement\">Interview mit J\u00e9r\u00f4me Lenzen<\/a> gef\u00fchrt. Das ist ein Kulturmanager aus K\u00f6ln, der sich auch mit der Vereinbarkeit von Familie und Musikleben besch\u00e4ftigt. Zum Beispiel hat er versucht, Kinderbetreuung innerhalb eines Projekts f\u00f6rdern zu lassen, und dann hie\u00df es: \u201eFamilienplanung oder Kinderbetreuung ist Privatsache und ist nicht f\u00f6rderf\u00e4hig.\u201c Und das w\u00fcrde sich dann ja tats\u00e4chlich \u00e4ndern, wenn ihr euren Ma\u00dfnahmenkatalog etablieren k\u00f6nntet, oder?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Absolut! Es muss F\u00f6rderstrukturen geben, die sich speziell diesem Thema widmen, und es muss von der Politik gef\u00f6rdert werden, dass diese Betriebe sich familienfreundlich aufstellen. Es wird ja auch Nachhaltigkeit gef\u00f6rdert. Das ist gerade in aller Munde, und wir sagen: Familienfreundlichkeit ist eine soziale Nachhaltigkeit. Man k\u00fcmmert sich um die n\u00e4chste Generation, und man k\u00fcmmert sich um die jetzige Generation, die man einfach zur H\u00e4lfte diskriminiert und langfristig aus dem Beruf ausschlie\u00dft. Das sind schlie\u00dflich sehr gut qualifizierte, extrem teuer ausgebildete Akademikerinnen!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vor welchen konkreten Schwierigkeiten steht zum Beispiel eine S\u00e4ngerin an einem Theater, die sich eine Familie w\u00fcnscht?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine S\u00e4ngerin, die am Theater arbeitet, ist ja im Normalfall auf der B\u00fchne zu erleben und hat dann bestimmte Proben zu absolvieren. Das f\u00fchrt schon zum ersten Problem: Die Proben finden sehr oft abends statt, also zu der Zeit, wo man normalerweise Kinder ins Bett bringt. Es ist an Theatern au\u00dferdem \u00fcblich, dass die Probentermine Tag f\u00fcr Tag ausgegeben werden. Das hei\u00dft: Man hat erst um 14 Uhr des Vortages eine Ahnung, wie und wann die Proben am n\u00e4chsten Tag stattfinden werden. Wenn man Gro\u00dfeltern oder einen sehr verl\u00e4sslichen und flexiblen Babysitter in der N\u00e4he hat, ist das vielleicht noch nicht so ein Problem. Heutzutage gibt es aber auch viele Babysitter, die sagen, \u201eich mach das nicht so spontan, ich m\u00f6chte das gerne zwei bis drei Tage vorher wissen.\u201c Sobald man zwei oder mehr Kinder hat, wird es dann noch wesentlich komplizierter. Wenn diese Kinder auch noch Hobbys haben, wird es ganz, ganz schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wie gehen die Leute am Arbeitsplatz mit einem um?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Viele Frauen erleben, dass sie weniger ernst genommen werden, wenn sie M\u00fctter sind, oder dass sie andere Aufgaben zugeteilt bekommen, die nicht denen entsprechen, die sie vorher gemacht haben. Das erleben auch Frauen in anderen Branchen, dass sie nach einer Geburt nicht mehr so einfach in ihren Job zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen \u2013 weil sie entweder weniger arbeiten oder weil ihnen die Karrierem\u00f6glichkeiten einfach nicht mehr so offen stehen wie vorher. Bei S\u00e4ngerinnen f\u00fchrt das tats\u00e4chlich dazu, dass sehr viele von ihnen verschweigen, dass sie Mutter sind, damit sie keinen Imagewandel erfahren. Es ist ganz klar so, dass es am Theater bestimmte idealtypische Frauenbilder gibt, zum Beispiel die sexy <em>femme fatal.