Die Holzheid-Kommission, die die Zustände an der HMT München untersuchen sollte, hat am 5. April 2019 ihren Abschlussbericht präsentiert. Die Kommission war auf Wunsch der Hochschulleitung im Zuge der Vorfälle rund um den ehemaligen Präsidenten Siegfried Mauser ins Leben gerufen worden. Der Bericht ist auf der Homepage der HMT abrufbar, ebenso wie ein Statement des aktuellen Präsidenten Bernd Redmann.

Wir möchten den Bericht nun analysieren und auch gerne mit Euch darüber diskutieren, was Ihr Euch noch gewünscht hättet oder in welchem Punkt Ihr anderer Meinung seid.


Zunächst einmal sind wir sehr froh darüber, dass die Kommission gegründet wurde und offenbar ungestört Ihre Arbeit tun konnte. Auch das Ergebnis stimmt uns insgesamt positiv: Kurz zusammengefasst enthält der Bericht viele gute Ideen und Anregungen, spricht Schwachstellen des Systems Musikhochschule gezielt an und macht sinnvolle Verbesserungsvorschläge.

Doch nun kommt das große Aber: Der Empfehlungen des Berichts sind natürlich unverbindlich. Das heißt, dass es nun an der Musikhochschule ist, auf welche Art und in welchem Umfang die Vorschläge umgesetzt werden. Die Musikhochschule hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie – selbst bei gutem Willen! – große Probleme dabei hat, intern Änderungen an grundsätzlichen Gepflogenheiten vorzunehmen. Wird sie jetzt dazu in der Lage sein?

Im Folgenden möchten wir den Bericht kurz zusammenfassen. Wir listen die wichtigsten Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge auf:

Die wichtigsten Kritikpunkte im Überblick

  • Die Umfrage zum Thema „Sexuelle Belästigung“ nicht zu veröffentlichen, sei ein Fehler gewesen.
  • Die neuen Richtlinien zur Diskriminierung seien zu allgemein formuliert und würden sexuelle Übergriffe somit nicht ausreichend in den Fokus rücken.
  • Die Anlaufstellen für Betroffene seien zu unübersichtlich. Es sei nicht klar, welche Ansprechpartner welche Rechte und Pflichten haben (z.B. Schweigepflicht).
  • Regeln zu (intimen) Beziehungen zwischen Hochschulangehörigen seien kaum bekannt.
  • Die Überprüfung der pädagogischen Eignung der Lehrenden wird kritisiert: Es gebe keine Berufungsrichtlinien bei Neueinstellungen, später sei eine Überprüfung des Unterrichtsverhaltens unüblich.
  • Die Führungskräfte der Hochschule würden bei Fehlverhalten Einzelner nicht ihrer Position und Verantwortung gerecht.
  • Der Umgang der Lehrenden mit Studierenden der Ballettakademie sei höchst problematisch. Es habe Berichte über Demütigungen und Ausgrenzungen sowie fragwürdige Unterrichtskonzepte gegeben.

Die wichtigsten Verbesserungsvorschläge im Überblick

  • Es sollte eine primäre, externe Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet werden, am besten durch eine Anwältin.
  • Es sollte für alle Lehrenden verpflichtende Führungsfortbildungen geben.
  • Die Kommission empfiehlt eine genauere Untersuchung, inwieweit eine Ausweitung von Gruppenunterricht, verbunden mit der Stärkung von kollegialer Verantwortung, sinnvoll ist.
  • Die Möglichkeiten, Unterrichtsräume von außen einsehen zu können, sollten mit allen Hochschulangehörigen diskutiert und ggf. umgesetzt werden.
  • Regeln zum Körperkontakt zwischen Lehrenden und Studierenden sollten in die Hochschulrichtlinien aufgenommen werden.
  • Unterricht sollte ausschließlich in der Hochschule stattfinden. Sollte es ausnahmsweise einmal nötig sein, den Unterricht beim Lehrenden zu Hause durchzuführen, bedürfe es strenger Kontrollen.
  • Die Kommission empfiehlt eine umfassendere und langfristigere Prüfung der pädagogischen Eignung der Lehrenden.
  • Ein Lehrerwechsel sollte ohne Nachteile für den Studenten oder die Studentin möglich sein.

Unsere Einschätzung des Berichts

Für uns gleichermaßen erstaunlich wie erfreulich war, dass die Kommission sich nicht auf die Thematik „sexuelle Übergriffe“ beschränkt, sondern den Bogen zur pädagogischen Eignung der Lehrenden spannt. Dieser Zusammenhang ist aus unserer Sicht entscheidend dafür, ob sich am Klima an Musikhochschulen etwas ändern wird. Viele MusikerInnen werden sich bestimmt an die eine oder andere Lehrkraft erinnern, bei der man sich schon gefragt hat, ob sie das Wort „Unterrichtskonzept“ eigentlich kennt. Aber auch bei denen, die grundsätzlich guten Unterricht machen, herrscht oft Unsicherheit bei kniffligen Fragen wie Köperkontakt oder Duzen/Siezen. Mit dieser Unsicherheit werden sie aber komplett allein gelassen. Sorgfältig ausgearbeitete Richtlinien, was genau im Unterricht passieren darf und soll, sind daher längst überfällig. Solche Richtlinien stellen auch keine „Schikane“ oder „Maßregelung“ der Lehrkräfte dar, sondern sollten als Hilfestellung gesehen werden.

