Wie wagen sie es nur?

Diese Frage stellt Maria Collien, Mezzosopranistin und Nebenklägerin im Prozess gegen Siegfried Mauser, auf unserem Blog. Aufgrund ihrer Aussage wurde der ehemalige Präsident der Musikhochschule München wegen sexueller Nötigung in drei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Am 8. Oktober 2019 wurde das Urteil vom Bundesgerichtshof bestätigt und ist nun rechtskräftig.

Seit etwa einem Jahr stehen wir mit Maria Collien in Kontakt. In den Gesprächen mit ihr haben wir eine mutige und selbstbewusste Frau erlebt, die bereit war, unter großer Anstrengung und persönlicher Belastung den Gerichtsprozess durchzustehen. Sie hat damit ein Zeichen gesetzt gegen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch in der Musikszene, das uns Bewunderung und Respekt abverlangt.

Nach dem endgültigen Abschluss des Gerichtsprozesses hat sie uns nun gebeten, den untenstehenden Brief zu veröffentlichen. Dieser Bitte kommen wir mit Freuden und aus Überzeugung nach!

Laura & Daniel


Liebe Laura, lieber Daniel, vielen Dank erstmal für euren unermüdlichen Einsatz in der Causa Mauser und auch den vielen anderen Themen und Belangen, die uns MusikerInnen betreffen, das ist großartig!!! Als Betroffene (Nebenklägerin im 2. Mauser Prozess; aufgrund meiner Aussage wurde Mauser jetzt verurteilt) konnte ich mich leider in der langen Zeit des Wartens nicht öffentlich äußern, aber jetzt fällt langsam diese unglaublich lähmende Bande von mir ab.   Nun zur Sache: In einem Bericht von „Theapolis“, wurde Mauser als eine „viel mehr als traurige Gestalt“ bezeichnet. Das sprach mir aus tiefer Seele, und genau das war es, was mich zu meiner Entscheidung bewog, mich auf diesen 2. Prozess in der Sache Mauser einzulassen. Als ich 3 Tage vor Beginn des 1. Prozesses gegen Mauser wirklich rein zufällig davon hörte, wusste ich sofort, ich muss in diesem Prozess meine eigene Geschichte zu Gehör bringen. Ich war nicht nur sekundäre Zeugin, sondern selbst Betroffene von Mausers Machenschaften. Mein Anliegen war es, die Glaubwürdigkeit der beiden Klägerinnen mit meiner Aussage zu unterstützen. Ich war jahrelang im Bereich der klassischen Musik als Sängerin unterwegs und habe dabei so einige Erfahrungen von unangemessener sexueller Anmache, auch verbunden mit zwielichtigen „quid pro quo“ Angeboten bzw. Forderungen gemacht, aber die Dreistigkeit des Herrn Mauser überstieg alles bei Weitem. Es würde hier zu viel Raum einnehmen, in Einzelheiten zu gehen.   Es ist schon seltsam, dass sich bis heute ein so ungeheuerliches Ausmaß an Interpretationsfreiheit gehalten hat, was die ungeschriebenen „Künstlerprivilegien“ betrifft oder besser gesagt, das häufig raubtierhafte Benehmen dessen sich, weit mehr als vermutet, die sogenannten (großartigen) Künstler zu bedienen erlauben oder gar erhaben zu glauben. Viele denken, sich nicht mit moralisch und ethisch integerem Verhalten verantworten zu müssen, weil sie als bewundernswerte Menschen, Künstler oder gar Stars gehandelt werden. Diese selbstdeklarierten Übermenschen, wie wagen sie es nur???   Missbrauch, sexueller wie auch psychischer, ist nicht nur, aber leider eben auch in diesem so verklärten, heiligen und unantastbaren Walhall des klassischen Musikbetriebs und der Musikvermittlung an der Tagesordnung. Gerade deshalb ist das Aufstehen der Betroffenen gegen diese abartigen Missstände dringend nötig und könnte so langfristig vielleicht tatsächlich etwas verändern. Mir persönlich war das Aufkommen der Metoo-Debatte nicht angenehm (unser Prozess hat vor dieser Zeit angefangen), weil ich fürchtete, dass durch diesen Massenaufschrei vom Wesentlichen abgelenkt würde, was leider immer wieder auch stattfindet. Dennoch bin ich inzwischen überzeugt, dass es bei einem derart tief in unserem Gesellschaftsgebaren verankerten Fehlverhalten diese von vielen unterstützte Bewegung braucht. Ohne sie wären vermutlich nicht plötzlich in so kurzer Zeit die vielen Fälle ans Licht gekommen wie: James Levine, Charles Dutoit, Philipp Pickett, Plácido Domingo, Gustav Kuhn, Daniele Gatti...Anmerkung 1 Um nur die bekanntesten zu nennen. Auch die Liste von Mauser ist vermutlich so lang wie die Don Giovannis aus Mozarts gleichnamiger Oper: In der Arie des Leporello „il catalogo é questo“ heißt es „son già mille e tre“. Mit der Anzahl eines Zehntels davon hat Mauser sich höchstselbst im Prozess gebrüstet.Anmerkung 2 Alles geschah natürlich nach seiner Erzählart immer absolut und ausschließlich einvernehmlich.   Mit dem lang erwarteten, nunmehr rechtskräftigen Urteil des BGH im Fall Mauser ist mir große Erleichterung widerfahren. Das war wahrlich kein Spaziergang und hat unendlich viel Kraft gekostet, was in seiner Tiefe sicherlich nur für jemanden, der derartiges durchlebt hat, nachvollziehbar ist. Zunächst hatte ich mich lediglich für eine Aussage als Zeugin im ersten Prozess gegen Mauser bereit erklärt, was sich aber im Handumdrehen nach einer Vorladung bei der Kripo für mich zur Nebenklägerin in einem 2. Prozess entwickelte. Ich hatte zwar große Angst, aber ich fühlte zugleich eine zwingende Verantwortung, diesen Schritt machen zu müssen, denn weiterhin schweigen war keine Option mehr. Heute bin ich nach wie vor überzeugt, dass es richtig war, an dieser eiternden Kruste unseres Metiers aufgrund des mir selbst Widerfahrenen mitgekratzt zu haben.   Gerade deshalb möchte ich eurem Aufruf in diesem Blog, dieses Thema wachzuhalten, nachkommen und alle, die Ähnliches erlebt haben, motivieren, sich wortstark dieser göttergleichen Übermacht des Machtmissbrauchs zu erwehren. Es kann doch nicht sein, dass Wertschätzung, Anerkennung unserer Fähigkeiten und unseres Könnens, nur weil wir Frauen sind, mit einer Art Ablasszahlung unverschämtester Form derer, die in der Hierarchie über uns stehen, erkaufen müssen. Und wer nicht mitspielt bleibt eben draußen.   Wohl gemerkt: Weder möchte ich alle Künstler und auch nicht ausschließlich Männer an den Pranger stellen! Und ich kann nur betonen, dass die weitaus überwiegende Anzahl der KünstlerInnen, denen ich begegnet bin, äußerst integere, bewundernswerte, und respektvolle Kollegen und Kolleginnen waren, vor allem auch die „Großen“! Damit das so bleibt, müssen wir aufstehen und versuchen, die schwarzen Schafe auf den Prüfstand zu bringen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Urteil vielen Betroffenen Mut gibt, sich ebenso einzubringen. Wir müssen den uns gebührenden Respekt einfordern, um dieser Art Unrecht das nötige Maß an Aufmerksamkeit zu geben und somit nach und nach Einhalt zu gebieten. Das klappt aber nur, wenn wir alle das fatale Schweigen brechen und stattdessen Verantwortung übernehmen!!!