<\/em> Viele Menschen k\u00f6nnen das irgendwie nicht mit Mutterschaft \u00fcberein bringen und sagen dann \u201edie kann das jetzt nicht mehr spielen\u201c \u2013 was nat\u00fcrlich absurd ist, denn man spielt ja auch eine M\u00f6rderin, obwohl man noch nie jemand umgebracht hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Mit dem Verein \u201eB\u00fchnenm\u00fctter\u201c habt Ihr 2022 eine Umfrage durchgef\u00fchrt. Die Ergebnisse haben mich schockiert: 43 % der befragten Frauen haben angegeben, dass sie ihre Schwangerschaft oder Mutterschaft am Arbeitsplatz geheim gehalten haben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das ist wahr. Ich habe selber jahrelang verschwiegen, dass ich Mutter bin. Ich habe das komplett unreflektiert getan. Mir war einfach klar: Wenn ich neu in die Produktion dazukomme und neue Dirigenten oder Regisseure kennenlerne \u2013 das waren damals immer M\u00e4nner \u2013, dann kommt das gar nicht gut, wenn ich sage, dass ich Kinder habe oder mit meinem Mann in einem Haus lebe. Das war alles viel zu spie\u00dfig und viel zu vergeben und viel zu \u201egesettlet\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das hei\u00dft, die Bef\u00fcrchtung, dann als Mutter am Arbeitsplatz benachteiligt zu werden oder in der Karriere behindert zu werden, ist leider sehr real, oder?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich w\u00fcrde das so sehen. Jede vierte Frau in unserer Umfrage sagte, ihr wurde ein Vertrag entweder gek\u00fcndigt oder sie wurde von einer Produktion ausgeschlossen. Ich kenne auch eine Frau, der wurde nach der Ank\u00fcndigung ihrer Schwangerschaft gesagt, dass die CD-Produktion abgesagt wurde. Der Dirigent hatte Angst, dass sie nicht mehr ihre Leistung bringen k\u00f6nnte. Wenn einem das einmal passiert, dann sagt man es beim zweiten Kind nat\u00fcrlich nicht mehr. Wenn man es bei einer Kollegin mitbekommt, dann sagt man es auch beim ersten Kind schon nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Umfrage hat der Initiative, die Eurer Vereinsgr\u00fcndung vorausging, schnell eine gro\u00dfe \u00d6ffentlichkeit verschafft. Hattet Ihr die Ergebnisse so erwartet?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Man merkte schon, dass die Fragen, die wir f\u00fcr die Studie ausgew\u00e4hlt hatten, wirklich die Fragen waren, die f\u00fcr die Frauen relevant waren. Wir haben abgefragt ob es Diskriminierung gab, wie die finanzielle Situation ist, wie die allt\u00e4gliche Situation ist, wie die berufliche Situation ist, ob ein Wiedereinstieg m\u00f6glich war, welche Schwierigkeiten sie erlebt haben und auch, welche positiven Dinge sie erlebt haben. Und da ist heraus gekommen, dass es eine gro\u00dfe Scham gibt, \u00f6ffentlich \u00fcber die eigenen Schwierigkeiten zu sprechen. Denn wenn man aus der Hochschule kommt, ist das Narrativ: Wenn du gut bist, genug \u00fcbst und dich voll reinh\u00e4ngst, bist du erfolgreich. Die Frauen sind in ihrer Hochschulzeit sehr erfolgreich, sind super flei\u00dfig und haben gute Abschlussnoten. Dann gehen sie ein paar Jahre in den Beruf, bekommen ein Kind, und auf einmal wird es kompliziert. Die meisten Frauen beziehen das auf sich selbst und ihre Leistung, darauf, dass sie es nicht genug wollen oder dass sie nicht gut genug organisiert sind \u2013 dass es einfach an ihnen liegt. Das war f\u00fcr uns die Hauptarbeit im ersten Jahr, Frauen klarzumachen: Das ist etwas, was uns allen passiert. Hier ist irgendwas systematisch falsch. Und das hat die Studie untermauert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf Eurer Vereinsseite kann man auch einen Podcast finden, <a href=\"https:\/\/www.buehnenmuetter.com\/podcast\">\u201eMama macht Theater\u201c<\/a>. Den finde ich sehr h\u00f6renswert. Darin sprechen die S\u00e4ngerinnen Elisabeth K\u00f6stner und Lisa Habermann \u00fcber ihre ganz pers\u00f6nlichen Erfahrungen als Theatermenschen mit Familie. Und darin wird auch eine Geschichte erz\u00e4hlt, dass es tats\u00e4chlich \u00fcblich zu sein scheint, dass Frauen einen Kredit aufnehmen, um Babysitter zu finanzieren, damit sie arbeiten gehen k\u00f6nnen. Das ist jetzt so ziemlich das Gegenteil von sozialer Nachhaltigkeit, oder?