#metoo ist an den Musikhochschulen angekommen – Teil 2

Vor einigen Tagen hatten wir hier über den Fall Siegfried Mauser berichtet. Wir haben zu dem Beitrag viel positives Feedback bekommen, allerdings weniger durch die Kommentare, als durch persönliche Nachrichten. Das zeigt, dass es immer noch viele Musiker gibt, die sich nicht trauen, sich öffentlich zu dem Thema zu äußern. Das liegt wohl auch am Umgang der Musikhochschulen und der Szene allgemein damit: Niemand will gerne als „Nestbeschmutzer“ gelten. Immer wieder kam auch die Frage auf, wie man bereits stattgefundene Vorfälle aufklären kann und was man tun könne, um solche Vorfälle in Zukunft zu vermeiden. Dazu möchten wir ein paar Gedanken mit euch teilen.

Die Reaktionen der Hochschule

Die Musikhochschule München hat schon Ende 2016 angekündigt, Maßnahmen zur Prävention und der Aufklärung von sexuellem und Machtmissbrauch zu ergreifen. In unserem letzten Beitrag haben wir Moritz Eggert (Professor für Komposition in München) zitiert, der nicht der Meinung ist, dass diese Maßnahmen etwas bringen würden. Wir haben uns die Richtlinie gegen sexuelle Diskriminierung der Hochschule selbst durchgelesen. Das klingt eigentlich alles ganz vernünftig. Die Richtlinien werden mittlerweile an alle Studenten ausgegeben. Sie umfassen allerdings sieben Seiten Text, daher ist fraglich, wie viele Studenten sie wirklich vollständig gelesen haben. Das war wohl auch der Hochschule bewusst, daher wurde zusätzlich noch der Flyer „Nein heißt Nein!“ kreiert. Dieser Flyer hat dann in uns wieder die gewohnte Ernüchterung ausgelöst. Wir fragen uns, ob dieser Flyer wirklich ernst gemeint ist, immerhin kannte selbst die Frauenbeauftrage der Hochschule nicht seinen Inhalt, als sie im Mauser-Prozess dazu befragt wurde.

Im Flyer findet sich zum Beispiel kein Hinweis darauf, dass (sexuelle) Gewalt unter Umständen eine Straftat darstellt. Lediglich auf den Polizei-Notruf 110 wird verwiesen. Das ist besonders verwunderlich, da es später heißt: „Sexuelle Belästigung kann sich wie folgt ausdrücken: […] Stalking, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung“ Es wird immer nur von den Hochschul-internen Methoden gesprochen, solche Geschehnisse aufzuarbeiten. Ob das bloß ein Versäumnis ist oder bewusst darauf verzichtet wurde, lässt sich natürlich nur schwer sagen. Es erinnert aber stark an vergleichbare Fälle (zum Beispiel in der katholischen Kirche), bei denen Vorkommnisse auch ganz gerne mal „intern“ geklärt wurden.

In dem Flyer ist auch der offizielle Weg aufgezeichnet, den man bei einem Vorfall gehen kann – leider führt dieser letzten Endes immer über die Hochschulleitung. Das ist schon etwas zynisch in Anbetracht der Tatsache, dass der ehemalige Leiter der Hochschule grade wegen sexueller Nötigung verurteilt wurde. Aber auch, wenn die Hochschulleitung nicht direkt an Vorfällen beteiligt ist – es dürfte für betroffene Studenten bei dem engen Geflecht von Freundschaft und Kollegialität an Hochschulen schwer nachvollziehbar sein, wie ein solcher Weg neutral und fair ablaufen soll.

Der Gipfel war für uns aber der Satz „Es gibt aber auch Fälle, in denen sexuelle Belästigung in umgekehrter Richtung erfolgt: So werden auch Lehrende immer wieder Opfer sexueller Belästigungen durch Studierende.“ Es mag sein, dass dies auch ein Thema ist und es stellt für die Betroffenen sicherlich eine besondere Demütigung dar. Solche Vorfälle sollten selbstverständlich aufgeklärt werden. Trotzdem ist das Kernproblem wohl ziemlich offensichtlich der Machtmissbrauch durch hierarchische Strukturen.

Was kann man als Student oder direkt Betroffener tun?