Maria Collien, Mezzosopranistin


Anmerkung 1:

Die genannten Personen sind international bekannte Musiker, gegen die in der letzten Zeit im Rahmen der #metoo-Debatte Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe erhoben wurden. Im Einzelnen sind dies:

James Levine
Der US-amerikanische Pianist und Dirigent sah sich erstmals im Oktober 2016 Vorwürfen ausgesetzt, er habe Minderjährige sexuell missbraucht. Levine bestreitet die Vorwürfe. Sein Arbeitgeber, die Metropolitan Opera in New York, leitete eine interne Untersuchung ein, die laut eigener Aussage glaubhafte Beweise für den Missbrauch lieferte. Der Dirigent wurde daraufhin suspendiert, wogegen er Klage einreichte. Die Missbrauchsvorwürfe wurden bislang nicht juristisch aufgearbeitet.

Charles Dutoit
Der Schweizer Dirigent Charles Dutoit wurde 2017 beschuldigt, vier Frauen zwischen 1985 und 2010 sexuell bedrängt zu haben. Daraufhin kündigten viele Orchester die Zusammenarbeit mit ihm auf. Auch hier kam es bislang zu keinem Gerichtsprozess. 2018 verpflichteten die Sankt Petersburger Philharmoniker Dutoit als Gastdirigenten.

