„Ich würde nie schweigen, wenn vor meiner Nase Ungutes geschieht“ – Interview mit Moritz Eggert

Moritz Eggert ist ein international bekannter Komponist und Professor für Komposition an der HMT München. Seit die Vorwürfe gegen den ehemaligen Präsidenten der Hochschule Siegfried Mauser und den ehemaligen Professor für Komposition Hans-Jürgen von Bose bekannt wurden, setzt er sich für eine bessere Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch an Musikhochschulen ein. Dafür erhielt er viel Lob, aber auch scharfen Gegenwind aus Teilen der Musikerszene. Darüber hinaus sammelte er viele weitere Geschichten Betroffener, um den Stimmen entgegenzuwirken, die das Thema noch immer nicht ernst nehmen wollen.
Wir freuen uns sehr, dass wir ihn für ein Interview gewinnen konnten.

 


Moritz Eggert (2016)

„Anscheinend war Kritik im Hochschulumfeld lange nicht erwünscht“ – Die Vorfälle an der HMT München

Wann hast Du von den Vorwürfen gegenüber Professor Mauser und Professor von Bose erfahren?

Moritz Eggert: Über die Aktivitäten von Bose habe ich direkt von Opfern erfahren, die sich an mich gewendet haben. Von den konkreten Vorwürfen gegen Mauser hörte ich – wie alle anderen – zum ersten Mal, als die Anzeigen gegen ihn öffentlich wurden. Vorher wusste ich schon von einigem Fehlverhalten von ihm, aber wie krass es wirklich war, war mir nicht bewusst.

Also haben Dich die Vorwürfe überrascht?

Moritz Eggert: Bei Bose weniger, da es schon seit vielen Jahren immer wieder Berichte über sein Verhalten gab. Die Komponistenszene ist relativ klein, daher kennt man viele seiner ehemaligen Schüler persönlich, und hat immer „Geschichten“ gehört. Wie verstörend und grenzüberschreitend er aber wirklich war, hat sich erst Stück für Stück offenbart, weil viele Opfer erst Angst hatten, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Einige der Opfer waren auch keine StudentInnen, man bekam also erst einmal nicht viel über ihr Schicksal mit. Das ganze Ausmaß kennt aber nur die Staatsanwaltschaft, denke ich, und vielleicht noch nicht einmal die.

Im Gegensatz zu einigen Deiner KollegInnen hast Du Dich entschlossen, nicht zu den Vorfällen zu schweigen. Warum?

Moritz Eggert: Es gibt innerhalb von Musikhochschulen sehr autoritäre Strukturen – viele haben Angst, ihren Job zu verlieren, warten auf Entfristung ihrer Professur, zittern um ihren Lehrauftrag etc., daher schweigen sie lieber, weil sie keinen Ärger wollen, selbst wenn direkt vor ihrer Nase etwas geschieht. Ich selber bin nicht im Geringsten finanziell von meinen Hochschultätigkeiten abhängig – das hat vielleicht eine Rolle gespielt, dass ich nie einen Grund gesehen habe, hier meinen Mund zu halten. Letztlich würde ich aber nie schweigen, wenn vor meiner Nase Ungutes geschieht, ich halte das für eine moralische Verpflichtung. Ich muss allerdings auch betonen, dass ich sehr viele wunderbare KollegInnen habe, die ganz genauso denken und auch nicht schweigen, das bewundere ich sehr!

Also hast Du auch Verständnis für die KollegInnen,  die diesen Schritt nicht wagen konnten oder wollten?

Moritz Eggert: Wenn jemand in einer sehr schwachen Position ist, und es nicht klar ist, ob eine solche Kritik nicht sehr negative Konsequenzen haben könnte, kann ich so ein Schweigen verstehen. Deswegen schweigen ja auch die meisten Opfer. Aber kann man den Schwachen vorwerfen, nicht mutig zu sein, wenn die Mächtigen ihre Macht ausnutzen? Wenn jemand allerdings die Macht hat, einzugreifen und dennoch nichts tut, verurteile ich das zutiefst. Viele sagen nichts, weil sie sich grundsätzlich Autoritäten unterordnen, und das ist falsch. Autoritäten sind dazu da, hinterfragt zu werden – wenn sie diese Hinterfragung aushalten, erzeugen sie Vertrauen. Anscheinend war Kritik im Hochschulumfeld lange nicht erwünscht.