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist sogar ganz schrecklich! Ich habe mal w\u00e4hrend einer Produktion in einer Pause mit einigen Schauspielerinnen gesprochen und ihnen von meinem Verein erz\u00e4hlt. Eine von ihnen meinte \u201eWas du da erz\u00e4hlst, war mir jetzt gar nicht so bewusst. Aber ja, wenn du es so sagst: Ich bin alleinerziehend, und ich muss jedes mal einen Babysitter bezahlen, wenn ich zur Abendprobe gehe. Jetzt muss ich einen Kredit aufnehmen, weil ich das Geld einfach nicht mehr habe.\u201c Und dann guckt ihre Kollegin, mit der sie seit Jahren in demselben Ensemble ist, sie an und sagt: \u201eGott, du auch?! Ich musste jetzt auch deswegen einen Kredit aufnehmen.\u201c Ich kriege immer noch eine G\u00e4nsehaut, wenn ich diese Geschichte erz\u00e4hle. Es zeigt eine extreme Ungerechtigkeit. Frauen m\u00fcssen dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch kommen und sich vernetzen, um st\u00e4rker zu sein. Dass diese beiden Kolleginnen nie dar\u00fcber gesprochen haben, finde ich ganz furchtbar, obwohl ich ihnen daf\u00fcr auch Verst\u00e4ndnis entgegenbringe. Diese Geschichte zeigt, dass M\u00fctter ihren Job so sehr lieben und sich so sehr mit dieser Profession identifizieren, dass es f\u00fcr sie existenziell wichtig ist, ihren Beruf auszu\u00fcben. Wir reden von Frauen, die ihren Beruf als Berufung empfinden. Es sind Frauen, die brennen f\u00fcr ihren Job, und das tue ich auch bis zum heutigen Tag. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe sie \u00fcber alles. Jedes mal, wenn ich im Theater bin und auf der B\u00fchne stehe, f\u00fchle ich mich, als ob mein Aggregatzustand wirklich wieder der richtige ist. Ja, ich bin dann wie ein Fisch im Wasser, und ich liebe es, es ist aber leider auch so kompliziert und so schwierig.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ist es ein gro\u00dfes Problem, als S\u00e4ngerin eine Weile zu pausieren und dann wieder in den Beruf einzusteigen?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst habe jetzt so viele Jahre eine l\u00fcckenhafte Biografie, dass die meisten Theater sagen: \u201eAuf gar keinen Fall!\u201c Das ist etwas, was ich nicht allein erlebe. Du hast gerade von zwei Kolleginnen gesprochen, die Musical machen, Elisabeth K\u00f6stner und Lisa Habermann. Musicals sind sehr extrem, was das angeht. Man muss einen l\u00fcckenlosen Lebenslauf haben. Wenn man ein halbes Jahr kein Engagement hatte, wird man gefragt warum. Es ist da also wesentlich schwieriger zu verschweigen, dass man ein Kind bekommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Irgendwann spielt dann nat\u00fcrlich auch das Alter eine Rolle&#8230;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt unz\u00e4hlige K\u00fcnstlerinnen, die ihr Alter faken. Es ist komplett normal. Ich finde es unglaublich, dass das so sein muss. Das ist <em>Ageism<\/em>, den Frauen erfahren. Im Musical zum Beispiel gibt es ab 40 Jahren keine Rollen mehr, die gibt es dann erst ab Mitte 50 wieder. Bei T\u00e4nzerinnen ist alles noch extremer. Da ist eine Mutterschaft wirklich eine sehr gro\u00dfe Entscheidung, weil sie ganz oft dazu f\u00fchrt, dass die Karriere wirklich beendet ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das ist nat\u00fcrlich der <\/em>worst case<em>, aber leider f\u00fcr viele die Realit\u00e4t. Ich w\u00fcrde gerne nochmal auf die spezielle Situation von freischaffenden S\u00e4ngerinnen eingehen. Du arbeitest viel mit Frauen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zusammen, die sich eher der freien Szene zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, oder?