Diese Richtlinien existieren ja auch an vielen Hochschulen und Universitäten. Im Bericht wird beispielsweise die Guideline des Royal Northern College of Music in Manchester zum Thema Körperkontakt und intime Beziehungen angesprochen, oder die Berufungsrichtlinien der Bayerischen Universitäten. Manche Musikhochschulen meinen aber wohl immer noch, dass solche Richtlinien nicht für sie gelten oder die künstlerische Entfaltung hemmen würden. Aus den Gesprächen, die wir mit MusikerInnen geführt haben, können wir aber sagen: Das Gegenteil ist der Fall! Die Nachteile, die einem durch Machtmissbrauch oder auch nur unangemessene Unterrichtskonzepte entstehen, sind wesentlich gravierender als eine hypothetische künstlerische Einengung. Sie führen nicht selten dazu, dass man seinen Beruf nicht oder nicht in der Weise, wie man möchte, ausüben kann. Im Fall von Missbrauch ist das schlimm, bei pädagogischer Nicht-Eignung der Lehrkraft nur ärgerlich, da vermeidbar.

Die unangekündigte Überprüfung durch den Hochschulpräsidenten sehen wir kritisch. Zum einen, weil jeder Hochschulangehörige auf irgendeine Art mit den anderen verbandelt ist und eine objektive Beurteilung so kaum möglich sein wird, zum anderen, weil wir uns fragen, wie das schon allein zeitlich aussehen soll. Die HMT München beschäftigt aktuell etwa 125 ProfessorInnen, selbst bei 5 unangekündigten Unterrichtsbesuchen pro Tag würde es etwa einen Monat dauern, alle zu überprüfen. Bei Klassen mit mehr als 10 Studierenden läge die Häufigkeit pro StudentIn also bei einem Besuch alle zwei Semester. Würde der Präsident im Schnitt nur eine Überprüfung pro Tag schaffen, könnte es sogar sein, dass der oder die StudentIn ihn im ganzen Studium nicht zu Gesicht bekommt. Auch hat der Hochschulpräsident vermutlich noch andere Pflichten, denen er in seiner Arbeitszeit nachkommen muss… So stellt sich natürlich die Frage, wie hier die pädagogische Eignung oder ein langfristiges Unterrichtskonzept festgestellt werden soll. Außerdem wäre zu bedenken, dass das Unterrichtsverhalten der Lehrkraft wohl kaum dem Normalzustand entspricht, wenn der Präsident anwesend ist. Gewalt oder gar sexuelle Übergriffe wird er vermutlich nicht beobachten.

Spannend wird sein, wie der Lehrerwechsel in den Fächern möglich sein soll, in denen es nur eine Lehrkraft an der Hochschule gibt. Im Hauptfach Harfe wissen wir, dass dies an fast allen deutschen Musikhochschulen der Fall ist. Ist dann ein Hochschulwechsel nötig, im schlimmsten Fall sogar inklusive kompletter Aufnahmeprüfung? Besonders bei Problemen mit dem Hauptfachlehrer sind Studierende oft psychisch oder musikalisch nicht in der Lage, sich auf eine solche Prüfung vorzubereiten. Wäre die Hochschule wirklich bereit, in so einem Fall spontan eine zweite Lehrkraft einzustellen?

Der Knackpunkt wird nun sein, wie die Musikhochschule(n) mit den Vorschlägen umgehen. Denn es ist ja nicht so, dass (Macht)-Missbrauch bisher erlaubt war. Das System Hochschule war nur nicht in der Lage, dem entgegenzuwirken oder Fälle aufzuklären. Neue Richtlinien müssen auch durchführbar sein. Was wird zum Beispiel passieren, wenn ein Professor oder eine Professorin sich weigert, Richtlinien zu unterschreiben, oder gegen sie verstößt? Gibt es dann spürbare Konsequenzen wie Disziplinarverfahren oder im Extremfall Kündigungen? Wie sind hier überhaupt die arbeitsrechtlichen Möglichkeiten der Hochschulleitung? Was passiert, wenn der Präsident bei einem Unterrichtsbesuch Zweifel an der pädagogischen Eignung der Lehrkraft bekommt? Auf diese Fragen muss die Musikhochschule Antworten haben, wenn den Worten des Berichts auch Taten folgen sollen.

Laura & Daniel

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