Gab es auch Anfeindungen seitens Deiner KollegInnen?

Moritz Eggert: Sagen wir es mal so: Es gibt einige mir sehr nahe Kollegen und ehemalige Freunde, die mit mir deswegen jeden Kontakt abgebrochen haben. Das sind dann meistens Freunde von Mauser, die ihm ohne Einschränkungen glauben, und daher auch den Verleumdungen meiner Person, die er ausstreut. Kein einziger dieser Menschen hat je versucht, mit mir über die Sache zu sprechen, was mich besonders enttäuscht, denn anscheinend wollen sie bestimmte Informationen ausblenden, die ihnen nicht ins Bild passen. Auch beruflich hatte das Ganze sicherlich für mich schon Konsequenzen, vielleicht ohne dass ich das direkt merke. Immer wieder erlebe ich, dass Menschen gegen mich aufgehetzt wurden. Aber ich sehe das gelassen – wenn ich allein an Karriere und Vitamin B denken würde, hätte ich auf jeden Fall den Mund halten und kuschen müssen, aber anscheinend fehlt mir das opportunistische Gen. Und Gott sei dank erlebe ich auch viel Beistand und Solidarität. Letztlich geht es ja auch gar nicht um mich, sondern um das Thema und klare Straftaten. Es ist klar, dass immer zuerst versucht wird, alle einzuschüchtern, wenn es darum geht, Missstände aufzudecken.

Wie reagieren Leute aus Deinem Umfeld, wenn Du Ihnen von den Vorfällen berichtest?

Moritz Eggert: Männer sind meist überrascht, spielen sehr oft die Taten herunter, beschuldigen die Frauen, ohne die genauen Umstände zu kennen, etc. Ich habe auch eilfertige Reaktionen erlebt wie „ICH würde sowas ja nie tun“, auch wenn dieser Vorwurf gar nicht im Raum stand. Frauen dagegen sagen eher „es war ja schon immer so, nur bisher wurde darüber nie öffentlich geredet“. Fast alle Frauen erzählen einem sofort eigene Erfahrungen mit dem Thema, manche davon genau so schlimm wie die verhandelten Fälle. Wenn man also ein bisschen hinhört, wird einem schnell klar, dass es sich wohl um ein massives Problem handelt.

Und was sagen die StudentInnen? Die sind ja bisher in der Debatte eher unterrepräsentiert.

Moritz Eggert: StudentInnen an Musikhochschulen sind wesentlich weniger eingebunden in Hochschulentscheidungen als an Universitäten. Klar, die Studentenvertreter sitzen auch mal bei den Sitzungen dabei, aber ihre Position ist nicht sehr stark. Ich war selber mal Studentenvertreter in Frankfurt, und habe dort erlebt, dass hier keineswegs erwünscht war, dass man die Stimme erhebt, zumindest war das damals so. Hier ist meiner Ansicht nach Handlungsbedarf – es wurde versucht, die Studentenvertreter in München zu motivieren, aber die waren schlicht und einfach zuerst einmal damit überfordert, denn bisher haben sie vor allem Faschingskonzerte oder Feste organisiert. Ihr Schweigen zeigt auch, wie die Hierarchien hier funktionieren, sie hatten schlicht und einfach Angst, ihre eigene Meinung zu sagen, zum Beispiel in einem Interview oder einer Diskussion. Aber ich habe Hoffnung, dass sich das jetzt ändern wird. Ich würde die Studenten an allen Hochschulen gerne ermutigen, Leute zu wählen, die wirklich den Ernst der Lage begreifen und sich auch engagieren wollen, gleichzeitig sollten die Hochschulen sie mehr einbinden. In Leipzig zum Beispiel war die Studentenvertretung sehr stark und engagiert, was das Thema anging, das fand ich bewundernswert. Letztlich hängt es immer von der Initiative Einzelner ab.

Im Zuge der ganzen Sache bist Du selbst in juristische Schwierigkeiten geraten. Worum ging es da?