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das tue ich. F\u00fcr die freie Szene haben wir gerade mit dem Rechercheprojekt BEYOND RE:production zusammengearbeitet. Dort wurde ein sehr cooles Format entwickelt, das <em>With Care. Action Lab<\/em>. Das Ergebnis, unser <em>toolkit<\/em>, kann man als Brosch\u00fcre <a href=\"https:\/\/www.buehnenmuetter.com\/artistlab\">auf unserer Website herunterladen<\/a>. Das Projekt fing an mit dem Spruch \u201eSchade, dass du Mutter wirst. Ich mochte immer deine Kunst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wow. Einfach nur wow. Das hat wirklich jemand zu einer Frau gesagt?!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das ist wirklich jemandem passiert! Dieser Satz, der sagt doch einfach alles&#8230; In diesem <em>toolkit<\/em> sind sehr viele Ma\u00dfnahmen und Ideen, wie man in der Freien Szene familienfreundlich produzieren k\u00f6nnte. Einige Theater k\u00f6nnten sich da definitiv auch Ideen abholen. Und es ist nicht nur die Perspektive der Menschen, die in der Produktion arbeiten, sondern tats\u00e4chlich auch die Perspektive des Publikums von morgen. Wie kann man mehr Familien ins Theater bringen, in die freie Szene, in Auff\u00fchrungen? Wie kann man Menschen mit Einschr\u00e4nkungen ins Theater bringen? Wie kann man junge Eltern ins Theater bringen?<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das hei\u00dft jetzt <\/em>audience development<em>. Dar\u00fcber spricht J\u00e9r\u00f4me Lenzen in unserem Podcast.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oh, sehr gut! Ja, es gibt da inzwischen sehr interessante Formate. Ich habe einmal von sogenannten <em>relaxed performances<\/em> geh\u00f6rt, bei denen das Publikum in einer ungezwungeneren Atmosph\u00e4re eine Vorf\u00fchrung genie\u00dfen kann. Das ist gut f\u00fcr Familien oder f\u00fcr Menschen mit Behinderungen, f\u00fcr die der Besuch einer \u201enormalen\u201c Vorf\u00fchrung sehr stressig ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich habe mir angew\u00f6hnt, Menschen, die ich interviewen m\u00f6chte, vorher zu fragen: \u201eUnd wor\u00fcber m\u00f6chtest du noch sprechen? Was ist dir ein Anliegen?\u201c Als ich dich gefragt habe, hast du wie aus der Pistole geschossen gesagt: \u201e<\/em>Gender Pay Gap, Gender Care Gap, Gender Pension Gap<em>!\u201c Also lass uns dar\u00fcber sprechen!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das ist auch so eine Ungeheuerlichkeit: Der <em>Gender Pay Gap<\/em> in Deutschland liegt bei 18 %. In den darstellenden K\u00fcnsten liegt die Zahl bei 34 %. Das ist einer der h\u00f6chsten <em>Gender Pay Gaps<\/em>, die es in Deutschland gibt. Ich finde das unglaublich. Das liegt an einer nicht-transparenten Gagen-Politik, die fast alle H\u00e4user verfolgen. Und es liegt daran, dass Frauen schlecht verhandeln. Das muss man leider so sagen. Damit m\u00f6chte ich ihnen aber nicht den schwarzen Peter zuschieben! Das hat vielmehr einen ganz gro\u00dfen Rattenschwanz: Ich denke, das Frauen oft so sozialisiert sind, dass sie weniger einstehen f\u00fcr das, was sie brauchen und wollen. Es liegt oft auch daran, dass M\u00e4nner denken, sie seien grunds\u00e4tzlich f\u00fcr die finanzielle Verantwortung in der Familie oder in der Partnerschaft zust\u00e4ndig. Und das ist auch die Realit\u00e4t in vielen Partnerschaften und Familien.