„Es sind sicher keine Einzelfälle“ – Interview mit den SPIEGEL-Journalisten

In ihrem Artikel „Sex im Präsidentenbüro“ berichteten Jan-Philipp Möller und Martin Knobbe diesen Frühling im SPIEGEL über die Ereignisse an der Musikhochschule München und die Vorwürfe gegen den ehemaligen Präsidenten Siegfried Mauser und den Kompositionsprofessor Hans-Jürgen von Bose. Im Mai 2018 wurde Siegfried Mauser wegen sexueller Nötigung zu zwei Jahren und neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Am Bundesgerichtshof ist nun die Revision zu diesem Urteil anhängig. In einem früheren Verfahren war er bereits zu neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Dieses Urteil ist mittlerweile rechtskräftig.
Wir haben die Journalisten zum Fall Mauser und den weiteren Recherchen befragt.


„Siegfried Mauser ist nun also rechtskräftig verurteilt“ – Über den Fall Mauser

Wie nah sind Sie noch am Thema „Siegfried Mauser“?

Knobbe/Möller: Ganz aktuell wurde über alle Revisionen des ersten Sexualstrafverfahrens gegen Professor Mauser entschieden. Hier ging es um die Frage, ob der Pianist zwei Kolleginnen gegen deren Willen intim bedrängt hat. Nein, sagten die Richter in einem Fall. Ja, im anderen Fall einer bekannten Cembalo-Professorin.

Die Hand am PoDokumentation in der ARD-Mediathek, unter anderem über den Fall Mauser
Siegfried Mauser ist nun also rechtskräftig verurteilt zu neun Monaten Haft auf Bewährung wegen sexueller Nötigung. Darüber hinaus rechnen wir beide im nächsten Jahr mit einer Entscheidung aus Karlsruhe. Sollte das aktuelle Urteil dort höchstgerichtlich bestand haben, müsste der ehemalige Präsident der Musikhochschule München eine Haftstrafe antreten. Darüber führt Prof. Mauser eine juristische Auseinandersetzung auf arbeitsrechtlicher Ebene und einen Kampf um die Deutungshoheit dieser Vorfälle. Wir verfolgen die neuen Entwicklungen intensiv und zeitgleich, auch weil die Hochschule in München in naher Zukunft nicht aus den Schlagzeilen kommen wird.

Sie haben den Mauser-Prozess persönlich verfolgt. Was für einen Eindruck hat Siegfried Mauser auf Sie gemacht?

Knobbe/Möller: Als vor einem Jahr sein vorerst letztes Sexualstrafverfahren gegen ihn begann, sahen wir uns einem Musikexperten gegenüber, der von seinen bis zu drei Anwälten als Popstar der Klassikszene vorgestellt wurde. Mit relativ leiser Stimme, aber durchaus selbstbewusst, erklärte er, dass die Anschuldigungen der geschädigten Frauen ein „Anschlag“ auf sein Leben darstellten. Den Prozess verfolgte er angespannt und hochkonzentriert, stellte Fragen an Zeugen und Gericht und schien sich sichtlich zu freuen, wenn er Bekannte und Freunde auf der Zuschauerbank sah.
Im Laufe der 19 Verhandlungstage, die sich über mehrere Monate hinzogen und teils bis in die späten Abendstunden andauerten, haben wir beide Zeichen von zunehmender Erschöpfung und Nervosität bei ihm wahrgenommen.
Wir hatten bis zuletzt den Eindruck, dass sich Siegfried Mauser keiner Schuld bewusst war. Das steht im Gegensatz zu seinem Empathievermögen, was ihn nicht nur als Musiker ausgezeichnet hat. Als begabter Netzwerker pflegte er einen großen Freundeskreis. Und aus persönlichen Begegnungen mit ihm können wir sagen, dass er ein angenehmer und eloquenter Gesprächspartner ist.

Von Mauser bzw. seinem Umfeld wurde und wird die These aufgestellt, die Anklägerinnen hätten sich gegen ihn verschworen und ihn fälschlich beschuldigt. Gab es im Prozess Anhaltspunkte, die diese These untermauern?