Moritz Eggert: Ich selber bin keineswegs in juristische Schwierigkeiten geraten, sondern habe mich stattdessen mit erfolgreichen einstweiligen Verfügungen gegen Verleumdungen meiner Person durch Mauser bzw. Bose gewehrt, die hier eine sehr tätertypische Taktik anwenden, um von der eigenen Schuld abzulenken. Mir wurde hier in allen Punkten vor dem Gericht Recht gegeben. Ich war auch nicht der Einzige, der verleumdet wurde, so wurde einer der Klägerinnen eine Stasi-Vergangenheit angedichtet, niedere Beweggründe für die Klagen wurden frei erfunden, alles war angeblich Teil einer „großen Verschwörung“ der Musikhochschule gegen Mauser und Bose, etc. Ich denke mir nur: Wer tatsächlich unschuldig angeklagt ist, würde sich hüten zu lügen und zu verleumden, um sich zu verteidigen, hier aber geschieht genau das Gegenteil. Das Gericht hat so etwas schon tausendmal gesehen und nimmt es gelassen, denke ich.

Siegfried Mauser (2014)

Wenn man z.B. die Kommentare auf Amélie Sandmanns* Internetseite sieht, bekommt man das Gefühl, dass Siegfried Mauser trotz der drei Verurteilungen von vielen als unschuldig angesehen wird. Ist das nur eine Minderheit oder herrscht diese Meinung in Musikerkreisen vor?
* Die Sängerin und Schauspielerin Amélie Sandmann ist die Ehefrau von Siegfried Mauser.

Moritz Eggert: Mauser war vor seiner Verurteilung eine der bestvernetzten musikalischen Persönlichkeiten Deutschlands. Er kennt buchstäblich tausende von Menschen, viele von ihnen nur flüchtig. Natürlich ist er nicht über jede dieser Personen hergefallen, vor allem nicht über die Männer. Es ist wie bei jedem Straftäter – da können hunderte von Menschen im Gericht aufstehen und sagen „mir hat er/sie aber doch gar nichts getan, deswegen muss er/sie unschuldig sein“. Das ist aber eine Milchmädchenrechnung – am Ende des Tages geht es nur um die Täter und die Opfer, allein darüber wird geurteilt. Das, was geschehen ist, steht zur Diskussion, nicht das, was nicht geschehen ist. Da kann jeder seine eigene Meinung haben, angesichts der mehrfachen Verurteilungen und immer wieder neu aufkommenden Vorwürfen (es gab ja neben den verhandelten vier Mauser-Fällen durchaus noch weitere Frauen, die in Zeugenaussagen von ähnlichem Verhalten berichteten), ist die Faktenlage für Mauser recht ungünstig, daher ist der Kreis seiner Unterstützer sehr geschrumpft. Viele von ihnen sind persönliche Freunde, denen er nie etwas getan hat, ich mache diesen Menschen nicht den Vorwurf, zu ihm zu stehen. Allzu naiv sollten sie aber wohl auch nicht sein.

Siegfried Mauser hat gesagt, dass er gerne wieder in München unterrichten würde. Wie realistisch ist das?

Moritz Eggert: Wenn er nach allen Revisionen und Instanzen komplett freigesprochen wird, wäre das eine Riesenüberraschung angesichts der Faktenlage und drei schon erfolgten Verurteilungen. Das wäre aber für eine Wiedereinstellung Voraussetzung. Vielleicht landen aber morgen auch Marsianer? Unmöglich ist wohl nichts…
Ich persönlich würde Mauser von Herzen wünschen, sich seiner Verantwortung und seinem Verhalten stellen zu können, Empathie mit den Opfern an den Tag zu legen und sich vielleicht von seinem ungünstigen Umfeld zu befreien, allen voran von seinen Anwälten, die ihn meiner Ansicht nach schlecht beraten, und von seiner Frau, die sich für ihn ungünstig in mediale Feldzüge gegen angebliche „Feinde“ ihres Mannes verstrickt. Ich war mit Mauser gut befreundet, war zutiefst erschüttert über die Enthüllungen und habe mehrmals versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Am Ende hat er sich aber entschieden, einen anderen Weg zu gehen, was mich traurig macht. In so einer Sache hilft wohl Einsicht, dann ist auch Vergebung möglich.

 


Moritz Eggert unterrichtet Komposition an der HMT München.

In der Berichterstattung über die Vorfälle in München tauchte auch immer wieder die Frage auf, ob es sich um Einzelfälle handelt, oder ob die Art des Studiums an einer Musikhochschule nicht generell zu hinterfragen sei. Wir hatten dabei den Eindruck, dass die Einzeltäterthese als Ausrede benutzt wird, nötige Maßnahmen zu verhindern oder hinauszuzögern. Da Moritz Eggert selbst an einer Hochschule unterrichtet, hat uns seine Meinung dazu besonders interessiert.