Ganz egal, für welchen Weg man sich entscheidet – nie waren die Chancen besser als in #metoo-Zeiten, dass Vorfälle aufgeklärt werden. Die Mauer des Schweigens sollte endlich durchbrochen werden. Es sollte jedem bewusst sein, dass Übergriffe in vielen Fällen eine Straftat darstellen. Es ist also keineswegs immer nötig (und auch nicht sinnvoll), die Hochschule zu informieren. Man kann sich in diesen Fällen direkt an die Polizei wenden. Natürlich kann es passieren, dass Vorfälle verjährt sind oder Verfahren gegen Beschuldigte eingestellt werden. Aber dass einem keiner glaubt – das ist an der Hochschule ja eher noch wahrscheinlicher.

Dass dieses „Problem“ sich von ganz alleine löst und über den Fall Mauser bald Gras wächst hoffen wahrscheinlich im Moment manche an der Münchener Hochschule (und im Übrigen vermutlich auch an anderen Musikhochschulen). Daher ist es die Aufgabe der Studenten, dafür zu sorgen, dass dies nicht passiert. Am besten ist es, wenn sich viele Studenten zusammentun, um Missstände anzusprechen. Aber auch kleine Zusammenschlüsse – zum Beispiel innerhalb einer Klasse – können etwas bewirken. Besprecht zum Beispiel gemeinsam, wie ihr den Alltag im Studium erlebt und was ihr euch für Veränderungen wünschen würdet. Je mehr Studenten hinter Forderungen stehen, desto schwerer dürfte es den Professoren und der Hochschule fallen, sich dagegen zu stellen.

Auch der Weg über die Presse kann sinnvoll sein. Im zitierten Spiegel-Artikel wurde berichtet, dass die Journalisten gezielt Studenten angesprochen haben, um noch mehr Berichte zu sammeln. Die Chance ist also groß, dass eure Geschichte dort Gehör findet.

Hoffentlich ist endlich die Zeit gekommen, überholte Machtstrukturen aufzulösen. Dass Professoren einseitig ihre Studenten duzen und ihrerseits mit „Herr Professor“ angesprochen werden, ist heutzutage wohl nur noch an Musikhochschulen möglich! Es besteht einiger Erneuerungsbedarf – nicht nur im Bereich der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Nun müssen alle aktiv werden – damit die Aufklärung  nicht beim Druck eines Flyers stehenbleibt.

Laura & Daniel

5 Kommentare

  1. Uta sagt:

    Gut geschrieben!

    Uta

  2. M sagt:

    Am meisten Professoren haben Beziehung mit Studentinnen.Nach ein paar Jahren die Studentinnen kriegen ein lehrerauftrag als danke…..immer heimvoll. Dann trennen und die Professoren suchen eine neue studentin.So passiert mit alle Musikhochschulen.Die Frage ist ob Moral ist ein Professor mit 30 jahre jungere Studentinnen Beziehung zu haben.Wollen eine solche Beziehung die Studentinnendie Angst haben und eine Karriere träumen?Wie wär’s falls es verboten wäre ein Professor mit Studentinnen Beziehung zu haben?

    • Laura & Daniel sagt:

      Verbieten kann und darf man Beziehungen zwischen Professoren und Studentinnen sicher nicht. Was man vielleicht erwarten kann, ist dass sie die Beziehung nicht während ihrer professionellen Zusammenarbeit führen.
      Wenn sich wirklich zwei Menschen bei der Arbeit kennenleren, kann das auch in Ordnung sein. Wenn aber ein Professor mit sehr vielen Studentinnen ein Verhältnis hat, ist doch eher ein Machtmissbrauch wahrscheinlich.
      Vielleicht wäre es besser, wenn Professoren auf freiwilliger Basis darauf verzichten.

  3. […] der Polizei abgehalten werden, wie man beispielhaft am Falle des Jungstudenten sehen konnte. Ehemalige Studierende wie das „Harfenduo“ interpretieren das so, einen aktuellen Flyer zu Verhalten bei sexuellen Übergriffen: „In dem […]

    • Laura sagt:

      Vielen Dank an Alexander Strauch für diesen weiteren Beitrag zum Thema! Der noch größere Skandal als die eigentlichen Vorfälle ist die schleppende bis nicht vorhandene Aufarbeitung durch die Hochschule. Wir werden sicher noch viel zu diesem Thema hören müssen…

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