#metoo-Entwicklung der letzten Wochen

Es hat sich viel getan in den letzten Wochen. Dass Siegfried Mausers Revisionsantrag abgelehnt und das Urteil zu neun Monaten auf Bewährung nun rechtskräftig ist, hatten wir bereits berichtet. Wer dachte, die Geschichte sei damit erledigt, sieht sich getäuscht: Intensiv bemüht sich das persönliche Umfeld Mausers nach wie vor, alle Anschuldigungen als Intrige darzustellen, um seinen Ruf zu retten.

Die verunglückte ARD-Doku

Doch der Reihe nach: Im September erfolgte die Ablehnung des Revisionsantrags. Kurze Zeit später strahlte die ARD die unserer Meinung nach etwas verunglückte Dokumentation „Die Hand am Po“ aus, in der es unter anderem um den Fall Mauser ging. Neben den beiden Nebenklägerinnen Christine Schornsheim und Maria Collien kam darin auch Siegfried Mauser persönlich zu Wort. In der ZEIT wurde die Doku besprochen und kritisiert, dort heißt es unter anderem: „Im Film nun sieht man ihn [Siegfried Mauser] Klavier spielen – und reden, Stellung beziehen in eigener Sache. Haben seine Anwälte das vor dem Münchner Landgericht nicht hinlänglich getan, fragt man sich, ist das Ergebnis nicht gut bekannt?“
Um es hier noch einmal ganz deutlich zu sagen: Das Urteil gegen Siegfried Mauser ist rechtskräftig, seine Schuld wurde im juristischen Sinne zweifelsfrei festgestellt. Alle Behauptungen von ihm und seinem Umfeld, die Frauen hätten gelogen, wurden widerlegt. In unserem Interview mit den beiden SPIEGEL-Journalisten Jan-Phillip Möller und Martin Knobbe fragten wir sie auch nach dieser angeblichen Verschwörung. Ihre Antwort: „Wir haben in unserer intensiven Recherche, auch mit der Hilfe von Experten, abgewogen, welche Motive uns wahrscheinlich erscheinen. Rache erschien uns als Erklärung für die Aussagen der Geschädigten wenig nachvollziehbar.“

Absage für Mauser in der Uni Heidelberg

In der Doku ensteht bisweilen der Eindruck, es gäbe noch Zweifel, ob Siegfried Mauser wirklich ein Sexualstraftäter ist. Doch diese Zweifel gibt es nicht mehr, auch wenn einige besonders Starrsinnige dies nicht einsehen wollen. So hatte der Germanist Dieter Borchmeyer Mauser zu einem Gesprächskonzert am 5. Dezember in die Große Aula der Uni Heidelberg eingeladen. Die Uni wehrte sich erfolgreich dagegen und die Veranstaltung wurde abgesagt. Für Borchmeyer ist das völlig unverständlich, die Absage erfolgte auf „Druck einer Minderheit, die wegen eines Gerichtsurteils glaubt, den Mann nun ganz vernichten zu müssen“, wird er in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 16. November zitiert. Und schließlich äußerte sich auch Nike Wagner in der gleichen Zeitung zum Fall: Es handele sich um eine böswillige Intrige, angezettelt im Inneren der Münchner Musikhochschule. Und weiter: „Frauen, die einen Job wollen, sind auch nicht immer nur Engel.“

Die Heidelberger Studierenden reagieren

Die Studierenden ließen sich das nicht gefallen. Auf Facebook äußerte sich der Studierendenrat der Universität Heidelberg. Er wies den Vorwurf, eine kontroverse Debatte zu vermeiden, scharf zurück: „Was soll auf dieser debattiert werden? Die Rechtmäßigkeit zweier Gerichtsurteile gegenüber Mauser? Ja, wir sollten als Gesellschaft Straftäter*innen nicht bedingungslos und auf ewig verdammen. Genauso wenig sollten wir so tun als wäre nichts geschehen. Das sind wir den Geschädigten schuldig.“ Außerdem wies er darauf hin, dass eine Resozialisierung, wie man sie auch in solchen Fällen anstreben sollte, nur bei Einsicht und Verbüßung der juristischen Strafe erfolgen kann. Beides sei im Fall Mauser noch nicht geschehen.
Und auch der amtierende Präsident der Münchner Musikhochschule, Bernd Redmann, wollte die Vorwürfe Wagners nicht so stehen lassen. In einem offenen Brief stellt er klar, dass sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch nicht durch musikalische Verdienste gerechtfertigt werden können. Außerdem ermutigt er Betroffene, über ihre Erlebnisse zu sprechen, um „tradierte Narrative zu durchbrechen.“

Weiter zur Tagesordnung: Das geht nicht mehr!

Natürlich sind die Äußerungen Wagners und Borchmeyers zu kritisieren, keine Frage. Sie haben aber auch ein Positives: Es wird immer schwieriger, keine Position in der #metoo-Debatte zu beziehen. Viele haben bisher abgewartet und gehofft, dass sich die Aufregung irgendwann von alleine legt und man wieder zur Tagesordnung übergehen kann. Doch die zitierten Aussagen machen es durch ihre Unverschämtheit fast unmöglich, keine Partei zu ergreifen.
Die Münchner Musikhochschule hielt sich beispielsweise lange bedeckt im Fall Mauser, der Brief Redmanns ist da schon ein bemerkenswerter Schritt, der aus unserer Sicht überfällig war und den wir absolut begrüßen. Die Stimme der Musiker und vor allem der Musikstudierenden selbst ist dagegen nach wie vor kaum zu vernehmen. Einen Aufschrei der Empörung wie in Heidelberg hätte es an einer Musikhochschule wahrscheinlich nicht gegeben. Bestes Beispiel München: Obwohl der ehemelige Präsident nun ein verurteilter Sexualstraftäter ist und zwischenzeitlich den Wunsch geäußert hatte, wieder in München unterrichten zu wollen, hat es bisher keine Aktion oder auch nur Stellungnahme der Musikstudierenden gegeben.
Aus persönlichen Gesprächen mit Studierenden wissen wir, dass der Unmut über die Vorgänge durchaus vorhanden ist. Gleichwohl ist da aber auch die Angst, sich öffentlich zu äußern. Bei all den Gegenmaßnahmen, die von den Musikhochschulen eingeleitet wurden, muss man also wohl trotzdem die Bilanz ziehen: Das Klima hat sich noch nicht ausreichend geändert.
Wir würden uns wünschen, dass in Zukunft nicht mehr die unsäglichen „Frauen sind tückische Tellerminen“ oder „Frauen sind auch nicht immer nur Engel“-Zitate die Schlagzeilen bestimmen. Wie wäre es stattdessen mit Solidaritätsbekundungen mit den Betroffenen oder Kampagnen gegen Missbrauch? Dafür werden wir uns weiter engagieren.

Laura & Daniel

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