Kompositionsprofessor vor Gericht

In München hat im November der Gerichtsprozess gegen Hans-Jürgen von Bose, Komponist und ehemaliger Professor der Musikhochschule München, begonnen. Kurz zusammengefasst geht es um Folgendes: Bose soll die Schwester eines ehemaligen Studenten bei drei Gelegenheiten vergewaltigt haben. Bose bestreitet die Vorwürfe.

Im Zuge der Berichterstattung stellte sich unter anderem heraus, dass Bose eine sehr eigenwillige Auffassung vom Beruf des Hochschulprofessors hatte. So soll er mit StudentInnen zu Hause Pornos geschaut, in Unterrichtspausen Verschwörungstheorien und rechtes Gedankengut verbreitet und regelmäßig sexuelle Abenteuer mit StudentInnen gesucht haben. Auch aus seinem Drogenkonsum machte Bose kein Geheimnis; bei einer Hausdurchsuchung, die im Zuge der Ermittlungen durchgeführt wurde, fand die Polizei Crystal Meth und Kokain, sowie größere Mengen Medikamente und eine illegale Schreckschusspistole.

Hans-Jürgen von Bose (2005)

Dabei war Bose lediglich über die sogenannte „Genie-Klausel“ an seine Professur gekommen. Eine ordentliche Stellenausschreibung gab es nicht; über einen Musikhochschulabschluss verfügt Bose auch nicht. Diese äußerst ehrenvolle Berufung zum Professor führte bei ihm aber offenbar nicht zu einem gesteigerten Verantwortungsbewusstsein. Auch die Hochschule sah lange keinen Handlungsbedarf, obwohl man natürlich von den „Gerüchten“ wusste. Der SPIEGEL vermutete beispielsweise, dass eine Studentin nicht Boses Kompositionsklasse zugeordnet wurde, weil sie „zerbrechlich“ wirkte. Der aktuelle Präsident der Musikhochschule, Bernd Redmann, sagte in der FAZ, er habe damals mitbekommen, wie Bose Verschwörungstheorien verbreitete, dies aber nicht ernst genommen.

Für mehr Informationen empfehlen wir den SPIEGEL-Artikel „Sex im Präsidentenbüro“, sowie die aktuelle Berichterstattung zum Prozess in der Süddeutschen Zeitung („Der nächste Musikhochschul-Professor vor Gericht“) und der FAZ („Eingesperrt und mit Drogen gefügig gemacht“).

Abgesehen von den abenteuerlichen Fakten, die im Fall Bose ans Tageslicht gekommen sind, fällt uns an der Berichterstattung auf: Die Perspektive des mutmaßlichen Täters wird oftmals ausführlich beleuchtet, während den Betroffenen wenig Raum gegeben wird. Selbst beim neutralen Leser entsteht durch Überschriften wie „Es war eine Liebesbeziehung“ (Süddeutsche Zeitung vom 13.11.2020) oder „Musikprofessor vermutet Komplott“ (Kölner Stadtanzeiger vom 13.11.2020) der Eindruck, alles andere als ein Freispruch käme als Urteil nicht in Frage. In den Artikeln wird zwar die Faktenlage korrekt wiedergegeben, aber es kommen auch ausführlich Bose oder sein Anwalt zu Wort. Als Kontrast sei ein anderer Artikel aus der gleichen Ausgabe des Kölner Stadtanzeigers genannt: Dort lautet die Überschrift „Polizei findet Drogen und Waffen“, der Artikel lässt keinen Zweifel daran, dass der Beschuldigte auch wirklich schuldig ist. Hier geht es allerdings nicht um einen international bekannten Komponisten, sondern „nur“ um einen kleinen Drogendealer ohne teuren Anwalt und ohne Lobby.

Wir wollen hier nicht alle Medien und Journalisten in einen Topf werfen, aber unsere Erfahrung der letzten Jahre zeigt: Der ganz große Skandal steht oft im Vordergrund. Ebbt die erste Empörung ab, lässt auch das Interesse der Medien nach. Das beste Beispiel ist dafür der Fall Mauser: Bei der Urteilsbestätigung des BGH im Oktober 2019 berichteten viele Medien, sogar die Tagesschau brachte eine Meldung. Mittlerweile muss man schon aufwändig recherchieren, um eine kleine Notiz darüber zu finden, ob Mauser seine Haftstrafe nun endlich antritt. Das Gutachten, das seine Haftfähigkeit untersuchen sollte, müsste eigentlich schon längst vorliegen – die Frist ist zumindest seit einigen Wochen abgelaufen. Zu welchem Ergebnis das Gutachten kommt, wissen wir leider nicht, da in den Medien dazu nichts zu finden ist.

Auch uns kontaktieren gelegentlich Journalisten, um uns nach Ergebnissen unserer eigenen Recherche zu fragen. Wir haben sogar schon ein Interview mit dem BR geführt. Dort ging es aber nicht um Sex, Drugs & Rock’n’Roll, sondern um ein eher technisches Thema, nämlich die praktischen Konsequenzen aus dem Holzheid-Bericht. Hinter dem Interview stand eine junge ambitionierte Journalistin, die mit ihrer Recherche wirklich etwas bewegen und Missstände in der Musikszene aufdecken wollte. Dafür kam sie sogar zu uns nach Weimar und organisierte noch schnell ein Kamerateam des MDR. Doch das Interview wurde leider nie gesendet. Der Sender verlor irgendwann das Interesse an dem Thema. Vielleicht waren unsere Aussagen einfach nicht spektakulär genug.

Erst vor wenigen Tagen kontaktierte uns eine weitere Journalistin. Auch sie fragte uns nach unseren Recherche-Ergebnissen. Doch es stellte sich schnell heraus, dass es ihr eher um die Aufdeckung von neuen, spektakulären Fällen, am besten mit großen Namen, am besten aus dem Umfeld in München ging. Doch da mussten wir sie leider enttäuschen: Hätten wir diese Fälle, würden wir sie wohl öffentlich machen. Es ist nicht so, als hätten wir keine Hinweise auf teils schwere Verbrechen, doch können wir nichts machen, wenn die Opfer diese nicht öffentlich machen wollen. Und letztendlich hatten wir jetzt eigentlich auch genug spektakuläre Fälle, um zu zeigen, dass wir in der Musikszene ein ganz grundsätzliches Problem mit Machtstrukturen haben. Daran würde auch eine Verurteilung bzw. ein Freispruch von Hans-Jürgen von Bose nichts ändern.

Jetzt wäre es an der Zeit, die Gerichtsprozesse hinter uns zu lassen, den TäterInnen und mutmaßlichen TäterInnen nicht noch mehr Raum zu geben und uns darauf zu konzentrieren, die klassische Musikszene endlich zu reformieren und ins 21. Jahrhundert zu überführen. Dazu müssten wir vor allem eins tun: Den Opfern des bisherigen Systems und den Reformwilligen zuhören, denn die haben in der Regel ein ganz gutes Bild davon, was schief läuft. Wir brauchen keine juristisch festgestellte Vergewaltigung, um das zu erkennen. An dieser Stelle möchten wir noch einmal auf die Holzheid-Kommission hinweisen, die sehr vielversprechende Ergebnisse und Verbesserungsvorschläge präsentiert hat. Nur: Umsetzen müssen wir MusikerInnen selbst diese Vorschläge. Daran mangelt es unserer Meinung nach noch zu sehr.

Laura & Daniel

Bildquelle:
“Hans-Jürgen von Bose (2005)”: Quelle, Autor: Hasfurth, Lizenz: public domain

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