„Der Druck, etwas zu ändern, wächst“ – Machtmissbrauch im Unterricht

Ist der Missbrauch an Musikhochschulen Deiner Meinung nach ein strukturelles Problem, vielleicht sogar institutionell begünstigt?

Moritz Eggert: Man hört ja ähnliches auch aus größeren Universitäten, Krankenhäusern, Schulen etc. Überall dort wo autoritäre Strukturen existieren und Menschen Macht haben, kann Missbrauch – nicht nur in sexueller Form – geschehen. Musikhochschulen sind insofern ein Sonderfall, weil sie im Universitätsleben eine Art Exotenstatus haben – viele Hierarchien sind viel simpler und unbeweglicher gestaltet als zum Beispiel an einer Uni, weil man die Künstlerausbildung als nicht so heikel empfindet und die Beurteilung von künstlerischem Können auch oft sehr subjektiv ist. Daher können Personen Macht ausüben, die viel größer ist als an anderen Instituten, und ihre Macht ist auch wesentlich dauerhafter. Das verführt einige wenige, und dann gibt es weniger Mechanismen, die sie bremsen und viel weniger Kontrolle als an einer großen Universität.

Also sind die Maßnahmen der Musikhochschulen, um Übergriffe oder Machtmissbrauch im Unterricht zu verhindern bzw. aufzuklären, nicht ausreichend?

Moritz Eggert: Bisher augenscheinlich nicht, bei der immensen Anzahl von Vorfällen. Natürlich kommen die Dinge jetzt in Bewegung, und der Druck, etwas zu ändern, wächst. Jede Hochschule geht damit individuell um, und man ist sicherlich sensibler geworden, aber absolut allen ist die Thematik vertraut, da es auch an allen Hochschulen Fälle gibt und gab, nur wurden die bisher nie öffentlich, wie es bei Mauser und Bose geschah.

Als Lehrer kann es manchmal schwer sein, die nötige Distanz zu wahren. Man berührt z.B. schnell mal die Hand des Schülers, um die Haltung zu korrigieren, ohne ihn jedes Mal um Erlaubnis zu bitten. Kannst Du Tipps geben, wie man die nötige Distanz hält?

Moritz Eggert: Berührungen und menschliche Nähe gehören zur menschlichen Kommunikation. Wenn viele Nationen sich zur Begrüßung auf die Backe küssen heißt es nicht, dass man ins Bett gehen will, sondern es sind etablierte Gesten der Herzlichkeit. Dazu gehören auch Umarmungen, Schulterklopfen etc. Ärzte müssen uns anfassen, Zahnärzte fuhrwerken in unserem Mund herum, ich nehme den Arm von jemandem und helfe ihm über die Straße, weil er vielleicht gebrechlich ist etc. Wenn wir anfangen, alle diese Berührungen – und dazu gehören auch Berührungen von Dozenten während des Unterrichts zum Zwecke der Demonstration von etwas, aber eben auch Gesten der Herzlichkeit wie Schulterklopfen, Aufmunterungen usw. – zu dämonisieren, machen wir unsere Welt kälter und werden paranoid. Die Frage ist doch: Welche Berührungen gehören zum normalen menschlichen Umgang und welche sind sexuell motiviert? Das merkt man doch sehr genau, und zwar dann, wenn die Berührungen unnötig, aufgedrängt oder unangenehm sind. Und dann ist es auch mein Recht als Person, mich dieser zu verwehren. Die notwendige Distanz entsteht automatisch, wenn ich die andere Person respektvoll behandele, und ihr nichts aufdränge, was über den normalen Umgang hinausgeht. Das scheint einigen schwer zu fallen, und ihnen muss man schon sehr früh klar machen, dass das nicht ok ist. Ich finde es überhaupt nicht schwer, mit meinen Studenten in dieser Hinsicht unverkrampft umzugehen, und der großen Mehrheit der KollegInnen geht es doch auch so. So wahnsinnig schwer ist es nicht, respektvoll miteinander umzugehen, auch im Einzelunterricht nicht.

Neben den Missbrauchsfällen gibt es ja auch Berichte über einvernehmliche sexuelle Kontakte zwischen Lehrkräften und StudentInnen. Ist so etwas in Anbetracht des Abhängigkeitsverhältnisses überhaupt möglich?

