Mehr von Engeln und Teufeln

Hetty Krist, Astor Piazolla (Farblithographie)

Noch einmal geht es um die beiden bekanntesten Sätze aus dem Ángel-Zyklus, La Milonga del Ángel und La muerte del Ángel. Diesmal wollen wir genauer auf die Musik eingehen.

Piazzolla und der Kontrapunkt

In La muerte del Ángel kann man gut erkennen, wie Piazzolla den Tango mit Kompositionstechniken aus der klassischen Musik „angereichert“ hat. Nach der ersten Vorstellung des Themas schreibt er eine vierstimmige Fuge – eine typische Form aus der Barockmusik. Besonders in seiner Zeit in Paris beschäftigte sich Piazzolla intensiv mit dem barocken Kontrapunkt. Elemente davon tauchen in fast allen seinen Werken auf.
Bei einer Fuge wird zunächst ein musikalisches Thema einstimmig vorgestellt. Dann wiederholt eine andere Stimme, unter Umständen ein anderes Instrument, das Thema, während die erste Stimme weiterspielt, aber in die Begleitung „abtaucht“. Danach folgen weitere Stimmen bzw. Instrumente, bis schließlich alle gleichzeitig spielen.
Eine vierstimmige Fuge stellt uns zwei (!!) Musiker natürlich vor Herausforderungen: Jeder von uns muss zwei der Stimmen gleichzeitig spielen, und da wir keine Pianisten sind, ist das auch gar nicht so einfach. Wir haben das folgende Video hier ausgesucht, weil man in dieser Version für Saxophonquartett wunderbar die vier eigenständigen Stimmen verfolgen kann (die Musik beginnt bei 1:00). Beim Einsetzen des zweiten Saxophons kann man noch gut das Thema erkennen. Spätestens wenn dann alle vier spielen, wird es ziemlich unübersichtlich, nur mit Mühe kann man dann noch alle Stimmen einzeln wahrnehmen.
Der lyrische Mittelteil klingt dann wieder mehr nach Tango. Piazzolla verwendet hier allerdings Harmonien, die aus dem Jazz entlehnt sind. Schließlich beschleunigt die Musik wieder und mündet in den wilden Schluss, in dem wieder das Anfangsthema gespielt wird – nicht als Fuge, sondern von allen Stimmen gemeinsam, akzentuiert mit vielen schrägen Effekten.


Der Tanz des Engels

Nachdem Laura in einem Konzert die Milonga del Ángel als „Tanz des Engels“ angekündigt hatte, hörten wir hinterher aus dem Publikum, einen Tanz hätte man aber nicht erkennen können. Das beschreibt genau das Problem der verschiedenen Bedeutungen des Wortes „Milonga“. Als Milonga werden verschiedene Formen von Tango-Musik bezeichnet, außerdem versteht man darunter einen Veranstaltung, bei der Tango getanzt wird. Die etwas bekanntere Art der Milonga ist ein schneller, akzentuierter Tango, der kaum von der Habanera zu unterscheiden ist.

Die Art der Milonga, die Piazzolla für seinen Engel geschrieben hat, gehört zu der anderen Art. In den Weiten der Argentinischen Pampa waren seit dem 19. Jahrhundert Gauchos unterwegs, die vergleichbar mit Bänkelsängern in Europa die Landbevölkerung mit Musik unterhielten. Dabei improvisierten sie aus dem Stehgreif und begleiteten sich dazu auf der Gitarre. Aus dieser Tradition stammt die langsame Milonga.
Piazzollas Milonga ist eine schwebende, höchst intime Musik. Über einem langsamen Puls erklingen sehr freie Melodien, die wie improvisiert dahingeworfen klingen. Die verschiedenen Instrumente verschmelzen zu einem flächigen, intensiven Klang


Ángel völlig anders

Aus eigener Erfahrung haben wir ein Faible für sehr ausgefallene Besetzungen. Es ist schwer, aus der Fülle der Piazzolla-Arrangements eine Auswahl zu treffen. Aber diese beiden hier bekommen von uns einen Preis für Originalität!

Dieses Arrangement mit Chor ist nun wirklich eine Kuriosität! Aber Respekt, das ist sicher höllisch schwer zu singen.
Seit unserem Programm „Ravel vs Debussy“ können wir an einem Video mit chromatischer Harfe nicht mehr vorbeigehen!

Bildquellen:
„Hetty Krist, Astor Piazolla (Farblithographie)“: Quelle, Autor: Hetty Krist 2010, Lizenz: Public Domain-Lizenz

2 Comments

  1. Jürgen Kühne sagt:

    Wunderbare Harfenversion eines der schönsten Tangos überhaupt…

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