Knobbe/Möller: Offensichtlich hat sich Siegfried Mauser mit seinen Rechtsanwälten für eine konfrontative Verteidigung entschieden. Im Allgemeinen ist die Strategie der Opferbeschuldigung natürlich für die Geschädigten eine Tortur, weil ihnen Naivität, Verführung oder sogar Einwilligung in die sexuelle Handlung unterstellt wird. In dieser Aussage-gegen-Aussage-Konstellation steht das Gericht ja immer vor der Herausforderung, die Aussagen der Belastungszeugen einer besonderen Plausibilitätsprüfung zu unterziehen. Wenn nun die Aussagen der Belastungszeugen durch die Verteidigung in Misskredit gezogen werden, könnte sich das durchaus positiv für den Angeklagten auswirken.
Wir haben in unserer intensiven Recherche, auch mit der Hilfe von Experten, abgewogen, welche Motive uns wahrscheinlich erscheinen. Rache erschien uns als Erklärung für die Aussagen der Geschädigten wenig nachvollziehbar. Das Urteil am Landgericht hat gezeigt, dass auch die Richter den Schilderungen beider Geschädigten vollumfänglich Glauben schenkten. Nicht aus einem Gefühl, sondern weil die Glaubwürdigkeit der zwei Belastungszeuginnen an bestimmten objektiven Kriterien gemessen wurde, die zum Beispiel auch die Aussageentstehung und Entwicklung im Laufe des Verfahrens beinhalten. 

Siegfried Mauser (2014)

Wie ist es zu erklären, dass er sich nach wie vor keiner Schuld bewusst ist?

Knobbe/Möller: Man sagt, dass je länger der mutmaßliche Vorfall zurückliegt, umso stärker können sich die Täter wieder auf das Alltagsgeschehen konzentrieren und die Tat scheinbar in den Hintergrund rücken lassen. Einen möglichen Fehler in solch einer Dimension vor sich selbst und seinem Umfeld einzugestehen, ist natürlich schwer. Daher kommt es bei vielen Straftätern zu einer Verdrängung des Vorfalls.
Wenn Sie uns nach den Gründen im konkreten Fall fragen, dann müssten Sie Professor Mauser fragen. Dass es zu Übergriffen kam, ist nach den Gerichtsprozessen wohl kaum anzuzweifeln. Außer man unterstellt den Richtern, sie seien auf falsche Aussagen der Betroffenen reingefallen. Doch dafür sehen wir keine Anzeichen, auch nicht im Fall des Freispruchs. Hier sagten die Richter, dass ihnen das Zurwehrsetzen der Betroffenen nicht überzeugend genug erschien. Der Vorfall an sich wurde nicht angezweifelt, ihm fehlte jedoch die strafrechtliche Relevanz.

Wenn man seiner Aussage, er habe die Situationen, in denen die Übergriffe passiert sind, anders wahrgenommen, Glauben schenkt: Wie kommt diese Fehlinterpretation zustande?

Knobbe/Möller: Da wir hier nur spekulieren können, antworten wir etwas genereller: Solche Taten haben natürlich etwas mit dem Selbstverständnis des Dozenten zu tun, der glaubt, seine Beziehung zu seinen Schülerinnen, Kolleginnen oder Bewerberinnen über die rein fachliche Ebene hinaus pflegen zu dürfen und zu müssen und hierbei es an Sensibilität vermissen lässt. Es hat vielleicht etwas damit zu tun, dass aus dieser mächtigen Position heraus Signale des Gegenübers völlig falsch gedeutet werden, wie z.B. beim Übergriff im Präsidentenzimmer der Musikhochschule beim Vorstellungsgespräch. Während die Geschädigte glaubhaft vor Gericht erklärte, dass sie vor Schmerzen schreien musste, erklärte Herr Mauser bei seiner Vernehmung, ebenfalls durchaus authentisch, diese Laute als Lustschreie vernommen haben. Es könnte damit zu tun haben, dass Täter wie Mauser gar nicht in der Lage sind wahrzunehmen, was ihre Opfer in diesen Momenten der Bedrängnis fühlen. Bei sexuellen Übergriffen geht es unseres Erachtens nach um die Ausübung von Macht und Kontrolle. Die Staatsanwaltschaft glaubt nicht an eine Fehlinterpretation. Sie hielt Sigfried Mauser eine geringe Gewaltbereitschaft zugute, aber hob andererseits auch hervor, dass die Tatumstände besonders erniedrigend für die Frauen waren.

