Vor einem Jahr wurden erstmals Vorwürfe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wegen sexueller Übergriffe laut. In der Folge berichteten unzählige Frauen (und auch manche Männer) unter dem Hashtag #metoo von ihren eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Was hat sich in diesem Jahr getan?

Verleihung des Friedensnobelpreises

Die Verleihung des Friedensnobelpreises zeigt: Das Thema ist nach wie vor hochaktuell. Sexuelle Gewalt wird an vielen Orten der Welt nicht nur zur Befriedigung männlicher Fantasien ausgeübt, sondern auch ganz gezielt, um Frauen einzuschüchtern und zu unterdrücken, sowie um in militärischen Auseinandersetzungen den Gegner zu demütigen. Dabei wird die Tatsache genutzt, dass sexuelle Gewalt nach wie vor so stark tabuisiert ist, dass viele Opfer sich schämen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und sogar davor zurückschrecken, ihre körperlichen und seelischen Verletzungen ärztlich versorgen zu lassen. Der Arzt Denis Mukwege setzt sich in seiner Heimat Kongo nicht nur dafür ein, dass Opfer von sexueller Gewalt medizinisch versorgt werden, sondern versucht auf politischer Ebene, sexuelle Gewalt als Kriegswaffe zu verhindern. Die Jesidin Nadia Murad klärt als ehemaliges Opfer des IS über dessen Gewalt gegen Frauen auf. Beide wurden nun mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Donald Trumps „locker room talk“

In unseren Kreisen ist sexuelle Gewalt natürlich nicht so drastisch ausgeprägt wie in den Krisengebieten im Kongo und in Syrien, aber die Grundmuster sind dieselben. Sexuelle Herrschaft über Frauen bzw. vermeintlich Schwächere wird von vielen immer noch als Zeichen von besonderer Männlichkeit und Stärke gesehen, was nicht zuletzt die „locker room talk“-Debatte über das Verhalten des amerikanischen Präsidenten zeigte. Für die von Übergriffen betroffenen blieb bis vor kurzem meistens nur die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Entweder zu schweigen oder sich einem oft langen und wenig erfolgversprechenden juristischen Verfahren zu stellen, dass einen garantiert als Opfer auf Lebenszeit abstempelte.

#metoo als Onlinepranger?

Der in unseren Augen größte Verdienst der #metoo-Bewegung besteht darin, dass es nun eine dritte Möglichkeit gibt: Über das Internet und die sozialen Netzwerke können Erfahrungsberichte ohne großen Aufwand mit einer breiten Öffentlichkeit geteilt werden. Dabei sollte nicht nicht das Bloßstellen der Täter im Vordergrund stehen, sondern die Erlebnisse der Betroffenen. Natürlich hat dies leider auch den Nebeneffekt, dass Leute zu unrecht beschuldigt werden – so geschehen im Fall um das Model Gina-Lisa Lohfink. Ihre Vergewaltigungsvorwürfe gegen zwei Männer stellten sich als unzutreffend heraus und sie wurde selbst wegen falscher Verdächtigung verurteilt. Manche schießen auch über das Ziel hinaus, wie die Frau, die den amerikanischen Comedian Aziz Ansari wegen eines misslungen Dates des Missbrauchs beschuldigte und damit eine Debatte darüber auslöste, welche Erlebnisse überhaupt als sexuelle Gewalt zu bewerten sind. Vorsicht und Zurückhaltung ist bei der Lektüre der Berichte also immer geboten. Dennoch: Am Anfang einer Beschuldigung (und eines möglichen Gerichtsverfahrens) steht immer ein Gerücht, das die eine Seite als Chance zur Aufklärung und die andere Seite meist als unhaltbare Anschuldigung sieht.

#metoo ist an den Musikhochschulen angekommen

Als wir uns vor einem halben Jahr zum ersten Mal mit dem Thema auf diesem Blog beschäftigten, schrieben wir: #metoo ist an den Musikhochschulen angekommen. Mit Siegfried Mauser schaffte es ein Fall von einer deutschen Musikhochschule in die überregionale Presse. Uns war sofort klar: Das Hauptproblem sind der Machtmissbrauch und die unkontrollierten Abhängigkeitsverhältnisse an den Musikhochschulen. Dementsprechend schwer tun sich manche (nicht alle!) Hochschulen mit der Aufklärung der Vorfälle und der Prävention.