Moritz Eggert: Ich finde es grundsätzlich heikel, wenn sich in einem akademischen Umfeld Privates mit dem Fachlichen vermischt, denn es geht ja um Noten und Beurteilungen. Kann ich nüchtern über jemanden urteilen, mit dem ich ein sexuelles Verhältnis habe? Aber natürlich sind wir alle Menschen, und die Liebe fällt hin, wo sie hinfällt, unter erwachsenen Menschen kann man das nicht grundsätzlich verbieten. Aber dann gibt es auch Wege verantwortungsvoll damit umzugehen, nämlich indem man die Beziehung nicht geheim lässt, sondern offen lebt. Wenn man in eine Studentin z.B. wirklich verliebt ist, will man doch gar nicht, dass ihr ein solches Verhältnis schlecht ausgelegt wird, man tritt dann aus Prüfungsgremien zurück aus Befangenheit etc. Ich kenne viele Fälle, wo dies verantwortungsvoll geschah, und das ist dann auch keinerlei Problem. Die Probleme entstehen nur dann, wenn es allein um Sex als eine Art Tauschgeschäft geht, oder er erzwungen wird. Dabei geht es nie um echte Liebe, sondern um ein Ausleben von Macht über Andere.

Hans-Jürgen von Bose (2005), „Wer ihm zu ‚starr und viereckig‘ vorkam, dem brachte er die Kulturgeschichte des Pornos nahe, weil er darin Parallelen zur Musikgeschichte sah.“ – Artikel im SPIEGEL über die Vorfälle in München

Manche Täter behaupten, diejenigen, die sie des Missbrauchs beschuldigen, seien bloß „prüde“. Ist ein offenes Verhältnis zum Thema Sexualität hilfreich oder gar nötig, um ein guter Musiker zu werden?

Moritz Eggert: Ich habe dazu eine ganz einfache Meinung: Die sexuellen Befindlichkeiten meiner Studenten gehen mich einfach nichts an! Sie haben nicht das Geringste mit den Studienfächern zu tun, also sollen sie auch nicht das Thema des Unterrichts sein. Es ist nicht meine Aufgabe als Dozent, sie sexuell „zu befreien“ oder sie „locker“ zu machen, wer das behauptet, benutzt es einfach nur als Trick, um sich Studenten zu „groomen“, also gefügig zu machen, um irgendwie Macht über sie auszuüben.
Sex und Erotik wird in der Kunst oft thematisiert, und das muss auch möglich sein. Aber zu behaupten, dass es nur möglich ist, ein Liebeslied von Schubert zu singen, wenn man vorher tollen Sex hatte, ist genauso absurd wie von einer Opernsängerin, die „Carmen“ singt, erst einmal zu verlangen, sich zu prostituieren und ihre ehemaligen Liebhaber umzubringen. Man muss zwischen Darstellung, Unterricht und Privatleben unterscheiden, und das Privatleben der Studenten geht nur sie alleine etwas an.

 


Die Frage, die sich den von Übergriffen Betroffenen aufdrängt, ist meistens: Was tue ich jetzt? Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten. Viele Universitäten haben mittlerweile ein ganzes Geflecht an Kontaktstellen eingerichtet, an die sich StudentInnen wenden können. Manche Musikhochschule hinkt da in der Entwicklung hinterher. In einem früheren Artikel haben wir ja schon einmal auf den – aus unserer Sicht – unzureichenden Flyer „Nein heißt Nein“ hingewiesen, den die HMT München als Reaktion auf die Vorfälle verteilen ließ.

„Je früher man etwas sagt, desto besser“ – Was kann man als StudentIn tun?

Was kann ich als SchülerIn oder StudentIn tun, um von vornherein Situationen zu vermeiden, in denen es im Unterricht zu unerwünschten Annäherungen kommen könnte?

Moritz Eggert: Je früher man etwas sagt, desto besser. Man muss sofort Grenzen ziehen, bevor es zu Enttäuschungen oder gar Gewalt kommt. Wenn dies auf eine Weise geschieht, die dem Gegenüber noch die Chance zum Rückzug gibt, ohne komplett das Gesicht zu verlieren, sollte es dann auch damit gut sein. Schließlich gibt es im menschlichen Miteinander auch Missverständnisse, was Intentionen angeht. Das Problem ist aber oft die Angst vor den Konsequenzen einer solchen Zurückweisung, Angst vor schlechten Noten, Rückzug der Förderung usw. Hier sollte man ansetzen und den Studenten signalisieren, dass sie bei einer solchen ungerechten Behandlung nach einem Vorfall mehr Unterstützung zu erwarten haben und nicht alleine gelassen werden.