Philip Pickett
Der britische Musiker und Spezialist für Alte Musik Philip Picket arbeitete an der Londoner Guildhall School of Music and Drama als Musiklehrer. In den Räumen der Schule kam es durch ihn seit den 1970er Jahren immer wieder zu sexuellen Übergriffen an zum Teil minderjährigen Schülerinnen. 2015 wurde Pickett unter anderem wegen zweifacher Vergewaltigung zu einer Gefängnisstrafe von 11 Jahren verurteilt.

Gustav Kuhn
Der österreichische Dirigent machte sich vor allem als Leiter der von ihm gegründeten Tiroler Festspiele Erl einen Namen. 2018 warfen ihm fünf Musikerinnen sexuelle Übergriffe vor. Kuhn wies die Vorwürfe zwar zurück, legte aber sein Amt als Festspielleiter nieder. Ein Gerichtsprozess erfolgte bislang nicht.

Plácido Domingo
Der jüngste Fall in dieser Auflistung ist erst wenige Wochen alt: Mehrere Frauen warfen dem gefeierten Opernsänger Plácido Domingo sexuelle Übergriffe vor, die teilweise schon Jahrzehnte zurück liegen sollen. Domingo wies die Vorwürfe zurück, gab aber an, dass heute andere Standards gelten würden als früher. In der Folge sagten einige Opernhäuser in den USA Vorstellungen mit dem Sänger ab. Domingo beendete außerdem die Zusammenarbeit mit der Metropolitan Opera in New York. Bei den Salzburger Festspielen hingegen fand ein Auftritt statt, bei dem Domingo demonstrativ vom Publikum gefeiert wurde.

Daniele Gatti
Der italienische Dirigent Daniele Gatti wurde 2018 von seinem Arbeitgeber, dem Amsterdamer Concertgebouworkest, entlassen, weil er sich unangemessen gegenüber Musikerinnen verhalten haben soll. Außerdem warfen ihm zwei Sängerinnen vor, sie 1996 und 2000 sexuell belästigt zu haben. 2019 verkündete das Orchester, den Konflikt beigelegt zu haben und künftig keine Statements zum Fall mehr abzugeben. Dass die Vorwürfe nicht aufgeklärt wurden, ließ viele Beobachter unzufrieden zurück.


Anmerkung 2:

Hier bezieht sich Maria Collien auf eine Aussage Mausers, die er im Gerichtsprozess gemacht hat und die bereits mehrfach in den Medien zitiert worden ist, in der er bestätigt, mindestens hundert Affären gehabt zu haben. Diese Affären fanden laut seiner Aussage alle einvernehmlich statt und es gibt keine Beweise, die etwas anderes vermuten lassen.

3 Comments

  1. Uta Oetzel sagt:

    Sehr geehrte Frau Collien,

    Ihr offener Brief hat mich sehr beeindruckt, vor allem die Klarheit, mit der Sie nicht nur Mauser als Person, sondern die Situation des Musikbetriebs als verantwortlich benennen, und die Differenziertheit Ihrer Stellungnahme. Mir als Psychologin ist aber auch aufgefallen, wie wichtig Ihnen das abschließende Urteil ist, und dass erst das es Ihnen ermöglicht, diesen Brief zu schreiben. Das unterstreicht, welche Bedeutung für Betroffene ein Gerichtsurteil hat. Es gibt ihnen die notwendige Anerkennung und Bestätigung ihres Rechts. Obwohl Sie mutig ihre Verantwortung als Zeugin und Nebenklägerin auf sich genommen haben, waren Sie erst jetzt imstande, diesen Brief zu schreiben. Ich hoffe, dass viele Betroffene ihn lesen und dass er ihnen helfen kann, sich für ihr Recht einzusetzen.
    Ihnen wünsche ich, dass Sie mit Zufriedenheit auf diesen Einsatz zurückschauen können und die Belastungen hinter sich lassen können.

  2. Anja sagt:

    Ich finde sowohl den Bericht als auch die Arbeit des Harfenduos sehr beeindruckend.
    So etwas braucht es unbedingt, auch in anderen Bereichen, um dem Thema entsprechend Rechnung zu tragen!
    Mir liegt daran, in diesem Rahmen darauf hinzuweisen, dass es bei Gerichtsverfahren immer die Möglichkeit einer psychosozialen Prozessbegleitung durch dafür qualifizierte Fachkräfte aus Beratungsstellen gibt. So muss sich keine Frau ganz allein dem stellen. Infos gibt’s z.B. hier https://www.bmjv.de/DE/Themen/OpferschutzUndGewaltpraevention/Prozessbegleitung/Prozessbegleitung_node.html

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