 


„Die Strukturen im klassischen Musikbetrieb sind anachronistisch streng hierarchisch“ – Über die Recherche in der Musikszene

Der Artikel im SPIEGEL vom Mai 2018 sorgte für viel Aufsehen innerhalb und außerhalb der Musik-Szene. Er konzentrierte sich vor allem auf die Fälle Siegfried Mauser und Hans-Jürgen von Bose. Dem Artikel ging eine monatelange Recherche voran – nicht nur an der HMT München. Die Journalisten führten viele Gespräche mit von (sexuellen) Übergriffen Betroffenen aus allen Bereichen der klassischen Musik.

Was war der Anstoß für Ihre Recherche?

Knobbe/Möller: Wir stießen über die lokale Berichterstattung auf den Fall und entdeckten Querverbindungen. Das Milieu der Musikhochschule, in dem diese Taten geschahen, war neu für uns. Es schien die Taten begünstigt zu haben. Das machte uns neugierig. Schritt für Schritt fanden wir langsam Zugang in diese Kreise.

War es schwierig, von Fällen des Missbrauchs an Hochschulen auch zu erfahren?

Knobbe/Möller: Ja, wie fast immer in diesem Bereich war die Recherche zeitweise sehr zäh, aber schlussendlich sehr ergiebig. Viele Gesprächspartner hatten und haben große Angst, dass eine Veröffentlichung ihrer Schilderungen das Aus ihrer Karriere bedeuten könnten. Das zeugt von dem großen Einfluss, den Dozenten in den Hochschulen haben und der sie, im Fall, dass sie zu Tätern werden, besonders schützt. Nach unserer Veröffentlichung haben sich aber Studierende von verschiedenen Hochschulen gemeldet und ähnliche Erlebnisse berichtet.

Also sind Mauser und Bose keine Einzelfälle?

Knobbe/Möller: Nein, sicher nicht. In den Details allerdings sind sie sicherlich einzigartig.

Können Sie abschätzen, welches Ausmaß die Problematik insgesamt hat?

Knobbe/Möller: Das können auch wir nicht einschätzen. Wir bekommen ja auch nur, fast zufällig, von einzelnen Fällen Kenntnis. Eine umfassende, wissenschaftlich fundierte Studie zu dem Thema fehlt.

Wir haben schon oft von anderen zu hören bekommen, die Musiker würden in einer ganz eigenen Welt leben. Da wir selbst Teil dieser „Filterblase“ sind, würde uns interessieren, welchen Eindruck Sie als Außenstehende von der Musikerwelt haben.

Knobbe/Möller: Ach, fast jede Berufsgruppe lebt in ihrer Blase, Journalisten nicht ausgenommen. Was uns aber schon aufgefallen ist, ist das besondere Verhältnis zwischen Professor und Student oder auch Dirigent und Musiker, das oftmals weit über ein professionelles Arbeitsverhältnis hinaus geht. Da stecken viele Emotionen, Ängste, Erwartungen, Hoffnungen dahinter, die einen Missbrauch dieses Verhältnisses erleichtern.
Erschwerend kommt wohl hinzu, dass die Strukturen im klassischen Musikbetrieb anachronistisch streng hierarchisch aufgebaut sind und die Täter aus einer vermeintlich erhabenen Sphäre der hohen Kultur kommen, in der über lange Zeit ein eigenes Wertesystem gepflegt wurde.

Martin Knobbe, Sie haben ja schon zu vielen anderen Fällen recherchiert, auch zum Thema Missbrauch, z. B. in der „Colonia Dignidad“. Inwiefern ist die Recherche in der Musikerwelt anders verlaufen? Unterscheidet sich z.B. das Verhalten der Täter, Opfer oder Institutionen von diesen anderen Fällen?