Was sollte ich tun, wenn es zu Übergriffen gekommen ist? An wen kann ich mich wenden? An wen sollte ich mich besser nicht wenden?

Moritz Eggert: Falls das Vertrauen in den internen Umgang der Hochschule mit diesem Thema intakt ist, auf jeden Fall an die Frauenbeauftragte, die man aber eigentlich auch Frauen/Männerbeauftragte nennen müsste, da Männer auch Opfer von Übergriffen sind. Ansonsten auf jeden Fall an eine externe Stelle wie z.B. einen Frauennotruf, die mit der Thematik vertraut sind und sofort Unterstützung geben können. Diese können dann auch die Polizei einschalten in besonders schlimmen Fällen, aber wichtig wäre auch, vielleicht noch nicht strafbares aber z.B. unangenehmes oder sexistische Verhalten sofort zu monieren im Sinne eines besseren Umgangs miteinander, der doch auf jeden Fall wünschenswert wäre.

Moritz Eggert rief die „#MeToo an Musikhochschulen“-Bewegung ins Leben

Manche StudentInnen glauben, dass sie die Übergriffe ertragen müssten, um nicht ihre Karriere zu gefährden. Was denkst Du darüber? Kann man mit solchen Erfahrungen überhaupt eine gesunde Karriere machen?

Moritz Eggert: Ich kenne mehrere Beispiele von sehr erfolgreichen KollegInnen, die sich in solchen Situationen gewehrt haben, ohne ihre Karriere zu ruinieren, auch wenn sie vielleicht auch zeitweise negative Konsequenzen erdulden mussten. Andere Karrieren wurden tatsächlich leider „zerstört“, das ist aber sehr selten. Wir müssen StudentInnen ermutigen, dass ihr Schicksal vor allem in ihrer eigenen Hand liegt; dass sie nicht so schwach sind, dass ihr Erfolg von der Gunst einiger weniger abhinge. Ich kenne auch Fälle, in denen sich StudentInnen auf Übergriffe eingelassen haben, es aber dann später zutiefst bereuten, weil sie sich schämten. Dann leidet ihr Selbstwertgefühl ungemein und es ist am Ende viel schädlicher für ihre Karriere, als wenn sie sich gleich gewehrt hätten. Das beste Mittel gegen Grapscher und notgeile Dozenten sind selbstbewusste StudentInnen, die ausstrahlen, dass sie so etwas nicht tolerieren und die sofort den Mund aufmachen, wenn man Grenzen überschreitet.

Wir haben im Studium oft politisches Engagement der StudentInnen vermisst: Wenn man ein wichtiges Konzert hat geht man eben lieber üben, anstatt an einer Demo oder der Studienratssitzung teilzunehmen. Ließe sich mit mehr Engagement von dieser Seite aus mehr bewirken? Gilt die „moralische Verpflichtung“ nicht wegzusehen nicht genauso für StudentInnen?

Moritz Eggert: Sicherlich würde die gelten, aber MusikstudentInnen sind einsame Kämpfer, schon von Anfang an auf Konkurrenz und Hochleistungssport geeicht. Es gibt gute DozentInnen, die eine positive und kollegiale Klassenatmosphäre fördern, und das kann sich dann positiv auf das Engagement auswirken. Aber die meisten StudentInnen schließen sich lieber tagelang ein, um zu üben, blenden die Wirklichkeit auch oft aus (wie z.B. Politik). Die engagierteren StudentInnen kommen fast nie aus den Bereichen der Solistenausbildung, sondern fast immer aus denen der Musikpädagogik wie z.B. Schulmusik, denn dort ist es normaler, dass man kommuniziert und gemeinsam arbeitet.
Ich würde mich freuen, wenn sich das ändert, und man den ein bisschen autistischen Tendenzen des Musikerdaseins entgegenwirken kann. Denn am Ende zählt Kommunikation und Teamarbeit später sehr viel, wenn man z.B. ein Kammermusikensemble aufbaut oder im Orchester spielt. „People Skills“ sind also für MusikerInnen sehr wichtig, dazu gehört auch die nötige Empathie, Probleme bei KommilitonInnen zu bemerken und diese zu unterstützen. Solidarität in der Klassengemeinschaft würde viele Übergriffe verhindern, denn oft wehren sich Opfer nicht, weil sie alleine und isoliert sind, sehr oft auch deswegen, weil sie vielleicht noch nicht gut Deutsch sprechen (wie z.B. viele ausländische StudentInnen, von denen es an Musikhochschulen besonders viele gibt, vor allem in den Solofächern).

