Theaterstück „Rape & Culture“ feiert Premiere in München

In diesem Beitrag möchten wir über das Hidalgo-Festival aus München schreiben. Sonst äußern wir uns ja eher negativ über die Münchner Kulturszene, aber es gibt dort nicht nur faule Eier! Einmal im Jahr veranstaltet das Künstlerkollektiv rund um den Regisseur Tom Wilmersdörffer und den Journalisten Philipp Nowotny ein Festival mit Konzerten, Theaterstücken und anderen Performances. In diesem Jahr hat uns ein Theaterstück namens „Rape & Culture“ besonders interessiert. Dieses Bühnenprojekt und seine Hintergründe möchten wir Euch hier vorstellen.

Das Theaterstück „Rape & Culture“

Im Rahmen des Hidalgo-Festivals inszeniert der Regisseur Tom Wilmersdörffer das Theaterstück „Rape & Culture“, um sich dem Thema Machtmissbrauch in der Klassikszene zu nähern. Die Premiere findet am Samstag, dem 11. September im Münchner Veranstaltungsort Sugar Mountain statt. So viel ist schon mal klar – inhaltlich ist das ganze etwas komplexer: Das Stück ist eine Collage verschiedener Künste, mit Musik, Tanz und modernen Klangeffekten.

Praktisch kann man sich das so vorstellen: Die Sopranistin Ketevan Chuntishvili und die Pianistin Brigitte Helbig spielen Werke aus dem klassischen Liedrepertoire wie beispielsweise das „Heidenröslein“ von Franz Schubert. Dieses Lied nach einem Text von Johann Wolfgang von Goethe wurde schon öfter bei Aktionstagen gegen sexuelle Gewalt exemplarisch kritisiert: Obwohl es zum absoluten Standardrepertoire klassischer Liederabende gehört, verharmlost es sexuelle Gewalt gegen Frauen.

Die Musik überlagernd erklingen die „Soundscapes“ der Künstlerin Martine-Nicole Rojina. Diese kann man sich ihrer Selbstbeschreibung zufolge als „psychische Klanglandschaften, die sich aus musikalischem Material und Geräuschen zusammensetzen“ vorstellen. „Sie brechen in die Lieder ein und spiegeln die innere Verfassung der Sängerin wider.“ Dazu werden Ausschnitte aus Interviews abgespielt, in denen Betroffene von sexueller Gewalt von ihren Erfahrungen berichten.

Vor dieser Klangkulisse steht der Tanz im Mittelpunkt: Mit der Choreografie von Francesco Vecchione stellen Sade Mamedova, Alfonso Fernández Sánchez, Shih-Ping Lin und Elodie Lavoignat das Gehörte tänzerisch dar. Sie schlüpfen abwechselnd in die Rollen der beschriebenen Personen und interpretieren so das Thema des Abends.

Anstoß zur einer gesellschaftlichen Debatte?

Auf der Homepage des Festivals kann man einige der Interviews, die in die Konzeption des Bühnenwerkes eingeflossen sind, nachlesen. In den Berichten beschreiben Betroffene von sexueller Gewalt verschiedene Arten von Machtmissbrauch. Typische Situationen sind beispielsweise, wenn Regisseur*innen, Professor*innen oder Dirigent*innen ihre Macht missbrauchen, um Menschen zu demütigen, finanziell auszubeuten oder sogar sexuell zu belästigen. Die Interviews wurden im Vorfeld geführt und sind für die Aufführung anonymisiert worden. Einer der Beiträge ist beispielsweise von Anna (Name geändert), einer ehemaligen Musikstudentin. Sie erzählt auf berührende Art von Psychoterror, sexueller Belästigung und Vergewaltigungsversuchen. Die verschiedenen Machtmenschen, denen sie das Pech hatte zu begegnen, mussten nie Konsequenzen fürchten; zu groß war ihr gesellschaftliches Ansehen.

Bei aller komplexen künstlerischen Konzeption versucht das Hidalgo-Festival vor allem eines: Den Betroffenen von Machtmissbrauch Gehör zu verschaffen. Das können wir nur unterstützen! Gerade haben wir selbst eine Reihe von #metoo-Erfahrungsberichten gestartet, die wir auf unserem Blog veröffentlichen (beispielsweise die Geschichte von Anke* in unserem letzten Beitrag). Wir glauben – so wie die Menschen hinter dem Hidalgo-Festival – daran, dass dies nötig ist, damit sich die Klassik-Szene endlich mit dem Problem des Machtmissbrauchs beschäftigt!