Knobbe: Gewisse Muster sind gleich: Je mehr reellen Einfluss Täter auf ihre Opfer haben, etwa in Fragen der Karriere, der Bewertung, der Glaubwürdigkeit, der sozialen Akzeptanz oder einer pseudoemotionalen Abhängigkeit, desto einfacher fällt es ihnen, diese zu missbrauchen, ohne dass sie größere Konsequenzen fürchten müssen. Irritiert hat mich, wie schwerfällig die Hochschulen und ihre Fachaufsicht in den Ministerien auf die nicht zu leugnenden Vorfälle reagieren, nicht nur in München.

 


„Quellenschutz hat grundsätzlich bei uns höchste Priorität“ – Über den Umgang mit Erfahrungsberichten

Die SPIEGEL-Journalisten suchen nach wie vor nach Erfahrungsberichten

Die Frage, die wir mit unserem Engagement gerne in den Vordergrund rücken möchten, ist, was Betroffene tun können. In den beiden anderen Interviews mit Moritz Eggert und Freia Hoffmann haben wir schon auf verschiedene Möglichkeiten hingewiesen, z.B. gibt es Hilfetelefone und Frauenberatungsstellen. Auf unserem Blog stellen wir ein Kontaktformular zur Verfügung, um anonym Erfahrungsberichte zu veröffentlichen.
Wer möchte, kann außerdem in Zusammenarbeit mit den Journalisten entweder mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gehen oder anonym Recherchehinweise geben.

Suchen Sie nach wie vor nach Erfahrungsberichten von Betroffenen?

Knobbe/Möller: Auf jeden Fall. Je deutlicher wir machen können, dass es sich nicht nur um tragische Einzelfälle handelt, sondern dass das Problem in der Struktur und einer jahrzehntelang gewachsenen Mentalität liegt, desto höher sind die Chancen, dass sich in diesen Strukturen und in dieser Mentalität an den Hochschulen etwas ändert. Das aber kann man nur verdeutlichen, in dem man auch journalistisch belegt: Es gibt viele solcher Fälle. An diesen sind wir weiterhin sehr interessiert.

Profil Martin KnobbeDie Kontaktdaten der Journalisten sind dem Impressum des SPIEGELS zu entnehmen
Wenn ich mich bei Ihnen melde, wie läuft das dann ab? Muss ich dann Angst haben, sofort meinen Namen in der Zeitung zu lesen?

Knobbe/Möller: Nein, es ist ein langsames Herantasten. Unser höchstes Gut bei derartigen Recherchen ist, dass uns unsere Gesprächspartner vertrauen. Quellenschutz hat grundsätzlich bei uns höchste Priorität. Würden wir hier auch nur einen Fehler machen, könnten wir im SPIEGEL nicht so investigativ arbeiten, wie wir es Woche für Woche tun. Wer geschützt bleiben will, bleibt geschützt und wird nie seinen Namen lesen. Für uns sind primär die Informationen wichtig.

Warum ist es so wichtig, Erfahrungsberichte zu sammeln?

Knobbe/Möller: Opfer müssen oft damit kämpfen, dass ihnen Rachsucht oder moralische Unanständigkeit vorgeworfen wird. Nur indem man über schreckliche Taten wie sexuelle Übergriffe so berichtet, wie sie die Betroffenen erlebt haben, können die Leserinnen und Leser nachvollziehen, was ein Missbrauch für die Betroffenen bedeutet. Und nur so entsteht die Bereitschaft, Dinge anders zu betrachten. Diese Art der Aufklärung kann helfen, solche Taten zu vermeiden, weil sich Täter nicht mehr darauf verlassen können, dass weggeschaut wird.  Für Opfer ändert der gesellschaftliche Diskurs hoffentlich das Klima, das es braucht, um sich mit seinen Erlebnissen zu offenbaren, ohne Scham und in der Gewissheit, nichts falsch gemacht zu haben.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Gespräch!

 

Bildquellen:

Siegfried Mauser (2014): Quelle, Autor: Sigi Mauser, Lizenz: Creative Commons-Lizenz Attribution-Share Alike 4.0 International
Logo DER SPIEGEL: Quelle, Autor: SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Lizenz: Public Domain

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