Was hältst Du von der Idee, Erfahrungsberichte in anonymisierter Form auf unserem Blog zu veröffentlichen?

Moritz Eggert: Es ist ein gutes Mittel um den ewigen Zweiflern zu zeigen, wie groß die Thematik eigentlich ist. Jede Geschichte zählt, ob verjährt oder nicht. Es geht auch nicht darum, tausend neue Gerichtsprozesse zu eröffnen, sondern ein Panorama der bisherigen Situation zu bekommen, damit dieses Fehlverhalten früher gestoppt werden kann, um Karrieren von sowohl Opfern als auch potentiellen Tätern zu retten. Denn wenn letztere schon viel früher Grenzen aufgezeigt bekommen, entwickeln sie ihr Fehlverhalten gar nicht erst, und das würde wiederum Studenten schützen. Dass solche Berichte oft anonym sein müssen, muss man respektieren aufgrund der nach wie vor viel zu heiklen Lage für Opfer, die sich sofort übelster Nachrede aussetzen würden.

Wir bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview!

 

 

Bildquellen:
„Moritz Eggert (2016)“: Quelle, Autor: Susanne Diesner, Lizenz: Creative Commons-Lizenz Attribution-Share Alike 4.0 International
„Siegfried Mauser (2014): Quelle, Autor: Sigi Mauser, Lizenz: Creative Commons-Lizenz Attribution-Share Alike 4.0 International
„HMT München“: Quelle, Autor: Maximilian Dörrbecker, Lizenz: Creative Commons-Lizenz Attribution-Share Alike 2.5 Generic
„Hans-Jürgen von Bose (2005)“: Quelle, Autor: Hasfurth, Lizenz: Public Domain

2 Kommentare

  1. k. sagt:

    Liebe Laura, lieber Daniel, lieber Moritz Eggert,

    Vielen Dank für das Engagement und für das wichtige und tolle Interview!

    Ergänzend zum zweiten Abschnitt:

    Sexuelle Übergriffe an Musikhochschulen passieren nicht nur im Unterricht im engen Sinne.

    Es ist nicht unüblich, dass die Klasse nach einem Klassenabend gemeinsam essen geht. Insbesondere Studenten und Studentinnen in der Solistenausbildung spielen auch auswärtige Konzerte, teilweise auch mit ihren Lehrern. Oder der Professor feiert seinen Geburtstag bei sich zu Hause. Übergriffigkeiten passieren auch in solchen Rahmen.

    Musikhochschulen tun sich schwer, solche Übergriffe und Gewalttaten außerhalb des Hochschulgebäudes als ein Hochschulproblem zu sehen. Sie hängen aber direkt mit der Hochschulausbildung zusammen und passieren im Rahmen des Studiums.

    Ergänzend zum dritten Abschnitt:

    Es gibt unterschiedliche Arten von sexuellen Übergrifflichkeiten. Manche sind strafbar, manche sind nicht strafbar, gerade deshalb ist hier Professionalität seitens der Lehrkraft gefordert.

    Manche “groomen” die Betroffenen, so dass die betroffene Studentin sich z.B. in dem Augenblick geschmeichelt fühlen und tatsächlich denken kann, dass der Professor sie liebt – wenn der Professor für die Studentin eine Art ideale Vaterfigur ist, kann das dann wie eine echte Liebe anfühlen, da kann es für die Studentin sehr schwierig, sich rechtzeitig abzugrenzen. Die Enttäuschung kommt, wenn die Studentin merkt, dass sie nur eine Spielfigur ausgenutzt wurde. Das mag nicht strafbar sein, ist aber ein gravierender Vertrauensmissbrauch.