Für Wilmersdörffer und Nowotny bleibt es nicht bei der Inszenierung auf der Bühne. Sie versuchen auf vielfältige Art, das Thema sexuelle Gewalt in die Öffentlichkeit zu bringen. Beispielsweise haben sie auf der Homepage des Festivals ein Interview mit Eva Hubert von der Themis-Stifung veröffentlicht. Hubert spricht darin über die vermittelnde Arbeit der Vertrauensstelle der Stifung. Sie sagt: „Ich wünsche mir, dass viel mehr Betroffene sich beschweren, wenn sie belästigt werden, dass dies ganz selbstverständlich ist. Auf der anderen Seite müssen die Arbeitgeber besser mit solchen Beschwerden umgehen, sie dürfen keine negativen Folgen für die Beschwerdeführer haben.“

Im Anschluss an die Premiere des Theaterstücks „Rape & Culture“ wird es eine Podiumsdiskussion geben. Dort, so hofft der Veranstalter, sollen noch einmal viele Menschen zusammenkommen, die unterschiedliche Blickwinkel auf die Thematik mitbringen.

Problematische Schirmherrschaft?

Bei unserer Recherche zum Festival gab es für uns einen kleinen Wermutstropfen: Der Schirmherr des Hidalgo-Festivals ist der Sänger Christian Gerhaher. Von dieser Personalie könnten sich Betroffene von sexueller Gewalt vor den Kopf gestoßen fühlen, denn er ist einer der Autoren der Festschrift zu Siegfried Mausers 65. Geburtstag. Zur Erinnerung: Siegfried Mauser ist der ehemalige Präsident der Münchner Musikhochschule. Er wurde zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er Frauen, die sich unter anderem auf eine Stelle an der Hochschule beworben hatten, sexuell genötigt hat. Die Festschrift zu seinen Ehren erschien, als Mauser bereits in mehreren Instanzen gerichtlich verurteilt war. Im Vorwort werden Mausers Taten indirekt verharmlost.

Wir haben beim Hidalgo-Festival nachgefragt, ob sie sich mit ihrem Schirmherrn und seiner Haltung zu Siegfried Mauser kritisch auseinander gesetzt haben. Darauf bekamen wir eine sehr differenzierte Antwort, in der sich Tom Wilmersdörffer und Philipp Nowotny klar von Siegfried Mauser und der Festschrift distanzieren. Wir möchten natürlich nicht das Theaterstück spoilern, aber so viel sei verraten: Die Festschrift und ihre Autoren werden auf der Bühne explizit kritisiert.

Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die Künstler*innen des Hidalgo-Festivals so frei in ihrer Meinungsäußerung sind. Christian Gerhaher ist ein sehr einflussreicher Sänger, der mit seinen vielen Beziehungen sicher ein großer Gewinn für das noch junge Festival ist. Wie seine persönliche Meinung zur #metoo-Bewegung und zum Fall Mauser ist, wissen wir nicht – doch in jedem Fall scheinen die Künstler*innen des von ihm protegierten Festivals völlig frei zu sein, Kritik zu üben woran sie möchten. Das ist Kunstfreiheit!

Wann können wir endlich wieder einfach Kunst machen?

Diese Verbindung zwischen dem Festival und seinem Schirmherrn weist aber auf ein tiefgehendes Problem hin: Es ist schwierig, in der Münchner Klassik-Szene jemanden zu finden, der nicht mit Siegfried Mauser bekannt ist. Kann man alle ausschließen, die ihm einmal freundlich die Hand geschüttelt haben? Oder besser nur diejenigen, die mit ihm ein Konzert gespielt haben? Sicher nicht. Doch wir brauchen eine echte Diskussion, in der Straftaten klar benannt werden. Irgendwann muss jede*r von uns einmal Stellung beziehen zu Macht und Missbrauch. Die Klassik-Szene muss sich klar und öffentlich an die Seite der Betroffenen von Gewalt stellen und sich von den Täter*innen und ihren Unterstützer*innen distanzieren. Erst dann können wir den Schaden reparieren, den Täter*innen wie Siegfried Mauser angerichtet haben. Das Hidalgo-Festival kann hoffentlich langfristig dazu beitragen.

Aber damit die Musikszene irgendwann wieder zur Ruhe kommt, müsste unserer Meinung nach vor allem eines passieren: Siegfried Mauser muss sich endlich seiner Verantwortung stellen und seine Haftstrafe antreten. Sein Jammern, es müsse „doch auch mal ein Ende haben mit dem Prozessieren und dem Bestraftwerden“ ist so lange absurd, wie er selbst immer wieder Prozesse anstrengt und sich der Haft entzieht. Für Rehabilitation sind echte Reue und das Akzeptieren der angemessenen Strafe nötig, von Wiedergutmachung ganz zu schweigen. Ob die Frauen, denen er Gewalt angetan hat, ihm verzeihen möchten, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

Laura & Daniel

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