„Flip The Script“ – Prävention gegen Übergriffe

In unserem Interview mit Freia Hoffmann kamen schon die Fortbildungen zur Sprache, die mittlerweile an vielen Hochschulen angeboten werden. Darüber hinaus gibt es seit vielen Jahren Kurse zum Thema Selbstverteidigung und Präventionsprogramme, die sich vor allem an Frauen richten. Das SZ-Magazin berichtet beispielsweise über ein amerikanisches Programm namens „Flip The Script“ (dt. etwa: „Schreib das Drehbuch um“), das laut Studien einen signifikanten Rückgang von sexuellen Übergriffen bewirkt. Das Programm zielt vor allem darauf ab, Übergriffe schon im Vorfeld zu erkennen und Situationen, in denen sie passieren können, zu vermeiden. Am Ende des Artikels fragt die Autorin „Warum wird das nicht an jeder Schule und jeder Uni angeboten?“

#metoo braucht mehr DiskussionsteilnehmerInnen

Was muss passieren, damit #metoo nicht wieder in Vergessenheit gerät? Vor allem muss weiterhin Aufklärungsarbeit geleistet werden. Nach wie vor gibt es Frauen, die sich selbst die Schuld für Übergriffe geben. Eine der ersten Lektionen im „Flip The Script“-Programm ist daher: „Es ist immer der Täter schuld und nur er.“ Anscheinend gibt es immer noch Leute, die das nicht wissen.
Und es muss natürlich eine Debatte stattfinden. Denn wenn man aufhört, über das Problem zu sprechen, gibt man denen Recht, die behaupten, es gäbe kein Problem. #metoo ist also auch ein Auftrag, verantwortungsbewusst zu handeln. In der Verantwortung ist jeder von uns, egal, ob man selbst Übergriffe erlebt hat oder – wie wir – selbst nicht betroffen ist. Und verantwortungsbewusst zu handeln, heißt eben auch, eine Position zu beziehen. Unter unserem letzten Blogbeitrag fand zum ersten Mal so etwas wie eine inhaltliche Debatte statt – leider fast ausschließlich zwischen uns und Siegfried Mausers Anhängern, die ihre Kampagne zum Beweis seiner Unschuld auf unserem Blog fortsetzen wollten.
Wir möchten all denen danken, die uns unterstützen, uns in zahllosen persönlichen Gesprächen, Telefonaten oder Mails für unser Engagement danken und wertvolle Recherche-Tipps geben. Ihr habt uns Euer Vertrauen geschenkt und Eure Geschichten erzählt. Dass der Schritt zur Veröffentlichung schwer fällt, verstehen wir. Vielleicht könntet Ihr aber Eure Unterstützung in Form von (auch anonymen) Kommentaren auf unserem Blog deutlich machen. So sehen unsere Kritiker, dass wir nicht alleine sind. Leichter kann man keine Position beziehen! Wir würden uns freuen!

Die Zukunft von #metoo

Was hat sich also im letzen Jahr getan? Durch die vielen – auch prominenten – Fälle hat sich definitiv das Bewusstsein für sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch geändert. Selbst in so starren Strukturen wie der katholischen Kirche ist zum ersten Mal so etwas wie Reformbereitschaft zu erkennen. Doch es besteht die Gefahr, dass es bei Lippenbekenntnissen und kurzfristigem Aktionismus bleibt: Die Zahl der konkret aufgearbeiteten Fälle ist noch gering. Wer das nicht hinnehmen will, muss jetzt aktiv werden – und nicht erst morgen oder übermorgen. Wir sind bereits aktiv geworden. Lasst uns also nicht hängen!

Laura & Daniel

2 Kommentare

  1. A.F. sagt:

    Mit Interesse verfolge ich Ihren Blog. Ich bin Psychotherapeutin und arbeite viel mit Opfern von sexueller Gewalt. So kann ich bestätigen, wie schwer es für Opfer ist, eine Anklage öffentlich zu machen, wie groß die Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Die meisten Opfer zweifeln an sich selbst und suchen eine Mitschuld bei sich. Umso schlimmer ist es, wie oft ihnen nicht geglaubt wird, ob im persönlichen Umfeld oder bei der Polizei. Für jeden Betroffenen, der eine Anzeige erwägt, ist es wichtig, den möglichen Ablauf eines Prozesses zu bedenken und für sich selbst zu entscheiden, ob er/sie sich das zumuten kann. Ich wünschte, es wäre leichter, Betroffene zu ermutigen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

    Viel Erfolg für Ihre Arbeit!

    A.F.

    • Laura & Daniel sagt:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Wir hoffen, dass wir mit diesem Blog dazu beitragen können, Betroffene aufzuklären und ihnen Mut zu machen.
      Viele Grüße
      Laura & Daniel

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