    Manche sexuelle Gewalttaten kommen unerwartet. Im Nachhinein erkennt man vielleicht Vorboten – vielleicht hat der Gewalttäter die Grenzen und der Wehrhaftigkeit des/der Betroffenen ausgetestet, vielleicht hat er den/die Betroffene(n) schon vorher emotionell eingeschüchtert, so dass der/die Betroffene in dem Augenblick der Gewalttat sich nicht ausreichend wehren konnte. Besonders schlimm wird es, wenn der Übergriff auf eine Art stattfindet, wie der/die Betroffene bereits von früher her (z.B. Kindheit) kennt und sich in dem Moment erstarrt.

    Ganz wichtig finde ich den Satz von Moritz Eggert: “Je früher man was sagt, desto besser.”

    Wenn ein Professor die Karriere einer Studentin zerstören will, wird er es eh tun, egal ob und wie man sich gegen den Sex gewehrt hat, und ob das Wehren Erfolg hatte oder nicht. Wenn es tatsächlich zu einer Vergewaltigung gekommen ist, hat man als Betroffene viel mehr Probleme als wenn man die Vergewaltigung mit Tritten und Schlägen verhindern konnte. Letztendlich kann sich der Professor von einem Nein oder von einem körperlichen Widerstand beleidigt sein, aber noch weniger will er nach einer Vergewaltigung angezeigt oder gar verurteilt werden. (Es sei denn man sich Vorteile erhofft, in dem man freiwillig in den Sex einwilligt oder gar selbst Sex lanciert, kann also der Machtinhaber gar nicht geschmeichelt sein – und diese Praktik lehne ich persönlich entschieden ab.)

    Selbst nachdem sexuelle Gewalt passiert ist, finde ich es mittlerweile langfristig auch besser, kurzfristige Nachteile in Kauf zu nehmen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Man findet immer irgendwo einen Platz für sich, auch wenn die Karriere vielleicht nicht so läuft wie man sie sich vorgestellt oder gewünscht hatte.

    Das Problem ist, dass gerade junge Musiker oft nicht einschätzen können, in wieweit man “selbst” sein kann und in wieweit man sich “anpassen” muss. Darin sehe ich auch eine Verantwortung der älteren, erfahreneren Kollegen, Wegweiser für die jüngere Generation zu sein.

    Insbesondere wenn die Übergrifflichkeiten noch im Rahmen der “Unannehmlichkeiten” bleiben (z.B. sexistische Witze, Porno zeigen, anzügliche Gesten und Bemerkungen), man also eigentlich noch eine Wahl hat, ist es wichtig und notwendig, sich klar zu machen, dass man nicht alles mitmachen muss, nur um ein Empfehlungsschreiben, ein Konzertengagement, einen Wettbewerbspreis o.ä. zu bekommen.

    Ich kannte z.B. einen Konzertagenten, der zwar gute geschäftliche Kontakte hatte aber mit seinen Künstlern ins Bordell zu gehen pflegte. Er erzählte auch freizügig davon, beispielweise, dass er sich mit dem Künstler X nach dem Konzert zusammen die Frauen im Bordell angeschaut hätten aber keine Hübsche gefunden und daher wieder abgezogen. Und eben auch, dass sowas zum Künstlerleben dazu gehört. Wer sowas wirklich mag, kann ja mitmachen. Wer das nicht mag, kann aber auch sagen, dass er mit diesem Agenten nicht klar kommt und nicht mit ihm zusammen arbeiten will. Dann verpasst man vielleicht paar nette Konzertengagements, vielleicht verpasst man so manche Karriereschube, aber dann ist es eben so. Denn der Preis fürs Mitmachen kann sein, dass man unglücklich ist, dass die Gesundheit leidet, dass man nicht mehr frei ist. Die Verantwortung hat man sich selbst gegenüber.

    Ich finde es toll, dass jetzt darüber gesprochen werden kann. Herzlichen Dank.

    • Laura & Daniel sagt:

      Liebe/r k.,

      danke für Deinen ausführlichen Kommentar!
      Wenn die Hochschulen Gründe suchen, um nicht verantwortlich zu sein, werden sie die immer finden (wenn sie z. B. sagen, alles habe in der „Freizeit“ der Beteiligten stattgefunden, oder es handle sich um eine einvernehmliche Beziehung). Deshalb muss die Aufarbeitung wohl von anderer Seite her erfolgen. Es ist gut zu wissen, dass auch andere Bedarf sehen, über dieses wichtige Thema zu sprechen.

      Viele Grüße,
      Laura & Daniel

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