<\/p>\n\n\n\n<p><em>In Eurer Umfrage kam auch heraus, dass sich 50 % der befragten Frauen nicht selber versorgen k\u00f6nnten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich ein absolutes Unding. Es ist auch eine Katastrophe, was die Rentenbez\u00fcge angeht. Es ist bei uns \u00fcbrigens auch durchgeklungen, dass es Alleinerziehende besonders schwer haben und fast nie in dem Beruf bleiben, weil es wirklich fast nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aus dem <\/em>Gender Pay Gap<em> folgt langfristig der <\/em>Gender Pension Gap<em>. Das hei\u00dft, Frauen sind signifikant h\u00e4ufiger von Altersarmut betroffen, vor allem wenn sie M\u00fctter sind.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Studie haben 71 % gesagt, dass sie Angst vor Altersarmut haben. Das ist in unserer Branche signifikant h\u00f6her als im Bundesdurchschnitt. Der liegt bei etwa 50 %.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Und jetzt kommen wir noch zum<\/em> Gender Care Gap.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau, der <em>Gender Care Gap<\/em> betr\u00e4gt mehr als 52 %. Das bedeutet, dass Frauen sich in der Regel mehr um ihre Kinder k\u00fcmmern. Und in einem bestimmten Alter, n\u00e4mlich bei 34-J\u00e4hrigen, liegt dieser <em>Gender Care Gap<\/em> bei 110 %. Dass liegt nat\u00fcrlich daran, dass die Frauen da meistens ihre Kinder bekommen und dann 100 % f\u00fcr das Baby da sind. Solange sich das nicht signifikant \u00e4ndert, sind immer die Frauen diejenigen, die ihre Arbeitszeit reduzieren. Dann sind sie es auch, die die karrieretechnischen Nachteile davontragen. Es ist wirklich eklatant, was Frauen finanziell einfach in Kauf nehmen m\u00fcssen, weil sie sich um ihre Kinder k\u00fcmmern. Und unter Care-Arbeit f\u00e4llt ja nicht nur die Kinderbetreuung, sondern auch die Pflege von Angeh\u00f6rigen. Es ist bis zum heutigen Tage so, dass im Normalfall die Frauen die meiste Care-Arbeit f\u00fcr ihre Kinder oder f\u00fcr ihre alternden Angeh\u00f6rigen machen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Puh, das alles klingt nicht unbedingt so, als sei es eine gute Idee, S\u00e4ngerin und Mutter zugleich zu sein?!<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sprechen jetzt nat\u00fcrlich viel \u00fcber diese alarmierenden Dinge. Das klingt wahnsinnig deprimierend. Was mir zum Beispiel beim Podcast \u201eMama macht Theater\u201c gut gef\u00e4llt, ist, dass auch dar\u00fcber gesprochen wird, dass es funktionieren kann. Man h\u00f6rt, was die Frauen gewinnen, wenn sie Familie mit Theater in Einklang bringen k\u00f6nnen, und was vielleicht auch die Gesellschaft gewinnt, wenn sie die M\u00fctter in ihrer Mitte arbeiten l\u00e4sst. Ich denke, dass ich da f\u00fcr viele Frauen spreche. Man f\u00fchlt sich reicher an Themen, an Perspektiven und manchmal auch an k\u00fcnstlerischem K\u00f6nnen, wenn man Mutter geworden ist. Das Selbstbild ist nicht so, dass man sich schlechter oder biederer oder uninteressanter findet, ganz im Gegenteil: Eigentlich traut man sich mehr zu. Man gewinnt bestimmte Perspektiven und Blickwinkel, die man sonst nie gehabt h\u00e4tte und die k\u00fcnstlerisch extrem wertvoll sind. Ich w\u00fcrde auf der B\u00fchne sehr gerne mehr dazu sehen, zu einem Blickwinkel, der sich auf Kinder ausrichtet, auf Care-Arbeitende, auf Menschen, die zwar nicht sehr viel Geld verdienen, aber die eine extrem wertvolle Arbeit machen. Ich w\u00fcrde gerne ein St\u00fcck \u00fcber Pflegende oder \u00fcber Erzieher sehen. Das kommt bisher so aber nicht vor auf Theaterb\u00fchnen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Liebe Annika, ich danke Dir f\u00fcr das Gespr\u00e4ch! Wir w\u00fcnschen Euch viele neue Mitglieder bei den \u201eB\u00fchnenm\u00fcttern\u201c und viel Erfolg bei Eurer Arbeit!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laura hat die S\u00e4ngerin Annika Sophie Mendrala zu Fragen von Mutterschaft und Musik interviewt. 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